1. August 2007

"An Weihnachten könnte ich tot sein!"

Interview geführt von

Lee Hazlewood ist eine amerikanische Legende. In den 60er Jahren reüssierte der Songwriter an der Seite von Nancy Sinatra, in den 70ern schrieb er Songs, die heute von Bands wie Lambchop, Calexico und von Jarvis Cocker gecovert werden. Jüngst sorgte eine Kooperation Hazlewoods mit Bela B. und die "Summer Wine"-Coverversion von Ville Valo und Natalia Avelon für Aufsehen.Dem besonderen Engagement der Plattenfirma Four Music, blindwütiger Eigeninitiative und seiner ungemein freundlichen Ehefrau ist es in erster Linie zu verdanken, dass ich Lee Hazlewood ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung seines letzten Albums "Cake Or Death" noch zum Interview treffe. Nicht ganz ohne Hintergedanken wählte ich im Vorfeld das Glücksspielmekka Las Vegas als finale Station meines US-Urlaubstrips mit den Kollegen Mengele, Dobler und Friedrich, wo sich der 77-jährige US-Songwriter seit ein paar Jahren am Rande der Wüste niedergelassen hat.

Interviews mit dem Mann sind rar, da der frühere Komponist und Partner Nancy Sinatras ("These Boots Are Made For Walking") mit der brummenden Whiskeystimme an Nierenkrebs leidet und aufgrund der damit verbundenen Medikation von Schwindel- und Übelkeitsanfällen geplagt wird. Bereits im Oktober 2006, als das Label einige Journalisten nach Las Vegas einfliegen ließ, musste Hazlewood Interviews entweder kurz unter- oder gar ganz abbrechen. Seither ändert sich sein Gesundheitszustand im Tagesrhythmus.

Mit den aufmunternden Worten im Gepäck, die mir Hazlewoods Manager im Vorfeld sendete ("Lee has said yes. If he's still alive!"), melde ich mich wie vereinbart am Morgen des Interviews telefonisch bei seiner Ehefrau, die mich erst mal hochnimmt: "Könntest du vielleicht nächste Woche kommen?" Bevor ich zu stammeln beginne, unterbricht mich schallendes Gelächter, es kann also tatsächlich losgehen. Eines der wahrscheinlich letzten Interviews mit einem der letzten großen Songwriter aus einer längst vergangenen Zeit.

Lee Hazlewood wohnt in Henderson, einem 20 Kilometer südlich vom Strip gelegenen Vorort von Las Vegas. Die trockene Hitze Nevadas sei gut für sein Befinden, nimmt er später Bezug auf die Wahl seines Wohnorts. Nachdem uns sein auch schon 50-jähriger Sohn Mark herein bittet, überwinden Kollege Dobler und ich mit nur zwei Schritten erstmal gute zwei Zehner-Blöcke auf der Fahrenheitskala. Die Klimaanlage läuft notwendigerweise auf Hochtouren, die Rolläden sind heruntergelassen und Lee Hazlewood sitzt im angrenzenden Wohnbereich auf einem Sofa.

Er trägt eine Sonnenbrille und eine Ferrari-Schildmütze. Sein Gehstock, den er zwei Stunden später nur für die Verabschiedung in Betrieb nimmt, lehnt seitlich am Sofa. Er wirkt ein wenig gebrechlich, gleichzeitig aber hellwach. Wir scheinen ihn an einem guten Tag erwischt zu haben. Unter der Weste trägt er ein T-Shirt mit der Aufschrift "I'm Not Dead Yet". Seinen Humor scheint er auch nicht verloren zu haben.

Hi Mr. Hazlewood. Ich bin Michael von laut.de ...

Hi Michael, nice to meet you. Und wieso hast du den hier mitgebracht? Damit er auf dich aufpasst? (lacht)

Nee, der wollte halt unbedingt mit.

Jaja, schon gut, setzt euch.

Also, ich möchte mich erstmal bedanken, dass du uns eingeladen hast, da ich ...

Wieso? Du hast dich doch selbst eingeladen.

Okay, stimmt. Ich hätte aber eigentlich letztes Jahr unter den fünf Kollegen sein sollen, die dich zum Release von "Cake Or Death" interviewt haben. Hat leider nicht geklappt damals, weil mein neuer Reisepass nicht rechtzeitig fertig wurde.

Da siehste mal, und ich hätte glatt sterben können bei der ganzen Warterei.

Ja, tut mir leid.

Lees Ehefrau kommt zu uns: "Was möchtet ihr trinken? Wir haben Wasser, Diät-Cola, Limo, Orangensaft, ...

Alkohol gibts nicht. Ich darf keinen trinken, also trinkt ihr auch keinen.

Verstehe. Seit wann trinkst du denn gar nichts mehr?

Ach, schon eine ganze Weile - ah Moment, eins noch bevor ichs vergesse: Ich bin mit Schmerzmitteln vollgepumpt, wenn ich also ab und zu stottere, sind es die Arzneien, nicht ich. So. Alles klar? Wo waren wir?

Eigentlich bei meinem Missgeschick, dass ich dich letztes Jahr nicht interviewen konnte, weil ich aufgrund eines Feiertages innerhalb von vier Tagen keinen neuen biometrischen Reisepass bekommen habe. Es geht ja ziemlich streng zu bei euch heutzutage.

Ich weiß, ich weiß. Eure Ausländer wollten uns halt alle in die Luft sprengen. Ich wünschte, sie hätten es getan. (lacht) Äh, für welches Magazin schreibt ihr noch mal? Sorry, aber ich kriege das nicht mehr alles auf die Reihe.

Für das deutsche Online-Musikmagazin laut.de. Wir berichten über Neuigkeiten aus der Musikwelt, besprechen Platten, z. B. auch "Cake Or Death" und haben ein großes Künstlerarchiv mit Biografien und Diskografien.

