laut.de-Kritik

Keep it alive - Joe Bonamassas und Joannes beste Raritäten.

Review von

Die Britin Joanne Shaw Taylor hat schon auf einem deutschen Label musiziert, dann auf ihrem eigenen, und eine recht gut verkaufte CD beim internationalen Major Sony veröffentlicht. Ihre vierte Label-Heimat befindet sich an der US-Ostküste, in den Händen ihres extrem aktiven Kumpels Joe Bonamassa. Der besprach mit ihr, welche vergessenen Stücke der modernen Blues-Geschichte sie am besten covern könnte. Soul und Rock zählten auf "The Blues Album" im letzten Herbst mit dazu. Denn "Joe und ich haben recht liberale Ansichten darüber, was wir als Blues-Songs betrachten", bekundet die Gitarristin und Singer-Songwriterin, die bisher alles selbst verfasste.

Inzwischen hat sie die Cover-Auswahl live performt. "Blues From The Heart Live" überträgt (fast identisch) die Track-Reihenfolge des energischen, harten Studioalbums und fügt ein paar eigene ältere Stücke aus Joannes Feder hinzu. Heraus kommt ein Teil, das einen wegfegt. Elektrisiert, unter die Haut geht, Spaß macht, ansteckenden Schwung verbreitet. Eine Liebeserklärung an die Musik des Stax-Labels, die frühen Fleetwood Mac, an die 60ies, auch an Joannes Lieblingsband The Fabulous Thunderbirds, und ganz generell an Seele im Sound und ans Singen.

"Wir wollten ein hartes, gesangszentriertes, geradliniges Blues-Album machen", so Bonamassa, Koordinator der neuen Plattenfirma und lokalen Initiative Keeping The Blues Alive. Das meiste, was hier eingefangen wurde, ist einfach priceless: Das Arrangement in "I Don't Know What You've Got ft. Mike Farris", die Gummi-Rhythmik, kehlige Interpretation, Keyboards und innehaltenden Momente in Taylors eigenem Song "Just Another Word", wie sie Sehnsucht und Verlangen in "I've Been Loving You Too Long" vertont, der lustvoll twangende Twist im Joe-Joanne-Duett "Don't Go Away Mad ft. Joe Bonamassa".

Letzterer ist ein Sofort-Mitsing-Blues mit simplen Reimen und hohem Spaßfaktor aus dem Jahr '92 und stammt von Cooder, Lowe und weiteren Stars. Delaney & Bonnies "Only You Know And I Know ft. Joe Bonamassa" erfährt eine euphorische und trotz der Länge kurzweilige Darbietung. Schon die Auswahl des Sets beeindruckt, während in der Umsetzung aus vielen Einzelteilen ein flüssiges Ganzes wird. Konsequent fügt die blonde Britin die Quellenvielfalt zusammen:

In Joannes Kehlkopf gerinnen Soul und Easy Listening-Jazz zu what-they-might-call-the-blues. "If That Ain't A Reason" stammt vom Stax-Label (1971), ebenso mit "I've Been Loving You Too Long" der wohl bekannteste Tune (Otis Redding). "Three Time Loser" ist Atlantic-Soul, ursprünglich performt vom legendären Wilson Pickett, 1966. Noch ein Jahr älter, von 1965: "Let Me Down Easy". Dieses zentrale Lied des Sets, einst eines für Dee Dee Ford & The Don Gardner Quintet, kennt wohl wirklich kaum jemand. Rar, jedoch genial! Und "Summertime ft. Joe Bonamassa" interpretiert Gershwins Hit aus dem "Porgy And Bess"-Musical wirklich neuartig - frei von Scheuklappen. Denn derart vorgebracht, lässt sich wirklich der Blues alive halten.

Die bluesigste Nummer von allen entstand weit weg vom Mississippi - "Stop Messin' Round", Fleetwood Mac-B-Seite von 1968. Mit "Two Time My Lovin'", verfasst vom Mundharmonika-Spieler der Fabulous Thunderbirds, Stevie Ray Vaughans Bruder, schafft es ein weiterer relativ junger Song (1986) in die Selection.

Die Lust, so richtig in den Blue Notes zu versinken, lässt sich Joanne in jedem einzelnen Riff und jeder Silbe ihres Gesangs anmerken. "Let Me Down Easy" achtet in erster Linie auf den emotionalen Ausdruck der Entertainerin. "Missbrauche es nicht, dass ich ihr dir all meine Liebe gebe, bitte", das ist im Wesentlichen der Text, Joanne jammert "plea-hea-hea-hea-he-hease", fleht, zeigt sich ergeben und der Liebessucht erlegen, und dann folgen Feinheiten von "abuse" und "misuse", den Machtspielen asymmetrischer Beziehungen. 'Toxisch', würde man heute sagen. Das Lied ist recht schlicht, und darin liegt die hier genutzte Chance, zwei schlichte Tracks draus zu machen: eine Gänsehaut-Vocal-Ballade und nach getaner Arbeit ein knarzendes Gitarre-Verstärker-Instrumental. In Summe fünfeinhalb Minuten Schmerz, Leid, Qual in Herz und Seele, "From The Heart" eben. Joanne hört sich selten so gefühlig an, so nahbar und verletzlich. Eine neue Seite an ihr.

