laut.de-Kritik

Was will er denn nun? Mitleid oder Anerkennung?

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Ich muss zugeben: Mit dem "Intro" von "11ta Stock Sound 2" hat Kurdo mein Interesse geweckt. Es passiert ja nicht allzu oft, dass Rapper unsere Arbeit öffentlich zur Kenntnis nehmen. Wenn einen dann auch noch einer ganz persönlich, mit vollem Namen, auf einem Song verewigt, dann ist das schon etwas Besonderes.

Allerdings bin ich von meinem ersten Mal etwas enttäuscht. Ehrlich: "Lesbe" und "Fake-Schlampe", etwas Besseres kam Kurdo nicht in den Sinn? Nicht einmal ein Pun auf meinen Nachnamen? Das macht mich echt ein bisschen traurig. Deswegen hatte ich mir eigentlich vorgenommen, "11ta Stock Sound 2" gründlich zu zerlegen, als Übungsbeispiel, sozusagen. Problem nur: Wo nichts ist, lässt sich auch nichts zerlegen.

Während seine Fans sich darauf freuen, das Album "auf dem Weg mit dem Bus zur Schule" zu hören, sich über der Line "Guten Morgen Deutschland, guten Morgen Merkel kahba" ins Fäustchen lachen und unter dem Snippet-Video auf YouTube Sachen zum Besten geben wie "Fuck Digga direkt krank Meldung holen und Album gönnen amk", suche ich verzweifelt nach Zeilen, die irgendwie hängen bleiben.

Die Beats, die Zinobeats baut, klingen ganz passabel. Ein paar Klavierloops hier, ein bisschen Donnergrollen da, wummernde Drums dazwischen, und fürs besondere Flair noch einige orientalische Samples und Klänge. Kurdo flowt auch nett, hat sogar ein wenig Biss dahinter. Nur inhaltlich passiert eben nichts.

Kurdo bedient die klassische Ghetto-Romantik. Er leidet, weil er von der Straße kommt, bekommt nie etwas ab, weil er anders aussieht als die anderen. Das Ghetto ist seine Heimat, fick die Bullen und den Staat, die ihm seinen hart verdienten Lebensunterhalt wegnehmen wollen.

Jetzt aber, jetzt hat er es allen gezeigt, weil er jetzt rappt und ganz, ganz, ganz groß rausgekommen ist. Jetzt steht der Benz vor der Tür. Aber eigentlich hat er immer noch nichts und jammert, dass die Bundeskanzlerin "Urlaub an der Côte d'Azur" macht, während er und seine Kumpels "die erste Schneeflocke spür'n." Was will er denn nun? Mitleid oder Anerkennung?

Überhaupt scheint Kurdo nicht so richtig zu wissen, wo er steht. Er will der Krasseste sein, der erst deutschen Rap fickt und danach "Schlampe[n] mit Gesichts-OP". Aber eigentlich zeichnet er das Bild eines Mitläufers, der immer noch beleidigt ist, weil er damals nicht auf die Hausparty von "Tamara" und "Kathi" eingeladen wurde. Er riskiert "lebenslänglich und Gerichtsverfahren, damit wir Papas Gesicht bewahren", sein großer Bruder sagt ihm, dass er "nicht mit euch chillen darf, weil ihr in der Disco tanzt." Warum kann er denn nicht selbst für sich entscheiden, für wen er ins Gefängnis gehen und welche Freunde er haben will? Ich meine, der Sinn dahinter, keine Gesetze zu befolgen liegt doch darin, ein freier Mensch zu sein, der tun und lassen kann, was er will. Oder nicht?

Stattdessen plappert Kurdo lieber nach, was ihm andere erzählen. "Man sagt, du bist so viel, wie du in den Taschen hast." Bringt einem halt nur alles nichts, wenn man dann im Pyjama abgeführt wird. Ja, er sagt wirklich "im Pyjama". Tatsächlich bringt Kurdo noch ein paar mehr amüsanter Lines, die er aber vermutlich gar nicht so gemeint hat. "Mach dein Para, fick die Welt, Cappuccino kriminell" in "Alles Hat Ein Ende", zum Beispiel. Oder "Du willst lieb sein, ich klär' das mit mein Schienbein" in "Puma X Marseille".

Ein wenig Humorpotenzial weist auch sein Versuch auf, Härte zu zeigen. In "Emmertsgrund" zum Beispiel rappt er: "Heute trag' ich sieben Tattoos, deutscher Rap wird wieder Ghetto". Sieben? Wow. Ich hab definitiv schon Nageldesignerinnen mit mehr Tattoos gesehen. In "Blutgruppe Ghetto" lässt sich Kurdo zu einer Eigencharakterisierung hinreißen: "Benzfahrer, Schwanz beschnitten, Aufenthalt befristet, große Augen so wie Simpsons." Es klingt verdammt ernst, deswegen bin ich mir nicht sicher, ob darin nicht doch eine kleine Prise Selbstironie steckt. Zu begrüßen wäre es allemal.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Ich Rappe Nicht Aus Spaß
  3. 3. Wellou
  4. 4. Blutgruppe Ghetto
  5. 5. Alles Hat Ein Ende
  6. 6. Puma X Marseille
  7. 7. Emmertsgrund
  8. 8. Stimme Aus Benzin
  9. 9. Es Tut Mir Nicht Leid
  10. 10. G Für Sie 2
  11. 11. Einfache Jungs
  12. 12. 11 K
  13. 13. Mamlakat Ghetto
  14. 14. Regentropfen

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29 Kommentare mit 82 Antworten

  • Vor 11 Tagen

    Wie angestrengt kann man nach Bushidos VBBZS klingen wollen 1/5

  • Vor 11 Tagen

    Dass der Stuttgarter Buerohengst diese Musik nicht begreift - der, um das nochmal festzuhalten, lieber Musik feiert von Afroamerikanern, deren Lebensstil ihm an sich genauso unbegreiflich wie auch ungreifbar ist, mit Ausnahme der homosexuellen Pofick-Mucke eines Young Thugs - sollte doch jedem hier klar sein. Wieso lasst ihr euch davon provozieren? Sodi, Garret, lasst den doch machen. Ich meine, er hat in seinem Beitrag zum entsprechenden Thema *ausgerechnet* den wohl schlechtesten Future-Song in Futures Gesamtdiskographie hervorgehoben. Genug gesagt.

    Ich stand Kurdo jetzt immer eher indifferent gegenueber. Hier packt er mich mit einigen Dingern aber aehnlich hart, wie sonst nur Young Thug die Arschbacken von Craze auseinanderspreizt, bevor er erst tief seine Zunge, dann seinen dick hineintunkt. Fick’ drauf, wo der herkommt. Darum geht es doch gar nicht mehr. Es geht um dat Jeföhl. Somit ist es also tatsaechlich das beste Bushido-Album ausserhalb der klassischen Bushido-Alben, das Bushido selber nie veroeffentlicht hat.

    Mal sehen, wie lange dieser account existiert. Also schnell shouts raus an Sodi, Garret, mundi, Torque, den lautuser und halt auch an diesen Stuttgarter (einer muss dann halt immer leiden, und am Tagesende ist es eben der Schwabe).