laut.de-Kritik

Provokation, Selbstironie und Penis-Witze.

Review von

Kaum zu vergessen sind die Schlagzeilen, die K.I.Z. 2018 nach ihrem Auftritt beim #wirsindmehr-Konzert in Chemnitz machen. Nach ihrem 27-minütigem Auftritt dauerte es damals nicht lang, bis erste Empörungssschreie der Presse folgten. "27 Minuten Hass auf Veranstaltung gegen Hass", so betitelte die Bild im September ihre entsetzte Berichterstattung. Bis in den Bundestag hinein reichten die politischen Diskussionen um kontroverse Deutschrap-Inhalte, die man sonst eher von Twitter kennt.

Spätestens die Rede des AfD-Mitglieds Bernd Baumann scheint K.I.Z. dann aber motiviert zu haben, Stellung zu beziehen. Mit seinen Worten beginnt nun das sechste Studioalbum der Gruppe, auf dem Tarek, Nico und Maxim erneut deutlich machen, was sie von den Vorwürfen der Gewaltverherrlichung sowie dem Hass auf Deutschland und das Christentum halten. Und das machen sie natürlich, indem sie genau das tun: hassen. Nazis, Sexisten, Julian Reichelt und weitere bekannte Feindbilder, eben.

Bereits im Dezember veröffentlichten K.I.Z. das Album "Und das Geheimnis der unbeglichenen Bordellrechnung" - entweder als Promomove oder, weil die Songs eben raus mussten, wer weiß das schon so recht? Auf dem damals spontan veröffentlichten Album präsentierten die drei Männer sich vor allen Dingen von der Seite, mit der sie seit Anbeginn ihrer Karriere für Aufsehen sorgen: Provokation, Selbstironie und Penis-Witze. Sich für das Überraschungs-Comeback auf altbekannte Muster zu stützen, scheint einleuchtend. Doch auch "Rap Über Hass" tut eigentlich nur genau das, was K.I.Z. eben seit einer gefühlten Ewigkeit tun.

Am ehesten neu erscheint das Klangbild - zumindest stellenweise. Produziert von den Drunken Masters und Nico K.I.Z. selbst, versucht der Sound von "Rap Über Hass", eine weite Bandbreite abzudecken, sodass jeder K.I.Z.-Fan seinen Lieblingssound wiederfindet, ganz egal ob Trap, Ballade oder elektronisch. Auf Tracks wie "Ja" oder "Unterfickt Und Geistig Behindert" zeigt sich auch im Flow besonders, dass K.I.Z. eigentlich nicht ausschließlich das machen wollen, was man bisher von ihnen kennt.

Inhaltlich hat das jedoch leider nicht so ganz funktioniert. Alle zwölf Songs des Albums basieren auf den klassischen K.I.Z.-Gags, dem Penis-Humor, der "Ich Ficke Euch (Alle)"-Attitüde und, wie der Titel schon verrät, jeder Menge berechtigtem Hass gegen diverse Gruppen und Einzelpersonen. Aber können K.I.Z. nicht mehr als das? Besonders nach dem Solo-Album von Tarek und der langen Stille um K.I.Z. hätte ja die Möglichkeit bestanden, sich weiterzuentwickeln.

Natürlich, dass K.I.Z. nicht die Schiene der politischen Korrektheit wählen und auf ihr halbes Vokabular verzichten, war zu erwarten. Aber eine Erfrischung ihres jahrelang bestehenden Humors hätte dem Album einfach gut getan. Ja, gegen Rechtsextremisten, Kapitalismus und die AfD schießen ist super und damit sollten wir auch nicht aufhören. Das Gewand könnte jedoch trotzdem nach den ganzen Jahren langsam einmal gewechselt werden.

Da ist die Inszenierung als gestörtes, aus der Psychiatrie entflohenes Trio ("VIP In Der Psychiatrie"). Da sind die Mutter-Witze à la "Ich ficke deine Mutter aber bitte sags's nicht meiner Freundin" ("Bitte Sag's Nicht Meiner Freundin"). Und da ist natürlich, um auch mal im Kontrast zum Hass zu stehen, die K.I.Z.-eigene "Definition Von Glück": "Großes Haus in Südfrankreich, kleines Alkoholproblem, meine Definition von Glück: keine Termine und leicht ein steh'n". Aber was ist da eigentlich neu und aufregend?

"Rap Über Hass" reiht sich perfekt in die bisherige K.I.Z.-Diskografie ein - aber mehr eben auch nicht. Gäbe es etwas besonders zu loben, dann wohl die Konzert- und Moshpittauglichkeit der meisten Songs, die Vorfreude und Hoffnung auf eine Zeit nach der Pandemie machen. "Rap Über Hass" gehört auf die Boxen der Wuhlheide oder Columbiahalle, ganz sicher. Aber bis dahin ist dieses Album eben genau das, was auf dem Track "Kinderkram" schon gut zusammengefasst wurde: "Fick-Deine-Mutter-Rap seit 20 Jahren".

Trackliste

  1. 1. Rap Über Hass
  2. 2. Ich Ficke Euch (Alle)
  3. 3. VIP In Der Psychiatrie
  4. 4. Unterfickt Und Geistig Behindert
  5. 5. Bitte Sag's Nicht Meiner Freundin
  6. 6. 2 Nicos
  7. 7. Definition Von Glück
  8. 8. Ja
  9. 9. Mehr Als Nur Ein Fan
  10. 10. Filmriss
  11. 11. Was Ist Los feat. Outerspass
  12. 12. Kinderkram

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24 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor 13 Tagen

    In 10 von 12 Tracks geht es darum, irgendwen zu ficken und Drogen zu nehmen. Das gehört zwar zu KIZ, aber in der Vergangenheit gab es dann doch noch ein paar bessere und kreativere Ideen auf den Alben. Das hier ist zumindest textlich alles komplett irrelevant und blaupausenartig. Vielleicht werde ich aber auch zu alt für den Scheiss.

  • Vor 11 Tagen

    Och ja, ganz unterhaltsam. Für einmal durchhören reicht's.

  • Vor 3 Tagen

    Diese Review mag eine berechtigte und legitime Wahrnehmung sein. Ich empfinde es nicht so. Ich liebe die KIZ-Signatur. Die Finesse humoristischer und polarisiernder Sprachbilder, welche zum einen skurrile Szenarien vor dem geistigen Auge projizieren anderweitig aber auch tief zynisch gewaltpräsente Wirkungen aller Art kritisieren, sucht seinesgleichen. Egal welches Album, die Jungs schreiben immer wieder die originellsten und brachialsten Zeilen ihrer Couleur. Viele Alben, die hier 3 - 5 Sterne erhalten haben, sind derart gewöhnlicher und unkreativer. Ich denke und das ist nachvollziehbar, dass die Ablehnung und gefühlten Abnutzungserscheinungen der Rezensentin den Mutterfick-Zeilen gegenüber eine Art Barriere zu dem gewohnt genialen auditiven Comic Relief von KIZ darstellt, was die Review zu einem gewohnt polemischen Amazonkommentar macht und nicht zu einer angemessenen professionell dialektischen Auseinandersetzung mit einem Werk, in dem Liebe, Zeit und Einfallsreichtum steckt.