Eine ganz ungewohnte neue Färbung gewinnt die CD der "Summertime" ab. Mit Gospel-Soul-Choral-Background und Bonamassas erdigen Tönen eröffnet diese Version eine spannende Bandbreite von luftig schwebend bis zünftig krachledern. Dazu orgelt Keyboarder Reese Wynans inbrünstig, und irgendwas an der Version erweckt den Eindruck, als performe Jennifer Warnes auf einem Procol Harum-Tune. Shaw Taylor kitzelt aus dem Musical-Song eine Soul-Rock-Midtempo-Ballade. Die '30er-Jahre verwandeln sich in späte Sechziger, wiederum made in 2022.

Eigentlich gibt es nur einen Kritikpunkt: Bei dieser Live-Platte spürt man recht wenig vom Publikum. Für die knappen Bühneneindrücke im Audio entschädigt die zweite Scheibe mit Filmmaterial. Und war das Studioalbum bereits klasse, so profitieren nun einige Songs live von der Luft zum Atmen, in gelösten Versionen, etwa "If That Ain't A Reason". Live locker aufgefahren, kommt die Nummer ziemlich frei gejammt rüber. Der Gesang lässt deutlich auf England schließen. Aussprache very British, Intonation eher wie bei Steve Winwood als am Memphis geschult, und "Keep On Lovin' Me" verfolgt diese Linie gekonnt weiter.

Mit der freien Gestaltung tut Taylor dem Genre einen Gefallen. Ihre Gesangsleistung bannt und fesselt. In ihrer Neutralität und Natürlichkeit liegt viel Ausdruckskraft. Dem angenehmen Timbre, das Joanne in den Dienst relativ unbekannter Stücke stellt, lässt sich lange entspannt lauschen. Joanne liebt das, was sie tut, als überspiele sie eine Kassette mit Lieblingsliedern für einen Freund als Geschenk, und weil sie's kann, spielt sie die Mixtape-Songs gleich mal selbst.

"Mein Hauptziel war es, Songs auszuwählen, die Spaß machen, zu singen und zu spielen." Mission erfüllt! Auch wenn man einen Song vielleicht weniger mag als einen anderen, trägt doch jeder zum weitwinklig angelegten Puzzlebild hier bei, Kenny Wayne Shepherds Gitarren-Glamour (Original von Albert King (1970)) oder der antiquierte Rhythm'n'Blues-Schnulz "If You Gotta Make A Fool Of Somebody".

Mit ein paar eingestreuten eigenen Nummern markiert Joanne, dass sie bisher nie anderes tat als selbst zu komponieren. "I'm In Chains" aus ihrer CD "Wild" (2016) klirrt am meisten, ist der distanzierteste und zugleich feurigste Tune der Sammlung, mit funky Psychedelic und man könnte glauben, dass der den Sechzigern entstamme.

Das Ganze ist mehr als ein Cover-Album, eher wie eine Compilation: Eine Zusammenstellung mannigfaltiger Gesichtspunkte, die alle um ein und dieselbe Idee kreisen. Für die weiten Territorien der Wunderwelt des bluesy heritage, zwischen Chicago, Texas, Memphis und London liegt hiermit ein Roadmap-Sampler vor, ein Touri-Guide für Leute, die was entdecken möchten. Dieses Album macht fühlbar, was für beeindruckend modern klingende Songs es aus den Sixties gibt, und dann, wie schwierig diese große Geschichte mit der Liebe doch ist. Sowohl fürs tief schürfende Perlentauchen als auch für die kompetente und gefühlvolle Umsetzung gebühren Joanne und Joe Lob, Respekt und Dank.

Trackliste

  1. 1. Stop Messin' Round
  2. 2. If That Ain't A Reason
  3. 3. Keep On Lovin' Me
  4. 4. If You Gotta Make A Fool Of Somebody
  5. 5. Can't You See What You're Doing To Me ft. KW Shepherd
  6. 6. Let Me Down Easy
  7. 7. Two Time My Lovin'
  8. 8. I Don't Know What You've Got ft. Mike Farris
  9. 9. Three Time Loser
  10. 10. Dyin' To Know
  11. 11. Just Another Word
  12. 12. I've Been Loving You Too Long
  13. 13. I'm In Chains
  14. 14. Don't Go Away Mad ft. Joe Bonamassa
  15. 15. Summertime ft. Joe Bonamassa
  16. 16. Only You Know And I Know ft. Joe Bonamassa

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