laut.de-Kritik

Waidmannsunheil.

Review von

Der sanfte Schleier der Unschärfe legt sich fürsorglich über Vergangenes: Alle Oasis-Alben waren klasse, Wu-Tang harmonierten auf jedem Song und Bandits waren schon 1997 die vorweggenommene deutsche Antwort auf Savages. Diese charmante, aber im Rückblick eher egale Truppe samt zugehörigem Film bedeutete den kommerziellen Durchbruch für Jasmin Tabatabais Musikkarriere, die seitdem aber nichtsdestotrotz stets hinter ihrem überaus erfolgreichen Schauspiel zurückstecken musste. Mit "Jagd Auf Rehe" bedient sie die Zweitlaufbahn nunmehr erneut, und wie seit "Eine Frau" weiß sie dabei den Schweizer Musiker und Produzenten David Klein an ihrer Seite.

Die Kooperation mit Klein ist insofern eine ungleiche, als dass der Sound aus Cowgirls- und Bandits-Tagen zur Gänze poppigem Salon-Ensemble-Jazz wich, wie ihn Roger Cicero und Götz Alsmann hierzulande beliebt machten. Nun muss nichts Verkehrtes sein an Musik, zu der Roger Willemsen beschwingt in seinem Wohnzimmer hätte Sherry trinken können, aber die deutsche Spielart von modernem Pop-Jazz fiel bislang weniger mit Spielwitz oder Technik auf, eher mit strammer Kommerzialisierung und ekeligem Pseudo-20er-Jahre-Gehabe.

"Jagd Auf Rehe" entgeht dieser musikalischen Ameisenfalle leider nicht. Überhaupt erscheint das Label "Jazz" für dieses Werk insofern falsch, als dass zwar dieselben Instrumente wie bei Till Brönner Verwendung finden, sie aber nur als Mittel zum Zweck dienen. Das gesamte Album über wird man das Gefühl nicht los, dass Tabatabai und der mit Anna Rossinelli 2011 auf dem letzten Platz des ESC gelandete Klein nur einen bequemen Weg gesucht haben, eine Scheibe ohne viel Aufwand zu produzieren, bei der Tabatabai sich in den Mittelpunkt rücken kann. Die intellektuelle Aura von Jazz lässt es zu, dass ein Coveralbum wie "Jagd Auf Rehe" fürs Feuilleton weniger als liebloser Abklatsch wirkt, der völlig unzusammenhängende Songs in ein und dieselbe Schablone zu quetschen versucht, sondern vielmehr wie eine gewitzte Hommage.

Ist es in diesem Fall aber halt nicht. "Ich bin Künstlerin und erlaube mir, mich in den verschiedensten Facetten auszudrücken", sagt Tabatabai. Das ist ein lobenswerter Vorsatz fürs Neujahr, nur tat sie das wohl woanders als auf "Jagd Auf Rehe". Die ständige Pose als wiedergeborene Dietrich, deren Authentizität konstant am Limit triefendes Pathos betonen soll, ist fast ebenso unerträglich wie die völlig einfallslose musikalische Interpretation von Klassikern homerschen Ausmaßes, darunter "Hey Jude" und Drakes "River Man".

Eine völlige Verfremdung dieser Lieder ist keineswegs eine schlechte Idee, die Versionen auf dieser Platte sind ebenso wie Annie Lennox' eigentlich so energetisches "Why" jedoch heruntergedimmt auf einfachstes blutleeres Zeigefingerarmlehnenmucktertum. "Riverman", ein Song über das ewige Ritual von Erneuerung und Abebben, leidet darüber hinaus in besonderem Maße an der durchgehend gehauchten Stimme Tabatabais, die keine emotionalen Ausschläge zulässt. Wenn man diese Stilvorgabe, durch die die Songs wie grobe Würste gepresst werden, "Jazz" nennt, dann ist das hier halt Jazz, aber es könnte genauso gut die Schlager- oder die Danceschablone herhalten.

Vermutlich aus dem instinktiven Unterbewusstsein, mit dem Genre Jazz nicht wirklich etwas anfangen zu können, flüchten sich die Songs oftmals in Richtung Chanson, angefangen bei Schuberts "Ständchen" zu Beginn. Er schrieb mehrere, gemeint ist D957D aus dem "Schwanengesang". Kinder-Einschlaf-CDs werden sich um diesen Song reißen, er ist in seiner absoluten Gleichförmigkeit für bewusst Wache aber eine Geduldsprobe und bildet damit ein denkbar schlechtes Bühnenbild für Ludwig Rellstab flehendes Sehnsuchtsgedicht, das zum Ende hin doch orgiastisch explodieren will.

Tabatabai singt technisch keineswegs schlecht, die mit WDR-Big Band-Könnern bestückte Band beherrscht ihre Instrumente offensichtlich, aber dieser schöne Klang verhallt schal. Dass die enorme Bandbreite der zugrunde liegenden Stücke auf dem Album dann wie eine konforme Masse mit angenehmem Timbre klingt, entblößt den lieblosen Ansatz dieser Songsammlung, auf dem Knef und Kinderliedertexte unauffällig koexistieren. Jazz kann 20er-Jahre-Ensemble-Jazz mit charismatischer Frontfrau sein, aber dann lebt er von Dynamik, Charisma und Spieltiefe, er lebt von der direkten Ansprache, vom Bann des Sängers, von der hier völlig abgehenden Möglichkeit für die einzelnen Musiker, über Soli den Song voranzutreiben.

Reinhard Mey hat in seiner Karriere mindestens so viele Geschmacksverirrungen begangen wie großartige Lieder geschrieben. Was für Söllner "Boarischa Krautmo", ist für Mey das poofige "Männer Im Baumarkt": voll lustig, weil Männer handwerken allesamt gerne und reflektieren dabei nicht ihre ameisenhafte Betriebsamkeit, höhö. Ständige Augenzwinkerei über einen Witz, der halt nicht (mehr) lustig ist, ist selbst nur eine Form robotischen Zwangsverhaltens, das auf "Jagd Auf Rehe" allzu oft praktiziert wird ("Mein Mann Ist Leider Verhindert").

Den Charakter von Strichliste und Auftragsarbeit verstärkt das pflichtschuldig wirkende farsi-sprachige "Shekare Ahoo", ein leider lahmes Lied über eine Liebeshatz, das französische "La Rose" und die Vertonung des pseudointellektuellen "Zeit Für Lyrik" vom Slam-Poeten Sebastian 23, warum auch immer es dessen Beruf noch gibt.

Trackliste

  1. 1. Ständchen
  2. 2. La Rose
  3. 3. Anymore
  4. 4. Sei Mal Verliebt
  5. 5. Männer Im Baumarkt
  6. 6. Mein Mann Ist Verhindert
  7. 7. Nichts Haut Mich Um
  8. 8. Zeit Für Lyrik
  9. 9. Shekare Ahoo
  10. 10. A Place For Lovers
  11. 11. Hey Jude
  12. 12. Why
  13. 13. Riverman
  14. 14. Lass Mich Bei Dir Sein
  15. 15. Schlafengehen

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