laut.de-Kritik

Ein Album voller Hits.

Review von

Auf diese Platte habe ich 15 Jahre lang gewartet. Was war das Debütalbum "Panic Prevention" 2007 für eine Wucht. Der damals 22-jährige Jamie Treays tauchte aus der Versenkung auf und schoss sich gleich in den Indie-Himmel. In Indie-Discos wurden Übersongs wie "Sheila" und "Ike & Tina" rauf und runtergespielt. Jamie T. war Englands neuer Shootingstar. Mit "Kings And Queens" legte der Brite nur zwei Jahre später nach. Wieder haute er einen Kracher nach dem anderen aufs Album. Noch immer war er in Höchstform.

Dann wurde es stiller um den Briten. "Carry On The Grudge" und "Trick" waren gute, aber keine hervorragenden Alben. Und schon gar nicht knüpften sie an den Erfolg der vorherigen an. Trotzdem zeigten Lieder wie "Don't You Find" oder "Meet Me On The Corner", dass er immer noch große Stücke schreibt.

Nun ist Jamie T. zurück. Mit einem Album, bei dem jeder, wirklich jeder Song ein Hit ist und locker als Single ausgekoppelt werden könnte. Das ist in Zeiten von Streamingplattformen nicht zu unterschätzen.

Selbst nach mehrmaligem Durchhören wirkt "The Theory Of Whatever" frisch. Langeweile? Nicht bei Jamie T. Weil man nie weiß, mit welchem Genre er beim nächsten Lied überrascht. Grime? R'n'B? Indie? Singer-Songwriter? Electro? Pop? Dabei klingt die neue Scheibe keineswegs nach Patchwork, das auseinander fällt. Jamie T. bringt die Stile gekonnt unter einen Hut.

Mit "The Old Style Raiders", "Old Republican" oder "St. George Wharf Tower" liefert er große Indie-Hymnen, die schon bald in diversen Radiostationen laufen werden. "British Hell" und "Sabre Tooth" sind mit ihren schnellen Gitarren und der Fuck-It-Attitüde die Arctic Monkeys-Stücke, die Alex Turner gern geschrieben hätte. Gerade "Sabre Tooth" muss bei Live-Gigs eine Wucht sein.

Wie viel songwriterisches Talent Jamie T. besitzt, zeigt der Südlondoner mit "Keying Lamborghinis". Mike Skinner von den The Streets hätte es nicht besser machen können. Feinfühlig ist er bei Balladen wie "Talk Is Cheap" oder "50.000 Unmarked Bullets", bei denen seine Stimme noch immer trotz seines nicht mehr jungen Alters wie vor 15 Jahren etwas bübisch klingt. Mehr Jamie T. als bei "Between The Rocks" geht indes nicht. Hier hat er alles reingepackt. Er rappt, singt, die Gitarren rennen, die Beats sind treibend.

In seinen Texten verarbeitet Jamie T. noch immer viel Persönliches. Er schreibt etwa über sein "zu viel Nachdenken, wenn er einzuschlafen versucht" in "90s Cars". In "Talk Is Cheap" singt er feinfühlig über Drogensucht und psychische Gesundheit. In "Between The Rocks" rechnet er mit dem Musikbusiness ab: "No kidding, what a way to make a living / Revolving in the door and we'll never stop spinning / It's cynics, critics and half-cut mimics / Tickets and bigots, they’re thick as thieves for the winning."

Mit "Panic Prevention" hatte sich Jamie T. ein Denkmal gesetzt. Nun beweist er erneut, dass er zu den talentiertesten Musikkünstlern gehört, die die Insel je hervorgebracht hat. Nach 15 Jahren wünsche ich mir nun nur noch eines: Ihn endlich mal live zu sehen. Dann werde ich bei "Salvador" ganz nach vorn zur Bühne stürmen, die Arme hoch reißen und schreien: "Bang Bang Anglo Saxons at the Disco!"

Trackliste

  1. 1. 90s Cars
  2. 2. The Old Style Raiders
  3. 3. British Hell
  4. 4. The Terror Of Lambeth Love
  5. 5. Keying Lamborghinis
  6. 6. St. George Wharf Tower
  7. 7. A Million & One New Ways To Die
  8. 8. Thank You
  9. 9. Between The Rocks
  10. 10. Sabre Tooth
  11. 11. Talk Is Cheap
  12. 12. Old Republican
  13. 13. 50.000 Unmarked Bullets

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7 Kommentare mit 17 Antworten

  • Vor 27 Tagen

    Riecht halt, wie jeder Indie, nach Studentenbuden von Wohlstandskindern. Ist aber gut gemachte Musik, und somit schwer zu hassen. Wer das abfeiert, den werde ich nicht schmähen. :)

  • Vor 20 Tagen

    Der Fairness halber: Carry On The Grudge und Trick waren bestimmt keine schlechten Platten.

    Trotzdem fühlt sich das hier ein bisschen nach Auferstehung an. The Theory Of Whatever ist ein Monster von einem Album, das spielend in eine Reihe mit den ersten beiden Großtaten passt, die wiederum für mich zum besten überhaupt aus den 00er Jahren gehören. Am liebsten höre ich gerade A Million And One New Ways To Die, Between The Rocks und Sabre Tooth, aber es ist wirklich so wie in der Rezi beschrieben, dass beinahe jeder Song auch für sich die Strahlkraft für einen Ohrwurm mitbringt.

    Das gilt ausdrücklich auch für die drei Bonustitel auf der Deluxe-Edition. Schmerzt zwar ein bisschen, mit 50.000 Unmarked Bullets den eigentlich idealen Abschlusstrack von seiner angestammten Position zu vertreiben, aber die ungebrochene Spielfreude auf dem Zusatzmaterial sollte einem den Euro unbedingt wert sein, den man dafür zusätzlich auf den Tresen legen muss.

    Bisher so oder so jedenfalls mein Album des Jahres aus dem (erweiterten) Indie-Bereich.

  • Vor 14 Tagen

    Ich hab mir mal sein Debüt für nen Fünfer geholt, ohne dass es direkt gezündet hat (wahrscheinlich mehr meine als seine Schuld).
    Das Album hier macht als launige Sommerplatte aber richtig Spaß. Die Songs machen Spaß und man hat jeden Tag einen anderen Ohrwurm. Vielleicht etwas zu abwechslungsreich für mich alten Spießer, aber das scheint ja zum Konzept zu gehören.

    P.S. Für den Arctic-Monkeys Diss möge dem Rezensenten ein (nicht allzu wichtiger) Finger abfallen.