laut.de-Kritik

Wenn der "Herbergsvater" auf die Diskokugel schielt.

Review von

Nahezu 30 Jahre ist Joachim bereits im Geschäft - und legt nach seiner "Best Of" aus dem Jahr 1998 nun mit "Auf Ewig - Meisterwerke" eine neue Kompilation vor. Sie besteht vorrangig aus einer Auswahl des "Bayreuth"-Zyklus sowie der Alben "Pop" und "Eisenherz" sowie kleineren Rückgriffen auf die ganz frühe Schaffensphase. Zusätzlich erwarten den Hörer zwei bislang unveröffentlichte Tracks. Witt selbst sieht diese persönliche Auswahl vor allem als Abschluss seiner Werkreihe "Bayreuth". Das besondere an der Zusammenstellung: Sämtliche Titel wurden, mit neuen Arrangements versehen, komplett neu eingespielt und eingesungen.

Als Opener fungiert hier der ewige Witt-Hit "Goldener Reiter". Der über Jahrzehnte vertraute NDW-Sound weicht in der Version von 2007 einem gitarrenlastigen Rock-Anstrich. Aus der Solo-Karriere-Anfangsphase ist ebenfalls der berüchtigte "Herbergsvater (Tri-Tra-Trul-La-La)" vertreten - ein Song, der mich bereits zu Original-Veröffentlichungszeiten stark irritierte. Ich empfand ihn irgendwie als kruden Quatsch - doch so ganz aus dem Kopf verschwand er mir allerdings nie. Nun liegt er als "Danzmusikmix" vor - und funktioniert mit seinem rücksichtslosen Schielen auf die glimmernde Disco-Kugel äußerst prächtig.

Temporeich aufgeladen galoppiert "Ich Spreng Den Tag" dampfend über die düster dämmernde, witt'sche Musik-Heide. Der große Comeback-Hit "Die Flut" aus "Bayreuth Eins" zelebriert in dieser Version puren Witt-Gesang: Die Neueinspielung verzichtet auf Peter Heppners damalige Gast-Parts.

"Supergestört Und Superversaut", für mich ein Titel aus der nicht ganz so großartigen Witt-Kiste, ist hier als "Oomph-Remix" zu goutieren. Wer's mag! Bei einer Menge anderer Songs liegt der Künstler mit seinem Auswahl-Händchen erheblich besser: Das "Eisenherz" erstrahlt frisch und leuchtend in seinem neuen Arrangement, ebenso überzeugt die hier vorlegte Fassung der Ballade "Wem Gehört Das Sternenlicht" eher als die originale Fassung auf "Bayreuth Drei". Gerade der verstärkte Einsatz weiblichen Duett-Gesangs intensiviert den positiven Gesamteindruck. "Das Geht Tief" hat sein Erscheinen auf dieser Kompilation ebenfalls voll verdient, und Witts Silly-Cover "Bataillon D' Amour" zählte schon zu "Bayreuth Zwei"-Zeiten zu den Highlights.

Der Künstler Joachim Witt erscheint über seine Schaffens-Jahrzehnte gesehen oft schwer greifbar, oder, wenn überhaupt, in nur einer einzigen Stil-Schublade platzierbar. Vom Engagement bei der Siebziger-Jahre-Deutschrock-Formation Duesenberg führt sein Weg über den Erfolg als NDW-Ikone auch in die jahrelangen Abgründe mäßig erfolgreicher Veröffentlichungen, bis "Bayreuth Eins" 1998 das aufsehenerregende Comeback einläutete. Oft mit hartem, metallischem Anstrich versehen, eroberte sich Witt mit düsteren Lyrics und Kompositionen neue Fans, insbesondere aus dem Gothic-Lager. Sein Gesamt-Stil indes blieb und bleibt stets wandelbar und jongliert mit verschiedensten Versatzstücken aus dem Fundus von Pop und Rock.

Streiten lässt sich - wie eigentlich immer bei "Best Of"-Zusammenstellungen - natürlich über die ausgewählten Titel, bzw. die fehlenden. "Wintermärz", "Treibjagd" und "Liebe Und Zorn" aus "Bayreuth Eins" wären ebenfalls 1a-Kandidaten, und mit "Über Den Ozean" aus "Bayreuth Zwei" fehlt mir persönlich eine der schönsten Arbeiten aus der gesamten Werkreihe. Aus dem vorzüglichen "Pop"-Album winken mit dem Dancefloor-Kracher "You Make Me Wonder" und
"Erst Wenn Das Herz Nicht Mehr Aus Stein ist" zwei weitere Hochkaräter. Schwierige Entscheidungen! Von den beiden brandneuen Songs "Weh-Oh-Weh" und "Unsere Welt" überzeugt besonders letzterer. Witt hier in melancholischer, nachdenklicher Akustik-Kulisse mit streitbarem Text über warmen Melodiebögen - gelungen!

Alte Witt-Fans werden sich natürlich gerade wegen der Neuinterpretationen und der zwei Bonus-Titel "Auf Ewig" sicher nicht entgehen lassen. Unentschlossenen und Neugierigen bietet der Künstler einen interessanten Schaffensüberblick, besonders über die zurückliegenden zehn Jahre. Das Album ist auch als Limited Edition erhältlich, die in ihrem DVD-Teil jede Menge Video-Clips und ausführliche Interviews mit dem Künstler beinhalten.

Trackliste

  1. 1. Goldener Reiter (Neuzeit Mix)
  2. 2. Ich spreng den Tag!
  3. 3. Eisenherz
  4. 4. Jetzt Und Ehedem
  5. 5. Hundert Leiber
  6. 6. Die Flut
  7. 7. Herbergsvater (Danzmusik Mix)
  8. 8. Und Ich Lauf
  9. 9. Wem gehört das Sternenlicht?
  10. 10. Das Geht Tief
  11. 11. Unsere Welt
  12. 12. Supergestört Und Superversaut (Oomph!-Remix)
  13. 13. Batallion d'Amour
  14. 14. Wo versteckt sich Gott?
  15. 15. Weh-Oh-Weh
  16. 16. Immer noch

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