Ich finde es klasse, dass ihr keine Amerikaner seid. Wisst ihr, die Amerikaner kommen immer mit ihren Fragen an und ich sage ihnen: Ihr verschwendet nur eure Zeit. Ich verkaufe sowieso keine Platten. Dann sagen sie, die neue Platte sei aber toll und so, aber ich weiß doch wie's läuft. Ich mache das Spiel seit Jahren mit und allen Reviews zum Trotz darf ich behaupten: Ich verkaufe in Amerika keine Platten.

In Europa aber schon. Das geht da zwar auch über einen Zeitraum von mehreren Jahren, aber bei euch läuft es. Keine Ahnung, wo sich die alle verstecken und sich heimlich meine Platten vorspielen. Für Amerika finde ich diesen ganzen Aufwand immer etwas schwachsinnig, aber egal. Die New York Times, die eigentlich all die Jahre nur freundlich zu mir gewesen ist, war ein weiteres Mal freundlich zu mir.

Von der L.A. Times und Billboard kann ich auch nichts anderes behaupten. Nicht dass es mich sonderlich interessieren würde, denn die Artikel ernähren nicht meine Familie, aber es war schon nett.

Hast du eine Idee, wieso sie so nett zu dir sind?

Ich denke mal, weil ich ein verdammt alter Hurensohn bin. Aber im Endeffekt mögen sie weniger mich als vielmehr die Songs. Denn ganz bestimmt gefallen ihnen meine Antworten auf gewisse Fragen nicht so sehr. Sie sagen zum Beispiel: "So, jetzt kommen wir zu einem biografischen Detail, zu dieser Geschichte hier, die sie damals persönlich erlebt haben". Dann sage ich immer: Nö!

Ich schreibe Songs, so wie du jeden Morgen zur Arbeit gehst. Ich habe eine Idee, schreibe etwas runter und dann lasse ich es vielleicht eine Ewigkeit rumliegen. Manchmal schnappe ich auch etwas auf, das ich verarbeite, aber meine Texte sind nie autobiografisch.

Also erklärst du deine Songs auch nicht gerne?

Da gibt es nix zu erklären, außer dass sie Gedanken ausdrücken, die ich zu einer bestimmten Zeit mit mir herumgetragen habe. Mein Gitarrist Al Casey, der mich begleitete seit ich 16 bin und mittlerweile leider gestorben ist, pflegte immer zu sagen: "Die besten Songs von Lee kennt sowieso keiner." Und er kannte meine Songs sicher besser als irgendjemand sonst. Naja, und daraufhin fragten die jungen Musiker immer, wie sie denn an diese Songs heran kämen und dann sagte er: "Gar nicht. Lee hat den ganzen Song weggeworfen."

Perfektionistische Veranlagung.

Naja, ach, manchmal schreibe ich halt zu viel, dann muss man auch was wegwerfen. Manchmal hebe ich nur eine Strophe auf oder so. Wisst ihr, Al hat mit so vielen Musikern auf Pop-, Jazz- und Countryplatten zusammen gespielt, er war es einfach gewöhnt, dass Songwriter tausend Ideen gleichzeitig umsetzen. Ich arbeite überhaupt nicht so, und das hat ihn oft zur Verzweiflung gebracht.

Das Schreiben ist kein einfacher Prozess für mich. Natürlich ist es praktisch, wenn du das umsetzt, was du als allererstes schreibst, aber so läuft es eben selten. Mit Al habe ich auch meinen besten Kritiker verloren. Er hat eigentlich auf allen meinen Platten mitgearbeitet, nur auf der letzten nicht, da war er schon sehr krank. Wo immer ich auch aufgenommen habe, in Europa oder sonstwo, er wusste immer genau, was ich mir genau vorstellte und konnte das auch den Arrangeuren sehr gut klarmachen.

"Ich verstehe Belas Song gar nicht"


Vor einigen Jahren versuchte ich an Informationen über dich als Musiker zu gelangen ...

Ich bin kein Musiker, ich kann ja gerade mal eine Gitarre richtig halten. Ich habe zwar ein paar davon, aber Al sagte immer, ich bräuchte sowieso nur eine einzige Saite. Stimmt genau, ich brauche die Gitarre nur zum Schreiben. Manchmal spielte ich einen Akkord und fragte Al, wie heißt der? Und er sagte, wenn du ihn richtig spielen würdest, wäre es jener, aber du spielst nur eine Saite und singst die restlichen Noten.

Ich hatte eben keine musikalische Vorbildung. Vielleicht ist es gerade diese simple Vorgehensweise, die die Kids an meinen Songs mögen. Diese ewige Interpretiererei nervt mich sowieso. Songs bedeuten überhaupt nichts, außer einer Möglichkeit an Geld zu kommen, das man in eine Bar tragen kann, um einen Scotch zu bestellen.

Letztes Jahr traf ich Bela B., der mir erzählte, dass du nicht mehr in Schweden, sondern hier in Las Vegas lebst. Davon wusste ich gar nichts, auch weil man im Internet nichts aktuelles über dich findet. Jedenfalls konnte ich bei der Gelegenheit einen anderen Lee Hazlewood-Fan ausfragen, und wie ich hörte, hast du zu deinem 77. Geburtstag noch mal eine große Party gegeben.

Ich hoffe, du bist ein noch größerer Fan als Bela, denn er ist schon ziemlich verrückt. Ich mag ihn sehr. Ich würde ihn sogar mögen, wenn er kein Fan wäre. Das Tolle an ihm ist, er denkt wie ich nicht in geraden Bahnen, sondern immer im Zickzack. Solche Leute sind mir immer sympathisch. Außerdem hat er einen tollen Humor, ist sehr empfindsam und natürlich auch komplett verrückt. Wunderbar.

