laut.de-Kritik

Trips für den etwas zu erlesenen Geschmack.

Review von

Wahrscheinlich müsste man mehr stoned sein, um so richtig auf dieses Album klarzukommen, als ein Büro es an einem Werktagsvormittag zulässt. Fünf Jahre nach "The Sun's Tirade" kehrt Isaiah Rashad mit einem Album aus dem Xanax-Enzug zurück. Der Lieblings-Geheimtipp auf dem Kendrick Lamar-Label TDE hatte allem Anschein nach keine fantastische Zeit - und findet hier nun riesige Erwartungen vor. Die Leute sind immer noch überzeugt, den nächsten Oberhammer von ihm zu bekommen. Dabei war er bei allen geleisteten Taten nie der Rapper, der frontal aus den Socken haut. Auch "The House Is Burning" kommt nicht mit dem Pathos eines Comebacks um die Ecke. Mit einer Dreiviertelstunde reinen Vibes klingt es vielmehr, als hätte Isaiah es genossen, alle Zeit der Welt zu haben. Es klingt sonnig, psychedelisch und auf die geschmackvollste Art und Weise langweilig.

Von vorne bis hinten findet dieses Album Wege zu klingen, als würde man gerade wegdösen. Alles ist voll mit Echo, alles ist voll mit etwas verschickten Stimm-Effekten, immer wieder schaukeln die Instrumentals auf und ab wie leichter Wellengang. Wavy könnte man das nennen – und hätte nicht unrecht. Isaiahs Musik windet sich an zwei Achsen empor, die beide im Grunde das selbe Ziel verfolgen: Mit einem breiten Referenzpool breitet sich die eine Seite in Lean-getränktem Südstaaten-Rap aus, die andere Seite wälzt sich in warmen, jazzigen Cali-R'n'B.

Auf der einen Seite stehen Singles wie "Headshots (4r da Locals)" oder "Score", eine schummrige, aber stimmungsvolle Kollaboration mit SZA und 6lack. Hier übernehmen reichhaltige Melodien, die Stimmen sind zwar immer noch gefiltert und abwesend, aber im Kern klingt die Musik einladend, zufrieden. Es sind die Songs, die ganz intuitiv in freiförmige Blechbläser-Outros übergehen. Die Songs, die man mit modernen LA-Jazz-Musikern aufnehmen könnte.

Dagegen stehen die Südstaaten-Worships mit klaren Vorbildern wie "Chad" (Pimp C) oder "RIP Young" mit einer verdammt cool gelösten Project Pat-Interpolation. Highlight stellt hier die stampfende Vorab-Single "Lay Wit Ya" dar, die vielleicht den kompaktesten Refrain der Platte und ein notwendig energetisches Duke Deuce-Feature mitbringt. Wie auf der anderen Achse sind auch hier die Sounds geschmackvoll zusammengesetzt, die 808-Bässe sind gerade unaufdringlich genug, um die Chopped-and-Screwed-Samples und rotierenden Synthesizer zu wiegen.

Aber egal, ob sich ein Song nun zu einem der Pole klar bekennt oder irgendwo dazwischen schwebt, das Spannungsfeld ist klar abgesteckt und die entstehenden Sounds gehen ohnehin wunderbar Hand in Hand. Fast jeder Song hat sein irgendwo einprägsames, schönes Haupt-Element, sei es das Synth-Arpeggio, das "All Herb" wie einen Zelda-Tempel klingen lässt, der jazzige Optimismus auf "Claymore" oder die markante Gitarrenline auf "Wat U Sed".

Dabei gilt: Je beiläufiger man die Platte laufen lässt, desto härter kickt sie, je genauer man sich auf sie einlassen möchte, desto mehr frustriert sie. Isaiah hat die einzigartige Fähigkeit, wirklich fast bis zur Unkenntlichkeit mit den Beats zu verschmelzen. Flowen andere Rapper auf Beats im Freistil oder im Kraulen, dann steht er einfach mit beiden Füßen auf dem Poolboden und guckt mit der Nase zum Himmel heraus. Auch textlich erzählt er eigentlich nicht viel. Immer wieder implizieren Formulierungen einen Hintergrund, eine Geschichte oder ein Erlebnis, aber die meiste Zeit drischt er leere Phrasen für beiläufige Pattern. Es ist aller Ehren wert, wie intuitiv und unverkopft er das macht, versucht man aber, ihm zuzuhören, kann es ein bisschen unterwältigen.

"The House Is Burning" hat eigentlich all die Zutaten für ein geiles Rap-Album, aber man darf nicht zu nah an die Staffelei herantreten, weil sonst das Gesamtbild verschwimmt. Sein eigentümlicher Mix aus Hip Hop-Schulen, sein Gehör für Stimmung und Sound, seine Stimme, die schmelzen kann wie amerikanischer Käse: Es ist gar keine Frage, dass diese Platte einen Sommertag am Wasser perfekt untermalen könnte. Aber gleichzeitig unterstellt man ihr mehr als das zu sein, ein Aufarbeiten von mehr zu sein, mehr Inhalt zu bieten, der einfach nie auftaucht. Vielleicht kommt eines des Tages der perfekte Moment in der Geschichte, in der dieses eine Album den gottgegebenen Klick macht. Aber im Alltag zwischendurch sind es eigentlich auch nur Südstaaten-Beats to relax and study to.

Trackliste

  1. 1. Darkseid
  2. 2. From The Garden (feat. Lil Uzi Vert)
  3. 3. RIP Young
  4. 4. Lay Wit Ya (feat. Duke Deuce)
  5. 5. Claymore (feat. Smino)
  6. 6. Headshots (4r Da Locals)
  7. 7. All Herb (feat. Amindi)
  8. 8. Hey Mista
  9. 9. True Story (feat. Jay Rock & Jay Worthy)
  10. 10. Wat U Sed (feat. Iamdoechii & Kal Banx)
  11. 11. Don't Shoot
  12. 12. Chad (feat. YGTUT)
  13. 13. 9-3 Freestyle
  14. 14. Score (feat. SZA & 6lack)
  15. 15. THIB
  16. 16. HB2U

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1 Kommentar

  • Vor 2 Monaten

    SYNTH-ARPEGGIO...Squalle bitte kommen, hier gibt es was zu ragen.

    Album find ich eigentlich ziemlich naise, ma sagen, zumindest nach dem ersten Durchlauf. Das ein oder andere Feature weniger hätte der Platte aber mMn gut getan.