laut.de-Kritik

Engtanzen oder geil aussehen - warum entscheiden?

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Als Teenager tanzte man den Blues auf allen Feten und war glücklich, den Schwarm zum langsamen "The Power Of Love" von Frankie Goes To Hollywood umarmen zu dürfen. Jeremy Jay nennt seine zweite Platte nun ganz programmatisch "Slow Dance" und entführt uns in eine skurrile Retro-Glam-Popshow.

Ganz ungeniert setzt der Kalifornier auf das schwarze Schaf der Populärmusik: Eine frostige Frühachtziger-Synthetik haftet owohl optisch als auch musikalisch an ihm. In Popper-Frisur und androgyner Körperhaltung knüpft er an sein Debüt "A Place Where We Could Go" nahtlos an.

Eisige Synthesizer aus Rudis Resterampe zieren nicht nur den Eingangssong "We Were There", sie werden minimalistisch von Bass, Gitarre und Schlagzeug begleitet. Das Tempo gerät ganz allgemein gebremst. "Slow Dance" beschreibt die Tanzsituation aufs Wort und fordert eigentlich zum anschmiegsamen Paartanz auf. Nichtsdestotrotz dürfte das hier doch eher den coolen Komplettstyler auf den Dancefloor ziehen. Uncool is the new cool.

Von Professionalität an den Instrumenten kann bei Jeremy Jay und seinen Mitmusikern übrigens nicht die Rede sein. Aber genau dieser Dilettantismus verursacht gute Laune beim Hörer. Die LoFi-Klänge passen darüber hinaus hervorragend zum Label K-Records. Möglich jedoch auch diese Interpretation: Vielleicht verarscht uns Jay mit seinen cheesy Slowdance-Hymnen auch bloß.

Unwichtig eigentlich, denn neben Plastikbeats und Bowie-Glamour schwebt über den Melodien die Chansonhaftigkeit der 50er und 60er Jahre. Künstler wie Jacques Brel beeinflussen ihn laut eigener Aussage schon lange. Textzeilen werden zudem oft wiederholt, was den Widererkennungseffekt einzelner Stücke ("Canter, Canter") pusht.

Winterdepressionen werden hier mit heißer Schokolade überstanden, überhaupt scheint der junge Mann einiges für die braune Leckerei zu tun. Dabei klingt er oft wie eine sexy Mischung aus Bobby Conn und Marc Almond. Trotz winterlicher Atmosphäre ist "Slow Dance" somit ein bewegender Start in den Frühling.

Trackliste

  1. 1. We Were There
  2. 2. In This Lonely Town
  3. 3. Gallop
  4. 4. Canter Canter
  5. 5. Slow Dance
  6. 6. Winter Wonder
  7. 7. Will You Dance With Me?
  8. 8. Breaking The Ice
  9. 9. Slow Dance 2
  10. 10. Where Could We Go Tonight?

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