Auch sein Label ist sehr sympathisch, ich wusste gar nicht, dass es zu Sony gehört. Ich habe ja nie auf Majorlabels veröffentlicht, außer in den 50ern, 60ern und Teilen der 70er. Okay, stimmt nicht ganz, manchmal wollte mich einfach kein kleines Label.

Als generöse Geste hast du bei deiner Party ja extra für Bela einen Sportkanal abonniert, damit er die Fußball-WM sehen kann.

Yeah, und dann verlieren sie auch noch! Wir hatten Deutsche, Engländer und Amerikaner hier. Und die Amerikaner fanden es ungefähr ab dem Moment spannend, als ihr angefangen habt, zu verlieren. Und dann natürlich diese Szene mit dem Kopfstoß im Finale. Sie sagten: Dieser Italiener hat echt ein Schwein. Wenn er das, was er da zu seinem Gegenspieler gesagt hat, im American Football gesagt hätte, wäre er tot gewesen. Wahrscheinlich haben sie Recht.

Der italienische Spieler veröffentlichte nach der WM sogar ein Buch, das sich nur um diese Szene drehte.

Tatsächlich? Es ging um seine Mama, richtig? Bei uns hier sind die Jungs vom American Football echte Kerle, die sich in erster Linie um ihre Mama, die Flagge und die Regierung sorgen. Gut, machen wir alle dann und wann. Aber das sind waschechte Amerikaner. Und zu denen kannst du sowas einfach nicht sagen. Du kannst ihre Ehefrau beleidigen, aber niemals die Mama oder die Flagge. Naja, jedenfalls war das echt klasse letztes Jahr. Wir hatten mexikanisches Bier, und zwei Köche aus Phoenix besorgten das Essen.

Das mit dem Fußballprogramm war aber nicht ganz so einfach, denn meine Sportkanäle bieten so ungefähr jede Sportart an außer Fußball. Also rief ich bei dieser Firma an und sagte, ich bräuchte unbedingt diese internationalen Fußballspiele. Am anderen Ende der Leitung war erst mal Funkstille und ich dachte nur, oh mein Gott, das kostet dich bestimmt 200 Dollar.

Mir wäre es egal gewesen, wenn die Jungs das sehen wollen, soll es mir recht sein und ich hätte ja auch immer schön fluchen können: "Und für diesen Scheiß habe ich 200 Dollar ausgegeben?" Naja und dann meint der Typ am Telefon: "Das macht dann 12 Dollar." Und ich: "12 Dollar? Worauf wartest du noch, ich will es auf allen Fernsehern im Haus." Ich habe nicht meinen besten englischen Akzent angewendet, denn ich habe gar keinen. Für Bela hat sich der Spaß übrigens auch gelohnt, denn er hat während des Turniers auf die Spiele gewettet und am Schluss gewonnen.

Hat dein alter Freund aus Phoenix, der Bluessänger Tommy Parsons, auch mitgewettet? Bela meinte, der sei vom Fußball irgendwann total angefixt gewesen.

Nein, Tommy hat Diabetes, ihm geht es also ähnlich schlecht wie mir. Apropos, habt ihr mein T-Shirt gesehen? Lee zieht seine Weste demonstrativ zur Seite und zeigt stolz die Shirt-Aufschrift "I'm Not Dead Yet"

Ja, großartig!

Eines meiner Lieblingszitate von Monty Python. Ich lebte damals in Schweden als diese Monty Python-Sache losging. An Donnerstagen wussten meine Freunde immer, dass sie mich gar nicht erst anrufen brauchten, um irgendwohin zu gehen, denn Donnerstag Abends war Monty Python time. Ich lud auch gerne schwedische Freunde zu mir ein, die meisten kannten es damals ja noch nicht.

Monty Python ist unglaublich. Bevor ich richtig krank wurde, bin ich mit meiner Frau mal in New York gewesen und wir haben uns das Monty Python-Musical angesehen. Ich hätte es nie erwartet, aber sie haben es wirklich wunderbar hinbekommen. Sogar all die total abgedrehten Sachen der Serie konnten sie auf die Bühne bringen.

Sie haben einen Song im Programm, der heißt "To Have A Hit On Broadway You Gotta Have Jews". Unglaublich. Meine Frau und ich lagen am Boden, ein großer Teil meiner Familie ist übrigens auch jüdisch. Natürlich bekamen auch die Schwulen ihr Fett weg. Es war so lustig, denn gleich in unserer Reihe saßen einige Schwule, die sich auch nicht mehr halten konnten. Es gab keinerlei Tabus, wie man es kennt eben.

Können wir noch mal kurz zu Bela zurückkommen? Was ging dir durch den Kopf, als du eine Anfrage eines deutschen Rockstars in deiner Mailbox vorfandest?

Oh, er meldete sich nicht direkt bei mir, sondern bei meinem Agenten in Europa. Der rief mich dann an und meinte, da wäre so eine Anfrage reingekommen. Der Kerl sei in Deutschland eine große Nummer, und er sei sich sicher, dass er mir gefallen würde. Und dann schickte er mir ein Tape mit der instrumentalen Rohfassung des entsprechenden Duettsongs ("Lee Hazlewood & Das Erste Lied Des Tages", Anm. d. Red.).

Und hey, das klang ja wie 60er Jahre-Surfsong! Ich war total perplex. Das muss ja ein schräger Vogel sein, wenn er mit so einem alten Heuler durchkommt. Als ich kurze Zeit später den Song mit seiner Stimme hörte, war ich endgültig baff: Der Kerl hat ja genau so eine Whiskeystimme wie ich, zum Henker! Ja und dann haben wir uns getroffen und uns auf Anhieb blendend verstanden.

Du kannst ihm jetzt gerne etwas ausrichten. Damals meinte Bela, er schaut auch ab und zu auf unserer Seite vorbei.

