laut.de-Kritik

Alles erreicht und trotzdem nicht satt: Scratch Is Alive!

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Kommen, sehen, siegen. Was weiland Julius Cäsar plante, Lee 'Scratch' Perry gelingt es mühelos. Vom ersten hallenden "Hallo?" an besteht kein Zweifel: Der Upsetter ist alles andere als reif für die Rente. "Scratch Is Alive", auch wenn die hörbar gealterte Stimme ein exzessiv gelebtes Leben widerspiegelt.

Lee 'Scratch' Perry hat, obwohl er einiges daran setzte, das zu verhindern, mittlerweile die Siebzig überschritten. Unterwegs erfand er den Dub, ebnete Roots-Reggae den Weg und hob ein ganzes Genre auf ein neues Level. Ein Pionier, ein Genie, madder than mad.

Altersweisheit und eine gute Portion Wahnsinn schützen wirksam vor Langeweile: Trotz reduzierter Schlichtheit bersten Perrys Tunes vor unterschwelliger Dynamik. Eingängige Melodien, exzellent ins Ohr tropfende Bassläufe, dezent eingesetzte Bläser- und Percussion-Passagen, eine Spur Echo: Perrys Werk lebt davon ebenso wie von den simplen Wahrheiten, die seine Lyrics beherrschen.

"Drink your drink, smoke your weed, think your think, funk your funk." Kaum mehr bedarf es für eine funktionierende Party, höchstens vielleicht ein bisschen "Heavy Voodoo". Herren gesetzten Alters dürfen gerne den warnenden Zeigefinger erheben, gleich zweimal, wenn sie damit Recht haben: "Don't drink and drive - that will save your life."

Perry predigt Geradlinigkeit, preist "Saint Selassie" und dankt fast einen ganzen Track lang dem Stargast und seiner Gitarre fürs Kommen. Lee 'Scratch' Perry verdammt das Kapital, buht Politiker, Soldaten und andere "Sinful Fuckers" aus. Messerwetzen inklusive. Das ganze babylonische System bekommt pfundweise sein Fett weg.

Neben Rolling Stone Keith Richards, der zwei Tracks mit Gitarrenmelodien veredelt, tritt George Clinton auf den Plan. Klar, dass unter Beteiligung seines Flagg- und Mutterschiff-Käpt'ns der P-Funk das Ruder übernimmt: "Headz Gonna Roll".

Das alles geschieht in einer Weise lässig und unaufdringlich, dass das Resultat wie eine wohltuende, Sound gewordene Atempause anmutet. Eine Atempause jedoch, in der unter den sonnigen Grooves eine Zeitbombe tickt. Die explodiert, sobald die Saat der Zeilen aufgeht, die Perry wie Gebote in den Raum stellt.

"I remain. I am permanent." Wie war das noch gleich, mit dem richtigen Moment für den Rückzug? Für Lee 'Scratch' Perry kommt dieser bestimmt auch noch, schätzungsweise im Jahr 2525. Bis dahin dürfte sich die Zeit an diesem irren alten Knochen noch den einen oder anderen Zahn ausbeißen.

Trackliste

  1. 1. Having A Party
  2. 2. Heavy Voodoo feat. Keith Richards
  3. 3. Saint Selassie
  4. 4. Scratch Is Alive
  5. 5. Jealousy
  6. 6. Yee Ha Ha Ha
  7. 7. The Game Black
  8. 8. Headz Gonna Roll feat. George Clinton
  9. 9. Rolling Thunder
  10. 10. Rastafari Live
  11. 11. Once's There's A Will There's A Will feat. Keith Richards
  12. 12. Sinful Fuckers
  13. 13. The Seven Wishes Of Lee 'Scratch' Perry

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