laut.de-Kritik

Folkpop-Seiltanz zwischen Romantik und Kitsch.

Review von

Plötzlich kippt die Welt und alles ist ganz anders. Die Karriere des Singer-Songwriters Joshua Radin aus Los Angeles bleibt wohl für immer an einen Moment geknüpft, in dem sich alles schlagartig verändert. Eindrucksvoll untermalt Radins "Winter" 2004 in der Krankenhaus-Comedyserie "Scrubs" den erschütternden Twist, dass eine beliebte Serienfigur gar nicht mehr unter den Lebenden weilt. Radins Songs stehen seitdem für starke Emotionen. Spannende Twists boten sie jedoch in sechzehn Jahren selten.

Während Folkrock-Bands wie Wild Pink oder Waxahatchee angriffslustig Grenzen des Genres ausreizen, kultiviert Joshua Radin auch auf seinem neunten Studioalbum "The Ghost and The Wall" sein eher genügsames "Whisper Rock"-Rezept aus akustischer Gitarre und feinfühligem Gesang. Im Homeoffice-Austausch mit Produzent Jonathan Wilson, der schon bei Father John Misty, Conor Oberst und Dawes mitwirkte, setzt Radin seine emotionale Reise fort.

Eingebunden in einen alten Buchdeckel entspinnt sich auf "The Ghost and The Wall" das leitmotivische Verhältnis zwischen Mauern und Gespenstern. Welches der beiden Phänomene war zuerst da? "Hatte ich Mauern um mich herum, so dass Leute, die ich nicht in mein Leben ließ, zu Gespenstern wurden?", fragt Radin. "Oder sind Menschen, die mich verletzen, verlassen und zu Gespenstern werden der Grund dafür, dass ich Mauern um mich herumbaue?".

Kompakt versammelt Radin seine Mauern und Gespenster in zehn Dreiminütern. Mit der Vorliebe für direkte, anrührende Momente bewegt sich das Album durchs Reich der Romantik und riskiert dabei mehrmals die Nähe zum Kitsch. Radins sehnsüchtige Stimme erklingt in einem weit exponierenden Hallraum an der Grenze zur Überproduktion und einem dienlichen Dunstkreis von Vorfahren wie Simon & Garfunkel und Kollegen wie William Fitzsimmons oder Iron & Wine.

Statt künstlerischer Ausarbeitungen verlässt sich Radin oft auf etablierte Melodien und Bilder. Nähe und Ferne, Heimat und Abschied. Entlang romantischer Traditionen bespiegelt der Musiker sein Innenleben in Naturbildern. "I built a shelter cause it's callin for rain", singt Radin in der Eingangsstrophe des Openers "Goodbye" und später im Refrain dann "I'll be gone by the sunrise". An Stellen wie diesen manövriert Radin überdeutliche Metaphern mit leichter Hand, manchmal allerdings ziehen die Bilder lediglich blass vorbei.

Beim "Whisper Rock"-Konzept hindert der Rock-Anteil eher. Angefangen bei der ersten Singleauskoppelung "Better Life" klingen alle schnelleren Songs des Albums in den aufbauenden Strophen noch stimmig, fliegen aber im Uptempo-Refrain ungelenk aus der Bahn. Als Aufbruchshymne führt "Hey You" zunächst gedämpfte Gitarrenklänge über metaphorische Brücken und Feuer spazieren bis der Refrain mit irritierender Intonation überdreht.

"You're My Home" beginnt als verspieltes Motivationstraining und kippt im Refrain zu einer James-Blunt-Emulation mit Party-Klatschen und Mumford & Sons-Zupferei. "Till the Morning" liefert mit getragener Stimme und Klavierbegleitung einen vielversprechenden Einstieg, der eine angemessene Erweiterung verdient hätte, doch auch hier stürzt sich der Song abrupt in einen barocken Kuschel-Crooner-Chorus.

Als Radins Spezialgebiet erweisen sich, bei allen Abstrichen, auch auf diesem Album die stillen Liebeslieder. Obwohl auch die zweite Single "Fewer Ghosts" im Refrain etwas zu viel Pathos trägt, profiliert sich das Lied mit sanft gezupfter "Hallelujah"-Variation und gehauchtem Sprechgesang als programmatisches Vanitasstück: "But everyone's on their own time / For me it was later than most". Als folkloristisch nahe Naturbeschwörung samt Pedal-Steel-Zwischenspiel erhebt sich "Next to Me" zu einem feierlichen Finale, das perfekt auf den verträumten "Garden State"-Soundtrack von Radins Freund und Förderer Zach Braff gepasst hätte.

Perfektion erreicht Radins emotionaler Seiltanz in zwei Songs. "I'll Be Your Friend" führt den charakteristischen Hall auf Radins Stimme konsequent in ein nahezu kirchliches Arrangement mit würdevollem Piano, erhabenen Streichern und der Verkündung "We'll all sing hallelujah, hallelujah". Ähnlich andachtsvoll gerät "Make It Easy". Mit dichtem Aufbau, tieferer Stimmlage und strahlender Orgel gelingt Radin damit der stärkste Song des Albums und einer der stärksten seiner Karriere.

Trackliste

  1. 1. Goodbye
  2. 2. Fewer Ghosts
  3. 3. Better Life
  4. 4. Make It Easy
  5. 5. Hey You
  6. 6. I'll Be Your Friend
  7. 7. You're My Home
  8. 8. Not Today
  9. 9. Till the Morning
  10. 10. Next to Me

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