So? Also gut: Bela, ich würde jederzeit wieder mit dir arbeiten! Du musst mich nur ins Studio rollen! Ruf einfach an. Es lief alles so locker damals: Wir hätten uns zwei oder drei Stunden Zeit nehmen können, aber nach 20 Minuten oder so war die Nummer schon im Kasten.

Du würdest also schon noch mal ein Studio betreten, nachdem du "Cake Or Death" als dein letztes Album bezeichnet hast?

Ja gut, das ist definitiv mein letztes Album. Aber für Bela würde ich es schon noch mal machen, einfach weil wir so viel Spaß hatten. Obwohl ich diesen Song ja immer noch nicht verstehe .... Also nicht wegen der deutschen Sprache. Ich verstehe ihn auch auf englisch nicht.

Hat Bela ihn dir denn nicht erklärt?

Doch doch, hat er. Mehrmals. Aber ich verstehe ihn trotzdem nicht. Ich meine, ich bin jetzt nicht senil oder so. Ich weiß auch nicht. Aber es ist ein toller Song. Und er hat eine tolle Crew um sich, das ist auch sehr wichtig. Als ich jung war und noch in den Studios gelebt habe, schleppte ich auch immer meine Gang mit mir rum, Arrangeure und Toningenieure.

Man kann seine Musiker wechseln, aber niemals die Technik-Mannschaft. In diesem Geschäft musst du dich über so viele Dinge aufregen, da sollte man nicht auch noch seine Crew wechseln. Zum Produzieren kam ich ja auch nur, weil ich beim Platten hören das Gefühl hatte, ich könne das alles besser.

Ich lebte damals in Phoenix und dort kannte ich keinen Produzenten, also ging ich mit meinen Songs nach L.A. und dort gefielen sie keinem. So kam ich zum Produzieren, einfach weil keiner meine Songs mochte. Übrigens wurde ich so auch zum Verleger meiner Songs, Gott sei noch einmal gedankt dafür.

Ich war vielleicht Mitte 20 und arbeitete als DJ für einen Radiosender in Phoenix. Damals gab es dort noch 13 oder 14 verschiedene Sender, und in der allgemeinen Beliebtheitsskala rangierten wir so auf Platz 13 oder 14, nur meine Show am Morgen, die war auf Platz 1 oder 2. Aber mich haben diese Statistiken eh nie interessiert.

Ich arbeitete vier Stunden am Morgen und dann ging ich nach Hause und schrieb Songs. Wisst ihr, unser Sender spielte nur so Zeug wie Bing Crosby und Perry Como, und ich spielte halt Little Willie John und so Rhythm'n'Blues-Zeug. Sie feuerten mich buchstäblich nach jeder Show, so lange bis die neuen Hörerstatistiken reinkamen. Andauernd hieß es: Lee, hör auf, dieses neue Zeug zu spielen.

Ich fragte dann immer: "Wieso? Perry Como-Songs könnt ihr ja auflegen." Darauf mein Chef: "Ja, aber das klingt scheiße nach Little Richard." Womit er wohl Recht hatte. Als meine Show immer mehr Hörer fand, bekam ich auch mehr Geld, das wusste ich übrigens auch erst, als es so weit war. Ich verdiente damals etwa 100 Dollar die Woche, das war okay.

Bist du eine nostalgische Person? Schaust du gerne auf deine Jugend zurück?

Ich muss ja zurückblicken, weil nach vorne nicht mehr viel geht. Vielleicht bin ich an Weihnachten ja schon in meiner Urne.

Mein Opa ist gerade 97 Jahre alt geworden, und neben den üblichen Alterserscheinungen beschreibt er den Prozess des Alterns gerne mit dem Satz: "Das Schlimmste ist, zu wissen, dass ein Glas Wein nie mehr so schmecken wird wie in der Jugend."

Ja, das ist wahr. Die Ärzte sagten mir damals, Lee, du kannst keinen Scotch mehr trinken, höchstens ab und zu abends mal soundsoviel. Aber so viel trinke ich ja nicht mal. Ich betrinke mich nicht, denn ich hasse Betrunkene. Ich mag einfach nur den Geschmack und ich will gute Gespräche führen. Früher war der Scotch so was wie eine Belohnung, wenn ich etwas gut hinbekommen hatte.

Aber es stimmt schon, als ich vor einer Weile nach mehreren Monaten mal wieder ein Glas in die Hände bekam, schmeckte es einfach nicht mehr wie früher. Und ich trinke keinen billigen Scotch, das habe ich nie getan! In meinen 20ern habe ich damit angefangen ... oh, darf ich euch meine Katze vorstellen - das ist Chewy.

Eine schwarze Katze springt auf den Fenstersims des Zimmers.

Sie weiß nicht, dass sie eine Katze ist. Sie denkt, sie sei ein Panther. Dort springt sie immer rauf, weil sie so die Vögel im Garten beobachten kann. Sie liebt es, Vögel zu fangen und zu essen. Aber sie hat noch nie einen gefangen. So ist das mit alten Pussycats eben. Einmal sah ich sie an und sagte zu meiner Frau: "Chewy sieht einsam aus, wir sollten ihr eine Katze kaufen."

Also gingen wir los und besorgten eine zweite Katze, ein Katzenmädchen für Chewy. Sie sind beide sterilisiert, in der Richtung kriegen wir also keine Probleme. Wir nannten sie Sonya Sonovich, mir war nach einem russischen Namen. Ihre Zucht hat eine spezielle Farbe, es geht in Richtung tarnfarben. Eine Art Kriegskatze also.

"War cat", auch ein guter Name.

