laut.de-Kritik

Erbärmliche Bekenntnisse zur eigenen Arschigkeit.

Review von

Juice WRLDs Karriere stützt sich auf zwei Pfeiler: Zum einen ist er ein handwerklich solider Rapper, der mit seinem Sum 41-esken Gesang hier und da verboten eingängige Melodien bastelt. Zum anderen ist er der wehleidigste Mensch der Welt. Mit "Luicd Dreams" landete er letztes Jahr einen wundervollen Megahit im Windschatten von Post Malone und Lil Peep und wurde auch direkt als das neue, von Interscope abgesegnete Mainstream-Gesicht des Emo-Traps gehandelt.

"Death Race For Love" markiert nun den Augenblick, in dem er dieses Momentum in richtige Kredibilität konvertieren könnte. Auch, wenn die Platte ihre Highlights mitbringt, bleibt das 70 Minuten lange Opus aber ein unfokussiertes, atem- und zielloses Stück Konfusion. Man könnte sogar zu dem Eindruck kommen, dieses Album sei in der Summe einfach nicht wehleidig genug.

Die besten Songs kommen in Form von "Robbery", "HeMotions" oder "Empty", auf denen sich Juice WRLD allen üblen Klischees über emotionale Kids seiner Generation bedingungslos hingibt. Seine Marke von Ego-verletzter, selbstgerechter Erbärmlichkeit ist immerhin zur Hälfte self-aware. Wenn er dann Blödsinn wie "Going through motions, muddy emotions / back on my bullshit, devil-emoji" von sich gibt und diese strunzdumme Line den Rest des Tages im Kopf hängt, hat er sein Ziel wohl erreicht.

Die erbärmliche Wehleidigkeit wohnt in irgendeiner Form ja vermutlich den meisten Menschen inne. Wie schamlos er diese Gefühle aber zu Mittelstufen-Poesie à la "She said put your heart in a bag / and nobody gets hurt" verwurstet, ist gleichzeitig hochnotpeinlich und doch irgendwie respektabel und konsequent.

Man muss "Robbery" zu Gute halten, dass Juice WRLD überhaupt keine Angst davor hat, sich selbst ausgesprochen dämlich dastehen zu lassen: "One thing my dad told me was, 'Never let your woman know when you're insecure'" entwickelt er zu "One thing my heart tells me is
'Flex on a ho every time they're insecure'
". Lines, die man nicht ohne ein Bewusstsein dafür performen kann, wie arschig man dabei klingt.

Aber genau diese Bekenntnisse zur eigenen Arschigkeit machen "Death Race For Love" interessant. Am besten funktioniert das im Tandem mit wunderbar schmalzigen Piano-Lines ("Robbery", "Empty") oder Gitarren-Licks wie in den Soft Rock-Versionen von My Chemical Romance-Songs ("Demonz", "Flawz And Sinz"), die auf Trap-Grooves zu einer Catchiness erwachen, die man sich am liebsten gar nicht eingestehen möchte.

Kurz gefasst, liegen die Stärken des Albums in den Momenten, in denen Juice kompromisslos er selbst ist. Das ist zwar schon Licht mit sehr viel Schatten, genug Leuten dürfte dieses Highschool-Melodrama überhaupt nicht reingehen, aber immerhin ist es originell und füllt eine Nische. Es gibt eben Situationen, in denen ein Mensch so etwas wie "Robbery" hören will. Dann ist ein solcher Song auch fantastisch und notwendig.

Das große Problem an "Death Race 4 Love" ist eher eine ganze Stange komplett überflüssiger, nicht-wehleidiger Tracks, in denen Juice WRLD versucht, seine Vielseitigkeit unter Beweis zu stellen. Das Gemeine daran ist, dass er in keinem der Stile, die er sonst anreißt, per se schlecht ist. Seine Bars sind in Ordnung, sein Flow gekonnt. Er macht einen soliden XXXTentacion auf "Syphilis", einen soliden Smokepurpp auf "The Bees Knees" und einen soliden Young Thug auf "ON GOD" (mit Young Thug). Aber wenn ich in der Stimmung bin, das jämmerliche Selbstmitleid eines postpubertären Emo-Trappers zu genießen, warum bekomme ich dann mindestens 30 Minuten Rewe-Eigenmarken-Versionen von Rappern, die ich direkt angemacht hätte, wenn ich sie hätte hören wollen?

"Death Race For Love" ist ja ohnehin schon unerträglich lang. Für 22 Tracks fehlen Juice WRLD die Vielschichtigkeit und das Gefühl für Dramaturgie, und auch seine stärksten Momente sind nicht immun gegen Abnutzung. Selbst wenn dieses Tape nur aus Hits vom "Lucid Dreams"- oder "Robbery"-Kaliber bestehen würde, wären zehn Tracks wohl schon eine ganze Menge Pathos, um es auf einmal zu verdauen. Aber mit so vielen Songs, die teilweise nicht einmal genau erklären können, warum sie existieren, fühlt dieses Projekt sich wie ein übersättigtes Mixtape an, nicht wie die Mainstream-Zementierung, die es hätte darstellen sollen.

Trackliste

  1. 1. Empty
  2. 2. Maze
  3. 3. HeMotions
  4. 4. Demonz - Interlude (feat. Brent Faiyaz)
  5. 5. Fast
  6. 6. Hear Me Calling
  7. 7. Big
  8. 8. Robbery
  9. 9. Flaws And Sins
  10. 10. Feeling
  11. 11. Syphilis
  12. 12. Who Shot Cupid?
  13. 13. Ring Ring (feat. Clever)
  14. 14. Desire
  15. 15. Out My Way
  16. 16. The Bees Knees
  17. 17. ON GOD (feat. Young Thug)
  18. 18. 10 Feet
  19. 19. Won't Let Go
  20. 20. She's The One
  21. 21. Rider
  22. 22. Make Believe

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