laut.de-Kritik

Dem Zeitgeist ein Stück voraus.

Review von

"Ich wuchs mit nicht-westlicher Musik auf. Popmusik ist also das Exotische für mich." Diese Perspektive ist wohl der Schlüssel zu Lafawndahs Musik. Wenn die Weltbürgerin mit iranischen und ägyptischen Wurzeln, aufgewachsen in Paris, gelebt in Mexiko und New York, arabische Folklore mit modernem R'n'B zu futuristischem Avantgarde-Pop verwebt, fühlt sich nichts aufgesetzt oder importiert an. Das Ergebnis klingt wie der Soundtrack zu einer Zukunft, in der Aliens im Nahen Osten gelandet sind und eine Parallelgesellschaft aufgebaut haben.

Lafawndah arbeitete für "Ancestor Boy" mit verschiedenen Co-Produzenten zusammen, absolvierte Aufnahmesessions rund um den Globus und integriert sogar einen Coversong, "Vous Et Nous" von Brigitte Fontaine. Statt Stückwerk präsentiert sie jedoch eine sehr spezifische, eigenständige Klangästhetik. Bemerkenswert, gerade für ein Debütalbum. Ohne Berührungsängste wandelt sie zwischen westlichen Hip Hop-, Electronica-, Pop- und Ambient-Landschaften, speist sie aber nicht mit den üblichen Klängen, sondern aus traditionell orientalischen Sounds und Harmonien.

Aus dem Nichts kommt das freilich nicht. Auf ihrer ersten selbstbetitelten EP experimentierte Lafawndah mit karibischer Percussion und Natursamples. Auf der folgenden "Tan"-EP wandte sie sich dafür stärker technoider Kultur zu und verband sie mit World Music. In einer "Honey Colony"-getauften Release-Reihe remixte sie auf ihre eigene Art Lieder von u.a. Kelela und Kelsey Lu. Zuletzt arbeitete sie in Kooperation mit einem französischen Modelabel und der japanischen Komponistin Midori Takada an der audiovisuellen Art-Performance "Le Renard Bleu", aus der auch eine Bühnenadaption entsprang. "Ancestor Boy" wirkt wie die Zusammenfassung all dessen, eine Kumulation in gereifter Form.

Das beginnt bei Artwork und Promofotos, die Lafawndah in fantastischen Kostümen und Landschaften zeigen: entrückt und außerweltlich, aber mit klaren Referenzen zu Tradition und in nostalgischer Ästhetik. Der Cover-Shot zum Beispiel könnte so auch in einen Film der Siebzigerjahre stehen. Die Videos zu "Substancia" und "Joseph" demonstrieren ihren Sinn für Intermedialität weiter. In "Joseph" zelebriert sie eine rituell anmutend Schwangerschaft und berührt mit der Inszenierung sowohl Brauchtum als auch Emanzipations-Gedanken.

So schwer greifbar wie ihre Visuals ist auch die Musik. Lafawndah schwankt zwischen naivem Hauchgesang und hektischem Mantra-Chant. Dabei scheint der Sängerin stimmlicher Ausdruck wesentlich wichtiger zu sein als Worte. Die Texte bleiben vage, stehen eher für Vibes als konkreten Inhalt. Charakteristisch ist dabei ein Gefühl von Unsicherheit und Mystik. Im Titelsong konfrontiert Lafawndah ihre Hörer mit Fragen: "Did he come from the water? Did he come from the sky? Did he come from the mountains? We wonder why". In "Daddy" wird Unkenntnis zum Thema: "You don't know wha'’s left inside / Daddy didn't tell you / He didn't know / Mama couldn't tell you / But it's time to know" Bei "Uniform" herrscht Verwirrung: "I would never know / Which color / The one they wanna see me in / I would never know."

Spannend wird Lafawndahs Vocal-Performance vor allem außerhalb der eigentlichen Sprache. Indem sie in "Parallel" stetig die Zeile "The taste of your lipstick stays on the tip of my tongue / Tip of my tongue" wiederholt und dezidiert die Zisch- und drückenden T-Laute betont, entsteht fast ein wenig unheimliche Intimität. Im gleichen Song jagen einem schmerzerfülltes Wimmern und geisterhaft hoher Harmoniegesang Gänsehaut über den Rücken. Bei "Daddy" ahmt sie mit weicher Stimme Babylaute nach – nicht irgendwo, sondern als Kernelement im Refrain.

Den oft feingliedrigen Gesangsharmonien, für "Vous Et Nous" wie bei Brigitte Fontaines und Areski Belkacems Original auch in Kanonform vorgetragen, stehen martialische Trommeln gegenüber. "Uniform" etwa lebt von aggressiver Percussion, für die anscheinend Kriegstrommeln ebenso als Inspiration dienten wie Drum'n'Bass. "Waterwork" folgt eher basischen, tanzbaren Rhythmen. Das Instrumental "I'm An Island" prägen neben hektischer Bass-Drum Handclaps.

Durch "Tourist" pochen Handtrommelschläge wie Regentropfen zwischen einen drückenden Dancehall-Beat. Diese Kombination wählte Lafawndah wohl ganz bewusst für diesen Song, immerhin thematisiert sie im Text leicht ironisch kulturelle Aneignung: "I want a hair like yours, so glistening", zirpt sie. "Your home is my home now / Don’t mind if I stay for a while."

Beinahe meditativ wird es dagegen, wenn das Schlagwerk doch einmal pausiert. Das Ambient-Piece "Joseph" kommt beinahe komplett ohne aus, in "Substancia" herrscht lange beklemmende Lauerstimmung, bevor Lafawndah diese mit Autotune und Trap-HiHat bewaffnet durchbricht. Solche Arrangement-Kniffe ziehen sich durchs ganze Album. Die Kraft von "Storm Chaser" liegt zum Beispiel nicht in entfesselten Stürmen, sondern in wirbelnden Xylophonschlägen.

Ein wenig erinnert Lafawndahs Sound-Konzeption besonders in der harmonischen Herangehensweise an Lydmor. Die hatte auf "I Told You I'd Tell Them Our Story" ähnlich flüssig fernöstliche Elemente zwischen Techno und Modern Pop gemischt. Während die Dänin sich aber aufs urbane, elektronische Soundbild konzentrierte, zielt Lafawndah auf rurale, ursprüngliche Elemente. FKA Twigs wäre eine weitere Referenz, genau wie Princess Nokia in Roots-Momenten.

So setzt sich aus verschiedensten Motiven ein ganz eigenes, buntes Universum zusammen. Lafawndah schafft mit "Ancestor Boy" eine Nische, die dem Zeitgeist vielleicht sogar ein Stückchen voraus ist, während sie gleichzeitig vertraute Vibes aus dem vergangenen Jahrtausend bedient. Wenn in Pressetexten überschwängliche Formulierungen stehen, die neue Werke als "nichts weniger als ein musikalisches Manifest" preisen, ist das selten mehr als heiße Luft. Hier ist es absolut angebracht.

Trackliste

  1. 1. Uniform
  2. 2. Daddy
  3. 3. Parallel
  4. 4. Ancestor Boy
  5. 5. Storm Chaser
  6. 6. Vous Et Nous
  7. 7. Waterwork
  8. 8. Substancia
  9. 9. Joseph
  10. 10. Oasis
  11. 11. Tourist
  12. 12. I'm An Island
  13. 13. Blueprint

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