Ich hatte mal eine Katze namens Killer Pussy. Darauf kam ich wegen einer tollen Gruppe, die in den 80ern in Los Angeles sehr berühmt war. Einmal wollte ich auf ein Konzert von irgendjemandem gehen, und sie waren die Vorgruppe. Eine sehr gute Garagenband und sie wussten nicht mal, wie gut sie waren. Ich schaute sie mir daraufhin noch zwei oder drei Mal an und traf die Band dann nach einem Auftritt, woran sie sich heute sicher nicht mehr erinnern. Ich glaube auch nicht, dass sie mich kannten. Weiß ich nicht mehr. Jedenfalls verkaufte sich ihre erste Platte in L.A. 100.000 Mal, allerdings nur in L.A., außerhalb interessierte es niemanden.

Als ich den Plattentitel sah, war mir klar warum. Er lautete: "Nurses In Bondage". Und by the way: Es war nichts Dreckiges. Ihre zweite Platte verkaufte sich nur noch 60.000 Mal, ich kannte da einen Typen vom Vertrieb, der es auf seinem kleinen Label rausbrachte und ganz am Anfang wollte auch niemand anderes diese Band unter Vertrag nehmen. Einige erzählten ihnen wohl, sie sollten sich umbenennen, in The Killers oder so, aber das gefiel ihnen nicht.

In L.A. gab es in den 90ern auch mal eine Band, die hieß Fuck. Vielleicht gibts die sogar noch. Wahrscheinlich wundern die sich heute noch, warum sie keinen Hit landen konnten. Ich hab mir aus Bandnamen nie was gemacht, ich kann mir auch keine merken. Mit Bandnamen ist es wie mit schlechten Fotos, irgendwann tauchen sie irgendwo wieder auf.

"An einem perfekten Tag geht es mir zu 20% gut"


Du hast hier ja auch ein paar Fotos deiner Vergangenheit eingerahmt und aufgehängt.

Ja, diese hier sind erst etwa acht Jahre alt. (zeigt auf zwei Portraits, worauf er mit einem Tiger zu sehen ist) Der Fotograf fand, das sei eine tolle Idee, weil der Tiger und ich die gleiche Stimme hätten.

Und dieses Plakat eines Nancy Sinatra-Auftritts?

Das war in San Francisco, als sie ihre Comeback-Tour hatte. Die in den 90er Jahren. Das hat der Typ gemacht, der die Fillmore-Plakate entwirft. Ich begleitete sie damals, ohne dass die Leute es wussten, denn mein Name stand ja auch nirgendwo drauf. Eine Spitzen-Idee. Nancy fing an, sang ein paar meiner Songs und meinte dann so nach 20 Minuten: "Und jetzt kommt noch ein Lee Hazlewood-Song. Übrigens, hat einer von euch den alten Bastard in letzter Zeit mal gesehen? Oh, da ist er ja!" Und dann kam ich raus und wir brachten unsere Nummern.

Bei uns in Europa hatte Nancy eigentlich erst vor drei Jahren ein Comeback mit einem Album, auf dem ebenfalls viele Gastmusiker vertreten waren.

Ja, aber das ist ihr Ding. Damit habe ich nichts zu tun.

Ich habe sie 2004 in München live gesehen. Da es dir gesundheitlich offenbar gerade nicht gut ging, widmete sie dir den Song "Friday's Child".

Ah, der handelt von meinem Vater. Er arbeitete auf Ölfeldern, organisierte Bohrungen und so. Ein großartiger Mann. Die "13" war seine Glückszahl, und wenn der 13. auf einen Freitag fiel, beteten wir oft für eine neue Ölfundstelle. Es war sein Glückstag, ich glaube er ist auch an einem Freitag, den 13. geboren. Ja, Nancy liebte diesen Song, ein komischer Song, eine Art Blues. Sie fand ihn auf einem meiner alten Alben und wunderte sich, dass ihn noch niemand anderes gecovert hat. Ich sagte: "Dann mach du es eben."

Sie erzählte mir später, dass viele sie auf den Song ansprechen, was mich überrascht, denn es war nie eine Single. In Europa stehen sie eben auf diese unbekannten Sachen. In Amerika verhält es sich ein bisschen anders: Hier steht ganz klar sie im Mittelpunkt, nicht die Songs. Was sehr angenehm ist: Als ich sie auf einigen Konzerten begleitete, musste ich nur 20 bis 30 Minuten arbeiten, den Rest der Show erledigte sie. Und wir beide singen nur unsere Hits. Es ist so herrlich einfach, aber gleichzeitig auch dumm, weil es so offensichtlich ist.

Aber die Leute wollen eben die Hits hören.

Genau. Die Leute wollen sie, sie sollen sie kriegen. Einmal schrieb ich einen neuen Song, den wir live vortrugen und dann dachten die Leute, es sei irgendein kurioser alter Track, den ich mal für sie geschrieben habe. Der Song hieß "Arkansas Col", geht sieben oder acht Minuten lang und in Vegas wackelten die Wände bei der Nummer, obwohl sie gar niemand kannte. Irgendein Typ schrieb danach, dass der beste Song des Abends diese alte rare Aufnahme gewesen sei.

Ist es eigentlich ein glücklicher Zufall, dass Nancy 2003 mit einigen Künstlern zusammen arbeitete, die dich kurz zuvor auf der Compilation "Total Lee" mit Coverversionen ehrten? Zum Beispiel Calexico?

Calexico, das sind Tucson-Jungs, gute Freunde von mir. Wer war noch dabei?

Jarvis Cocker.

Stimmt, Jarvis ist auch ein guter Kumpel. Zu den meisten Künstlern ist zu sagen: Nicht ich habe sie entdeckt, sondern sie mich. Jarvis hat mal vor Jahren eines meiner Konzerte eröffnet. Ich kannte die Gruppe gar nicht, mit der er erfolgreich wurde. Erst als ich ihn kennen lernte und wir gut miteinander klar kamen, hörte ich mir ein paar Sachen von denen an. Wie hießen die gleich?

