2. April 2013

"Uns hören fette Männer, die gern Bier trinken"

Interview geführt von

Metal ist nicht nur was für echte Kerle. Der Kvelertak-Gitarrist über Klischees und die Freuden einer scheinbar endlosen Tournee.Plötzlich waren sie da. Ohne Plattenvertrag spielten Kvelertak 2009 das erste Mal auf dem Roskilde, Skandinaviens größtem Festival. Gerade wurden die sechs Jungen aus dem hohen Norden noch für ihr Debüt gefeiert, schon steht die Veröffentlichung des vielversprechenden Nachfolgers an. Einer der drei Gitarristen, Maciek Ofstad, weiß einiges von ungewohnten Umgebungen und spannenden Auftritten zu berichten. Auch wenn seine Stimme dabei scheinbar den Abgang macht.

Kommen wir gleich zur neuen Platte. Erst neulich habe ich folgendes Zitat aufgeschnappt: "Alles was ich sagen kann ist, dass es dieses Album dem ersten besorgen wird. Hart!" Erzähle mir mehr davon!

Oh, du brauchst mehr als das? (lacht heiser) Es ist einfach der Hammer!

Warum ist es denn so viel härter?

Härter vor allem in der Hinsicht, dass viel mehr Agression dahintersteckt. Eigenartig ist dabei, dass es auch verspielter ist. Ich hab das Gefühl, dass das erste Album ungefähr so weit (stellt mit seinen Händen eine weite Spanne dar) davon entfernt war, Black Metal und Pop zu vereinen. Dieses Mal haben wir diesen Raum für Riffs noch um ein Stück erweitert. Es gibt einfach mehr Blastbeats, mehr Wut und Agression.

Ich finde, "Meir" klingt in erster Linie melodischer als euer Debüt. Beispielsweise euer neuer Song "Bruane Brenn". Nebenbei: Wer sind eigentlich die Kids in dem Video?

Ach die, die haben wir gekauft. Wir waren auf diesem Kindermarkt (lacht) ... nein. Der Regisseur des Videos hat mit einem Kindertheater aus unserer Heimat Stavanger zusammengearbeitet. Daher kennt er jede Menge Kids, die er zu einem Vorspiel eingeladen hat. Sie mussten so tun können, als wären sie richtig hart drauf und könnten super Gitarre spielen. Für das Video haben sie die richtigen gefunden. Es ist cool geworden.

Zum Beispiel der "Sänger" mit dem Purified In Blood-Shirt.

Ja, großartig!

Worauf ich eigentlich hinauswollte, ist, dass eben dieser Track vermuten lässt, ihr spielt jetzt viel mehr klassischen Rock'n'Roll. Habt ihr denn mit dem zweiten Album sowas wie eine neue musikalische Richtung eingeschlagen?

Ja, auf jeden Fall. Wir haben viele neue Sachen ausprobiert. Es gibt viel Classic Rock oder Pop. Viel abgespactes und experimentelles Zeug. Es klingt komisch, aber wir haben viel vom alten Album genommen und einfach erweitert. Ein Song zum Beispiel, der vorletzte namens "Tordenbrak", ist ein neunminütiges Stück. Das hatten wir so noch nie.

"In Norwegen spielen die alles und alle hören zu"


Oft hört man, eure Musik sei sowas wie "Necro'n'Roll" oder "Party-Metal". Wie würdest du den Stil nach zwei Alben beschreiben?

Es ist im Grunde noch viel schwerer, dem Ganzen jetzt einen Namen zu geben, weil sich unsere Bandbreite mit dem zweiten Album vervielfältigt hat. Ich würde es gerne einfach nur Musik nennen oder vielleicht Hardrock. Letztens hat jemand Spacepunk gesagt. Das hört sich auch gut an.

Stimmt es, dass jeder von euch komplett andere Musik hört?

Ja, deswegen klappt es wohl auch mit den verschiedenen Einflüssen, aus denen die Songs bestehen. Erlend und Bjarte schreiben den Großteil. Aber sie sind nicht allein dafür zuständig. "Tordenbrak" zum Beipiel stammt von Kjetil, dem Schlagzeuger. Jeder Track hat sozusagen sein Rückgrat. Das, was jeder selbst dazu beisteuert formt den Track erst soweit, dass er tatsächlich von uns zusammen kommt. Wir fühlen uns dadurch viel mehr als Band.

Gerade deswegen habt ihr ja auch Fans aus den verschiedensten Musikrichtungen, oder?

Klar, die Fans kommen von überall her. Vom Heavy Metal-Fan bis hin zu radiohörenden Schulkindern, die noch keinen hundertprozentigen Lieblingsmusikstil haben. Sie hören einfach Kverlertak. Seltsam oder? Wir sind fast schon kommerziell geworden.

Du willst also sagen, Kvelertak läuft in Norwegen im Radio?

Haha, ja. Ich dachte mir beim ersten Mal nur "What the fuck?" In Norwegen spielen die alles und alle hören zu. Aber die Die-Hard-Fans kommen definitiv aus der Hardcore- und Hardrock-Ecke.

Und das sind gefühlt auch meistens Männer.

Ja, meistens sind es 50-jährige, fette Männer, die gern Bier trinken und spucken, bei denen wir am Besten ankommen. (lacht laut)

Du meinst die Wikingersparte, die halb nackt und bärtig vor der Bühne rumspringt?

