laut.de-Kritik

Solo-Orgien auf höchstem Erregungsgrad.

Review von

"Für mich steht der Groove an erster Stelle. Ohne ihn spiele ich gar nicht erst", wegweist Joe Zawinul. Auf "Brown Street" klopft es diesbezüglich richtig ordentlich und schon die Eröffnungsnummer eskaliert in ein Fest treibender Beats und mitreißender Soli. Eingebettet in ein druckvolles Big Band-Arrangement offenbaren sich die Stärken der Doppel-CD ab der ersten Note.

Auf der Ballade "In A Silent Way", die ohne Drums auskommt, schöpft Tonsetzer Vince Mendoza Raffinesse und Charme seines Könnens voll aus, bevor "Fast City" wieder mit Big Band Power à la Maynard Ferguson angreift. Originelle Instrumentierungen und gewiefte Arrangements kennzeichnen seine Handschrift. Ich wage sogar zu behaupten, einige der auf "Brown Street" vertretenen Arrangements reichen an die Orchestrierungs-Qualität eines Gil Evans heran.

"Fast City" präsentiert sich extrem abwechslungsreich, seine solistischen Ausflüge als waghalsig und der Groove als anbetungswürdig. Sein Fusion-Schub ist die optimale Grundlage für das aggressive Saxophon-Solo Paul Hellers, das aufs Angenehmste an Michael Breckers solistische Orgasmen, die er in seinen besten Zeiten aus dem Horn ejakulierte, erinnert!

"Paul Heller ist ein Killer, Mann" begeistert sich auch Joe Zawinul für den jungen Tenoristen. Zawinul selbst lässt sich ebenfalls nicht lumpen und liefert im direkten Anschluss eine Soloorgie auf höchstem Erregungsgrad. Dabei wird er von Basser Victor Bailey angefeuert, der sich im Hintergrund an schnellen Läufen die Finger blutig frickelt. Wie einst Jaco Pastorius. Oh Mann, geht das ab!

Mit dem Intro zu "Badia/Boogie Woogie Waltz" beruhigt sich das aufgedrehte Innere zunächst wieder. Der im Hintergrund agierende Hi-Hat-Beat lässt jedoch Aufwühlendes erahnen. Dieser Vorahnung entsprechend gestaltet sich der Rest des Stücks als - wie soll es anders sein - ideenreich im Arrangement und solistisch im besten Wortsinne ausufernd.

"Black Market" schmunzelt im Midtempo-Bereich bis über beide Backen und gehört eher zu den Stücken, in denen man sich in der Livesituation getrost ein Bierchen an der Theke ordern könnte. "March Of The Lost Children" flirtet die Hörenden mit diesem treibenden Drum-Gefrickel an, dem kein Fusion-Jazz-Funker widerstehen kann. Mit dem Rhythmuswechsel mutiert die Nummer zum sanft rollenden 4-To-The-Floor-Jazz, wie ihn sich auch ein St. Germain aus den Rippen schwitzt.

"Night Passage" shuffelt gemächlich vor sich hin, "Procession" geht wieder zur Sache und "Carnavalito" zeigts uns noch mal mächtig. Die Big Band feuert aus allen Rohren und verschießt zu guter Letzt noch ein Perkussions-Feuerwerk, das es in sich hat.

Das Repertoire der 70er-Kultband Weather Report offenbart auf "Brown Street" eine erstaunliche Wandlungsbereitschaft, die die Qualität und den kreativen Reichtum der Originale deutlich ins Bewusstsein ruft. "Es handelt sich im Grunde um Original-Weather Report-Arrangements, die für Bigband bearbeitet wurden. Ich habe dafür gesorgt, dass sie offen genug sind, damit die Musik atmen und grooven kann. Und gleichzeitig sollte das Ganze kein Coveralbum werden. Wir wollten, dass die Bearbeitungen eigenständige Stücke sind und ihre eigene Identität besitzen".

Diesen Anspruch erfüllen ausnahmslos alle Songs. Lediglich "A Remark You Made", das wohl zu den schönsten Instrumental-Balladen gehört, die die Musikwelt je gesehen hat, bewegt sich in der Bigband-Adaption nahe am Original. "Ich bin sehr happy über dieses Album, das kann ich dir sagen", resümiert Joe Zawinul über "Brown Street". Das gilt auch für mich!

Trackliste

CD 1

  1. 1. Brown Street
  2. 2. In A Silent Way
  3. 3. Fast City
  4. 4. Badia/Boogie Woogie Waltz
  5. 5. Black Market

CD 2

  1. 1. March Of The Lost Children
  2. 2. A Remark You Made
  3. 3. Night Passage
  4. 4. Procession
  5. 5. Carnavalito

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