Pulp.

Wie? Ah, Pulp, richtig.

Hattest du einen Favoriten auf dieser Cover-Platte?

Nicht direkt, aber es gibt da diesen uralten Song von mir, aus der Zeit, in der ich mehr erzählt habe als dass ich singe. "Working On The Railroad", ein dummer Titel, ein dummer Song. Aber irgendjemand fischte sich ausgerechnet diesen Song raus, der völlig unentdeckt auf irgendeinem Album schlummerte, heraus und coverte es. Die Platte verkaufte sich über die Jahre zwar ganz ordentlich, aber wir sprechen hier von fast fünf Jahrzehnten. Viele meiner obskureren Sachen landeten auf Filmsoundtracks, vielleicht auch dieser, keine Ahnung.

Du kennst ja sicher auch die Ville Valo & Natalia Avelon-Coverversion von "Summer Wine", die gerade ein Riesenhit bei uns ist.

Na klar, drüben liegt die CD, ich spiele sie oft. Die wollten sogar eine deutsche Version davon aufnehmen, aber das musste ich untersagen. Naja, ehrlich gesagt, hat es meine französische Verlegerin noch vor mir abgelehnt, aber ich hätte dasselbe getan. Es ging irgendwie um Fußball, das eine Team verliert ein wichtiges Spiel und danach gibts Summer Wine oder so ähnlich. Mir gefiel es nicht. Die englische Version ist aber super ausgefallen, auch das Video. Der Typ hat eine mächtige Stimme.

Sieht so aus, als hättest du noch einen ganz guten Überblick über die zahlreichen Interpretationen deiner Songs.

Ach, es geht so. Am einfachsten ist es, wenn jemand einen Song in anderer Sprache verfassen will, denn dann muss mir das zur Abnahme vorgelegt werden. Vor vielen Jahren, als der Song "Jackson" rauskam, dachten so gut wie alle, dass ich den geschrieben hätte. Dabei war das war mein Freund Billy Edd Wheeler. Ich meine, wir sprechen hier von einer lange vergangenen Zeit, als die Mauer noch stand, also irgendwann in den 60ern. Jedenfalls bekam ich damals eine Aufnahme von "Jackson" in polnischer Sprache zugeschickt.

Zunächst mal: Ich fand, es klang genau wie "Jackson". Nun habe ich die Nummer aber weder geschrieben noch verlegt, das waren wiederum meine Freunde Jerry Leiber und Mike Stoller. Also habe ich die UCLA (University of California, Los Angeles) angerufen, weil ich Jerry und Lee nicht drankriegte, und da fand ich endlich jemanden, der polnisch sprach. Und der übersetzte es dann für mich.

Der Songtext ging so: Die polnische Regierung spricht einem Typen einen Traktor zu, auf dass er das Gelände um den Regierungssitz herum immer schön in Ordnung hält, die Felder pflügt und die Ernte besorgt. Der Typ liebt seinen Traktor über alles und so nennt er ihn "Jackson". Dass das mit dem Originaltext von "Jackson" wenig zu tun hat, ist klar, aber offensichtlich war der Texter dieser Version sehr glücklich damit. Wie auch immer, ich hatte damit eh nichts zu tun, da es gar nicht mein Song war. Also erzählte ich Billy Edd davon und der meinte nur "I don't give a shit, hauptsache ich bekomme die Kohle".

Du scheinst da ja nicht so eine lockere Einstellung zu haben. Oder lehnst du Neu-Interpretationen nur ab, wenn sie dir textlich überhaupt nicht passen?

Das letzte Mal, dass ich mich aufgeregt habe, war wegen einer "Boots"-Version aus diesem Kinofilm, gesungen von einem jungen Mädchen, natürlich fällt mir jetzt ihr Name nicht ein ...

Jessica Simpson?

Richtig, Jessica Simpson! In den Song haben ihr zwei Typen für die Filmversion so eine Bridge vor den Refrain hineinkomponiert, die es im Original gar nicht gibt. Außerdem wurde ein neuer Text verfasst, naja, es gab jedenfalls ein Riesentheater wegen Copyrights und falsch angegebenen Credits und wir verklagten die Jungs, da sie diese Version des Songs im Film verwendeten. Aber worauf ich eigentlich hinaus will: Einige Zeit später schaue ich irgend so eine Talkshow im Fernsehen, in der ein Typ auftritt, der "Boots" covert. Und plötzlich singt der die Version mit der Bridge. Seine Coveridee war offensichtlich inspiriert von diesem Hollywood-Film. Das sind eben solche Sachen, die du eigentlich vermeiden willst.

"Boots" ist nun mal ein Multimillionen-Dollar-Song. Da ist man eben sehr genau, was das Urheberrecht angeht. Die Nummer ist jetzt über 40 Jahre alt, und wenn die festgesetzte Zeitspanne des Persönlichkeitsrechts mal verstrichen ist, muss er noch mal für 80 Jahre gut sein, damit meine Urururururenkel, wenn sie dafür Geld bekommen, wissen, wer ihr Urururururopa war. Dieser Song wird einen langen Atem haben. Ein paar meiner anderen vielleicht auch.

Wie würdest du einen perfekten Tag in deinem heutigen Leben beschreiben bzw. wie sieht ein schlechter aus?

Heute? Oh, das ist einfach. Früher habe ich so oder so nur gearbeitet. Bis vor zwei, drei Monaten waren meistens 50 Prozent des Tages okay. Heute sind 20 Prozent okay und 80 nicht so gut. Ein perfekter Tag ist, wenn du einigermaßen durchkommst, ohne allzu viele Medikamente zu nehmen. Am schlimmsten ist es eigentlich, wenn du dir manchmal Gedanken machst, wie du die Schmerzen ohne Medikamente lindern könntest. Aber das geht nicht, entweder du nimmst sie oder du spielst den Tapferen. Aber fuck it, ich habe keine Zeit für Tapferkeit.