Genau die. Aber mittlerweile sind auch mehr Frauen dabei. Vor ein paar Jahren hatten wir einen Auftritt in Norwegen. Da stand in der ersten Reihe ein etwa elfjähriges Mädchen mit blinkenden Schuhen und hat ordentlich abgerockt. Ziemlich cool. Wir haben scheinbar echt überall Fans.

Habt ihr gute Erinnerungen an das Publikum hier? Gestern wart ihr ja erst in Wiesbaden.

Wiesbaden, ja. Das war cool. In Deutschland haben wir schon an tollen Orten gespielt. Die letzte große Tour hatten wir zusammen mit Toxic Holocaust und Doomriders. Ich liebe es, in Deutschland zu sein. Hier gibt es immer Seife im Bad, warmes Wasser, gutes Essen und gutes WiFi.

"Alkohol? Lieber ne Banane!"


Aber mal zurück zu den Texten eures neuen Albums. Eure Songs sind ja immer auf norwegisch.

Nicht ganz. In "Offernatt" gibt es einen Vers von Ryan McKenney von Trap Them. Er spricht kein Norwegisch, deswegen haben wir den Text englisch gelassen. Das ist aber tatsächlich der einzige englische Part auf beiden Alben.

Titelmäßig, ich spreche ja auch kein Norwegisch, drehen sich die Texte auf "Kvelertak" ja meist um nordische Mythologie. Ich habe gelesen, dass das bei "Meir" ein Ende hat.

Manche Stücke sind schon noch davon beeinflusst. Erlend hat mal gesagt, dass wir für immer die nordische Mythen-Rock-Band bleiben, wenn wir damit weitermachen. Dieses Mal sind die Lyrics apokalyptischer ausgefallen und drehen sich um dunkle Dinge wie Einsamkeit. Natürlich sind auch Party-Lyrics dabei. (lacht) Da haben wir gut kombiniert.

Ich habe versucht, die neuen Titel für mich zu übersetzen. "Snilepisk" hab ich nirgends gefunden.

Oh, "Snilepisk" ist ein ziemlich alter Song. Frag Erlend, was der Name bedeutet. Ich weiß nur, dass es um eine Kreatur geht, die aus Haut, Blut und Haaren besteht und eine Peitsche hat, mit der sie dich schlägt oder sowas. Egal ob es Tag ist oder Nacht, dieses Ding ist immer schwarz.

Hört sich fies an. Habt ihr aus eurem plötzlichen Erfolg etwas lehrreiches mitgenommen? Du machst nicht so den Eindruck, als wäre euch das ganze Lob nach dem Debüt zu Kopf gestiegen.

Im Grunde hat niemand von uns gedacht, dass wir jetzt mal hier sitzen und es so gut wird. Wir sind mittlerweile zum vierten Mal oder so in München. Beim ersten Mal waren vielleicht sieben Leute da und für heute Abend haben sie schon jede Menge Tickets verkauft. Es ist schon ziemlich cool, wenn du es mit deiner Band so weit schaffst und die Leute drauf stehen.

Du lernst, bescheiden mit deinem Erfolg umzugehen. Viele coole Bands haben uns ordentlich unter die Arme gegriffen, indem sie uns mit auf Tour genommen haben. Bis hierhin war es eine lange, aufregende Reise. Aber auf Tour gehen würden wir auch, wenn wir keinen Erfolg hätten, weil es genau das ist, was uns Spaß macht.

Ihr seid auch wirklich viel unterwegs ...

Ja, zum Beispiel, als wir beim Southside gespielt haben. Wir kamen gerade aus Norwegen. Nachts um drei war der Auftritt vorbei. Um vier gings dann direkt weiter zum Flughafen, ab nach Deutschland. Landung, Auftritt ... ich habe so gut wie gar nicht geschlafen. Das war hart, aber irgendwie ziemlich cool.

Woher nehmt ihr die Energie, trotzdem jedes Mal aufs Neue so auf die Pauke zu hauen?

Bananen. Und Kiwis. (grinst)

Komisch. Ich dachte immer, echte Metaller trinken nonstop Bier, um in Form zu bleiben.

Ja ja, das gute Klischee. Wer das macht, behauptet das für zwei Jahre und dann sterben sie. (lacht hämisch) Alkohol ist natürlich nicht so übel. Es geht nichts über eine Bloody Mary, um wieder auf die Höhe zu kommen. Aber wir sind seit drei Jahren unterwegs. Irgendwann sollte man da schon anfangen, auf sich zu achten. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste gleich noch betrunken auf die Bühne gehen. Uff, dafür bin ich zu alt. Lieber ne Banane.

Zum Schluss hätte ich noch eine wunderbar platte Frage ...

Haha, her damit!

Gibt es bei der Masse an Bands, die ihr hört, auch welche, mit denen ihr gerne mal verglichen werdet?

Puh, keine Ahnung. Klischeemäßig sollte es ja heißen, wir passen in keine Schublade. Aber das ist Quatsch. Ich denke, wir sind irgendwann in die Baroness/Kylesa-Ecke reingerutscht. Manche Leute sehen bei uns auch oft Ähnlichkeiten zu Converge. Vielleicht das neuere Zeug, aber die alten Sachen sind dafür viel zu agressiv. Oh, und Turbonegro natürlich. Mit ein bisschen mehr Blut, Sperma, Spucke und Bier. Wenn du das zusammen mischst und ins Weltall schießt ... hast du sowas wie Kvelertak.

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LAUT.DE-PORTRÄT Kvelertak

Kvelertak ist Norwegisch und heißt übersetzt "Würgegriff". Einen besseren Namen konnten die sechs Jungs aus Stavanger für ihre Band nicht finden.

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