laut.de-Kritik

Virtuoses Spiel mit Vokabeln, gänzlich zeigefingerfrei.

Review von

Dr. Dre knautschte kürzlich im Interview mit dem Spiegel, Hip Hop fehlten die Ideen. Das Genre warte auf den nächsten großen Lyriker. Abgesehen davon, dass das ohnehin ganz großer Bullshit ist - die Ideen fehlen vielleicht einem Dr. Dre - Hip Hop gedeiht gar prächtig, wie unschwer sieht, wer sich nicht von der gängigen Berichterstattung verschaukeln lässt: Mit einem Lyriker können wir dienen.

Seine dichterischen Ambitionen bescherten Jürg Halter bereits reichlich Lorbeeren. Als anerkannter, gar gefeierter Poet lässt er es sich trotzdem nicht nehmen, in der Haut seiner Ausweich-Persönlichkeit Kutti MC die eidgenössische Rap-Szene das Fürchten zu lehren. Kein Wunder, dass man dort regelmäßig Zeter und Mordio schreit, sobald er ein neues Werk auf die Hörerschaft loslässt. Solches sei schließlich "kein Hip Hop". Ein Vorwurf, der ähnlich zum Gähnen reizt, wie die phrasenhaften Dre'schen Forderungen nach "Innovation".

Die Neue Luzerner Zeitung bringt es auf den Punkt: Dort rühmt man Kutti als "diesen Rapper, der irgendwie gar keiner ist, aber doch der Interessanteste seiner Zunft bleibt". Einer Zunft, der er in vieler Hinsicht meilenweit voraus ist. Konkurrenz, die Worte schlicht und ergreifend um Welten versierter verwendet, würde ich - zumindest unter Battle-Gesichtspunkten - wohl auch fürchten. In Bezug auf Wortschatz und Sprachgefühl macht Jürg Halter so schnell niemand etwas vor.

Virtuos spielt er mit Vokabeln, Zwischentönen und Bedeutungen. Seine Betrachtungen über Leben, Altern und Sterben, über die Liebe und den Tod bleiben so, obwohl sie stellenweise mehr als traurige Züge tragen, erquickend weit vom weit verbreiteten stumpfen Jungmänner-Trübsinn entfernt.

Statt uns mit sich in den Abgrund zu zerren, plädiert Kutti ganz zeigefingerfrei für den Ausbruch aus dem meist selbst verschuldeten Elend: "Chumm mal ufe itz, leg dis Selbstmitleid uf d'Streckbank." Ob realistisches oder phantastisches Szenario: Kutti fesselt und berührt.

Die letzte Luft aus Nenas verschrumpelten "99 Luftballons" ist raus, wenn Kutti mit einer 100.000 Stück starken Ballon-Schwadron anschwebt. Nie steckte mehr Poesie in einem Plastiksack. Vom Abstrusen ins Konkrete ("Du Bisch Nid Allei"), Alltäglich-Erschreckende ("I & Mi Compi", "Wanna-Girl-Boogie"): ein scheinbar winziger Schritt.

Die beinahe angenehme Melancholie einer gedankenschwangeren Zugfahrt, in der Kutti MC im "Zug Nach Paris" schwelgt, fingen bisher höchstens Eins Zwo ("Unschuld Vom Lande") oder Looptroop ("Night Train") ähnlich stimmungsvoll ein.

Die Geschichte in "König Für Immer" wird nur angedeutet, das tragische Ende der Liebensgeschichte von "Julia und Lukas" dagegen bis in die letzte, fürchterliche Konsequenz erbarmungslos ausgeführt. Beobachtungen und Phantasien verschwimmen, "was isch u nid isch, löst si i Tröim uf". Die geraten mal luftig-cool ("100.000 Ballön"), mal zum ausgewachsenen Alptraum.

Kutti MC trägt seine lyrischen Glanztaten zwingend, oft viel eher im Stil von Spoken Word Poetry denn als Rap vor. Zuweilen erscheint dies ein wenig monoton, die an manchen Stellen aufkommende Ödnis dient jedoch oft wieder selbst als Stilmittel.

Meisterhafte Untermalung erfahren Kuttis Mundart-Dichtungen vom One Shot Orchestra. Akustikgitarre, organische Drums und Streichereinlagen treffen in einer Weise natürlich auf elektronische Spielereien, Knarren, Fiepen und eingesprengselte Geräusche (darunter, so stehts im Booklet, "liebliches Vogelgezwitscher aus dem Schwarzwald"), als sei nie etwas anderes vorgesehen gewesen.

Daraus erwachsen neuartige Kompositionen, die in ihrer Unverbrauchtheit jeden Ruf nach Innovationen grußlos über den Haufen bügeln. Hinter unwirklicher Stimmung lauert der Wahnsinn, packt immer fester zu. Sein Würgegriff lässt wenig Spielraum für Widerspruch, wenn Kutti erklärt: "Bi als Zytgeischt gebore, wer vor mir flüchtet, het verlore."

Aber Hip Hop fehlen ja die Ideen, is' klar. Man möchte Dr. Dre einen Trip in die Schweiz nebst Kompaktkurs Schwiitzerdütsch anraten - und nicht nur ihm. Danach wäre ich auf "Detox" tatsächlich wieder gespannt.

Trackliste

  1. 1. Ab Hüt
  2. 2. Irgendwo feat. Sophie Hunger
  3. 3. 100.000 Ballön
  4. 4. Sunne
  5. 5. Du Bisch Nid Allei
  6. 6. I & Mi Compi
  7. 7. Geister
  8. 8. Wannabe-It-Girl-Boogie
  9. 9. Schuss
  10. 10. Hallo
  11. 11. Julia & Lukas
  12. 12. Zug Nach Paris
  13. 13. Zeitgeist
  14. 14. König Für Immer

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