Ich schlucke das Zeug, unmittelbar danach bin ich ein wenig weggetreten, habe dann aber sechs, sieben Stunden lang keine Schmerzen. Es ist großartig, es macht das Sterben ein bisschen leichter. Nierenkrebs ist nicht heilbar, es ist noch nicht einmal in Aussicht, dass man es einmal wird heilen können.

Ist das Klima in Nevada ein Grund, warum du hierher gezogen bist?

Absolut. Die warmen Winter und das alles.

War das der Hauptgrund?

Nein, wir sind immer ziemlich viel umgezogen. Zu manchen Zeiten fast jedes Jahr. Als ich noch Häuser in Europa hatte, war es ziemlich egal wo ich lebte, da ich einen 80.000 Dollar-Steuererlass pro Jahr bekam, einfach weil ich in Europa lebte. In Amerika gibt es die Körperschaftssteuer, damit die Regierung Kriege und Panzer bezahlen kann, die Einkommensteuer, die in jedem Staat unterschiedlich ausfällt und die City Tax, glaube ich. Mein größtes Problem war immer die Einkommenssteuer, die 6 oder 7 Prozent von deinem Verdienst ausmacht. Es gibt aber Staaten wie Nevada, die diese Steuer nicht erheben.

Ich habe in allen gelebt: Texas, Florida, Wyoming und noch einer ganz im Osten. Anders formuliert: Das Geld, das ich spare, indem ich hier lebe, unterhält quasi schon das ganze Haus. Nicht dass es ausnehmend groß wäre, aber mir und meiner Frau genügt es und so viele Gäste wie früher haben wir auch nicht mehr.

Ist es auch wichtig für dich, in der Nähe der großen Spielerstadt Las Vegas zu wohnen?

Oh nein, ich habe früher mal in Vegas gewohnt. Vor ungefähr zwei, drei Jahren lebten wir noch in Florida und dort gab es zu der Zeit eine Menge Hurricanes. Nach dem vierten meinte meine Frau, sie habe nun genug und wolle wegziehen. Also schlug ich Las Vegas vor, hier gibts keine Hurricanes. Dann hat sie dieses Haus gefunden und seitdem sind wir hier. Wir würden wahrscheinlich irgendwann ohne weiteres noch mal umziehen, wenn ich nicht krank wäre. Meine Ärzte sind alle in Phoenix, von daher wäre es natürlich praktisch, in Arizona zu wohnen. Die Temperatur wäre auch die gleiche. Aber dort gibts eben diese gottverdammte Einkommenssteuer.

Vorgestern waren wir zum ersten Mal in Arizona, in Flagstaff ...

Ah, im Norden oben.

Ja, und wir hörten u.a. deinen alten Song "Suddenly Tennessee", wo du auch die Städte Phoenix und Tucson erwähnst.

Schön. Ich mag Arizona, ich bin ein großer Freund der Wüste.

Wir jetzt auch. Auf dem Weg von Los Angeles hierher sind wir über Joshua Tree und Palm Desert gefahren.

Ist es nicht herrlich dort? Diese Ruhe. An diesem Ort kann man sich noch ungefähr vorstellen, wie es gewesen sein muss, als die Dinosaurier die Erde bevölkerten. Es ist so still und es gibt keine Flugzeuge am Himmel. Wie in einer Höhle. Ich bin einmal in Arkansas in einer Höhle gewesen, als ich zwölf Jahre alt war. Es war eine Kohlemine und es war Wochenende, es arbeitete also niemand. Ich war mit einem Freund dort, dessen Vater dort arbeitete und uns mitnahm. Als wir unten waren, machte er das Licht aus. Ich wusste erst in diesem Moment, was Dunkelheit wirklich bedeutet. So ist es mit der Ruhe in der Wüste. Viele Menschen schätzen die Ruhe nicht, ich tue es.

Und wenn du im Sommer in der Wüste ist, wo es so richtig heiß und trocken ist, und du siehst irgendwo am Wegrand eine Blume oder eine Pflanze wachsen, dann musst du dir mal vorstellen, was das für eine Leistung für dieses arme Ding gewesen sein muss, durch all den Dreck und Schutt hindurch nach oben zu kommen. Es hat sich förmlich den Arsch abgearbeitet, nur um da hochzukommen. Gut, ein Vogel wird kommen und es fressen, aber so war das eh geplant. That's life! Äh, beantworte ich hier überhaupt eure Fragen oder sitzt ihr nur da und hört euch meinen Schwachsinn an?

Überhaupt nicht. Es gibt einfach sehr viele Themen, zu denen wir dich gerne befragen würden. Zum Beispiel hatten wir es bislang noch gar nicht von deinem neuen Song "Baghdad Knights", in dem du nicht gerade zimperlich mit der US-Administration umgehst.

Oh, jetzt kommen also die politischen Fragen. Also: Mein Land ist zur Zeit in der Hand von Konservativen, und ich wurde von liberalen Eltern aufgezogen. Ob du nun George Washington oder Lincoln nimmst, ich mag einfach die Vorstellungen der Konservativen nicht so sehr. Daher bin ich auch kein Bewunderer des gegenwärtigen Präsidenten, andererseits: Wer ist das schon? Es ist ja meistens so: Haben wir einen guten Präsidenten, folgt danach ein schlechter, haben wir einen schlechten, folgt ein guter. Ich werde immer ein Liberaler sein.

Wenn man mit 12 oder 13 anfängt, sich für Politik zu interessieren, sind es ja meistens die Linken, die einen anziehen, sie sind jung, sie wollen etwas bewegen. Doch je älter man wird, desto mehr zieht es einen zur Rechten hinüber. Vielleicht soll es so sein, wobei ich nie bei der Rechten angekommen bzw. übergelaufen bin. Meine Familie zieht mich gern damit auf, dass ich vielmehr immer weiter nach links drifte. Naja, jedenfalls hasse ich Stillstand. Aber in einem Jahr ist Bush eh weg.

Wer wäre demnach dein Favorit bei den Demokraten: Hillary Clinton oder der neue, Barack Obama?

Larry, wie sie ihn im College nannten. Ja, ich mag sie beide. Ich mag Hillary, weil sie so verdammt gebildet und smart ist. Allerdings habe ich auch mit beiden ein kleines Problem. Was ihn angeht, er hat mit euren Leuten da drüben einfach wenig Erfahrung. Doch gerade wenn es darum geht, wie wir mit Europa umgehen sollen, ist eine gute Verbindung unserer beiden Länder unerlässlich. Im Moment kommen wir vielleicht nicht mit Südamerika klar, dafür aber mit Europa. Und bei ihr bin ich mir nicht sicher, ob die Konservativeren sie am Ende vielleicht wegen ihres Mannes doch nicht wählen. Und das wäre natürlich eine Schande. Nach meinem Empfinden sind sie beide in Ordnung. Wenn einer der beiden kandidiert, werde ich ihn wählen.

Und ich sage das nicht, weil sie liberal sind, schließlich sind beide nicht super-liberal. Sie sind eher M.O.R. liberals (Middle-of-the-road Liberale). Aber keiner von beiden propagiert dummes Zeug wie die Abschaffung von Kindesabtreibung oder Stammzellenforschung, womit die Krankheit geheilt werden kann, an der ich leide. Ich kann und will einfach nicht die Leute verstehen, die sich diesen Themen heutzutage verweigern. Mal sehen, was die, die sich momentan noch dagegen sträuben, sagen werden, wenn ihre Kinder plötzlich eine ähnliche Krankheit bekommen.

Viele lehnen Wissenschaft einfach komplett ab und schwören auf den Glauben. Nichts dagegen, ich bin auch dafür, dass man an etwas glaubt. Aber ich glaube auch an die Wissenschaft. Denn warum sollte man nicht auf der einen Seite Gott, oder welchen Namen du ihm auch immer geben willst, vielleicht den Geist, wie meine Großmutter es immer nannte, warum sollte man nicht beides haben können? Das will mir einfach nicht einleuchten. Aber lassen wir das, sonst rege ich mich nur auf.

In Ordnung. Ein anderes Thema hält eure Medien derzeit ja auch ganz gut auf Trab, nämlich der Mordprozess gegen den berühmten Produzenten Phil Spector. Es heißt ja immer, er hätte bei dir mal ein Praktikum gemacht und dann ein paar Jahre später mit seinen Wall Of Sound-Aufnahmen mit deiner Idee Geld gemacht.

Das ist kompletter Unsinn. Ich sehe diese Prozessgeschichte natürlich ab und zu in den Nachrichten und es ist alles sehr traurig. Ich hatte aber nie eine Verbindung zu Phil. Wir sind uns ein paar mal begegnet und das wars. Ich kann also nichts über ihn als Person sagen, und ob er schuldig ist, weiß ich auch nicht. Natürlich hoffe ich, dass er es nicht ist, alles andere wäre eine Tragödie. Phil Spector ist ein großartiger Produzent, der wichtige Aufnahmen gemacht hat. Mit meinen alten Sachen hat das überhaupt nichts zu tun.

Seit Jahren mehren sich Stimmen, die dich endlich in der Rock'n'Roll Hall Of Fame sehen wollen. Wäre das nicht ein schöner Abschluss unter dein bewegtes Songwriterleben?

Ach was, das braucht doch niemand. Ich frage mich immer, wenn ich die ein oder andere Gruppe im TV sehe, wie sie sich für die Auszeichnung bedanken und grinsen, was ihnen das eigentlich bringt. Ruhm? Ehre? Lächerlich. Da hocken alte Menschen in der Jury, die sich toll finden, indem sie irgendwelche berühmten Leute einladen. Glaubt mir, ich habe in meinem Leben einige sogenannte Stars zu Hause besucht, und ihr braucht jetzt gar nicht fragen welche, das sag ich euch sowieso nicht. Jedenfalls war ihr Haus nicht abbezahlt, der Wagen schrottreif und was weiß ich noch, aber an der Wand hingen schön die Auszeichnungen rum. Wenn ich die Wahl habe, dann bevorzuge ich doch meine Variante: Ich habe ein eigenes Haus, eine tolle Familie und mein Auto nimmt mir auch niemand weg. Rock'n'Roll Hall of Fame, dass ich nicht lache.

Alles klar, wir wären durch. Vielen Dank für das Interview, Mr. Hazlewood!

Wie? Das wars? Und daraus wollt ihr jetzt euren Bericht schreiben? Ihr habt doch noch gar nicht die dummen Fragen gestellt.

Dankeschön. Wie würden die denn lauten?

Ach, das Übliche halt. Die Amerikaner würden mich jedenfalls nicht so einfach davon kommen lassen. Nancy hier und Nancy da, ihr wisst schon. Einmal stellte mir ein Journalist wirklich durch die Bank nur dumme Fragen, bis mir irgendwann der Kragen platzte und ich sagte: "Pass auf, meine Lieblingsfarbe ist blau und ich mag Frauen, die aufrichtig sind". Er schaute mich kurz an, stutzte und packte sein Zeug zusammen. Er hat es sofort kapiert!

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Lee Hazlewood

"Eine der großen Schattenfiguren der Popgeschichte", schreibt die New York Times 1999 über Lee Hazlewood, nachdem er, einer der großen Produzenten …

Noch keine Kommentare