laut.de-Kritik

Krampfhaft jung, unfreiwillig cool.

Review von

Ein neues Album von Herbert Grönemeyer. Und es ist: Tatsächlich schwer okay.

Warum auch nicht? Vielleicht weil Grönemeyer-Hate laut anonymer Spiegel-Online-Kommentarspalten-Umfrage mittlerweile der letzte Schrei ist? Hach nein, jetzt mal Herberts vielfach kritisierte Polit-Agitation aus der Ferne außen vorgelassen: Das starre Getanze im "Doppelherz"-Musikvideo, die reichlich gestelzten Unboxing-Videos, das gesichtslose Albumcover – auf den ersten Blick wirkt das schon wie ein gefährliches Driften gen Bedeutungslosigkeit.

Dabei ist "Tumult" in der ersten Hälfte vielmehr ein ambitionierter Versuch krampfhafter Verjüngung. Dieser Grundsatz springt einem natürlich insbesondere in "Doppelherz / İki Gönlüm", De-Facto-Hymne auf die doppelte Staatsbürgerschaft, entgegen. Lyrics auf Türkisch und BRKN-Feature gehen ja fit, eher sind es Disco-Sirene und quadrierte Klatscher-Snares vorm Refrain, die gefährliche Assoziationen wecken. Bis auf einen kurzen Reggaeton-Moment in "Lebe Mit Mir Los" und eine haarscharfe Umschiffung von Trap-Sounds in "Mein Lebensstrahlen" scheint es aber fürs Erste bei diesen kleineren Eskapaden zu bleiben.

Der "Schiffsverkehr"-Fluch scheint endgültig gebrochen, mit "Sekundenglück" schickt Herbert seinem 15. Studioalbum zumindest wieder eine grundsolide Single voraus. "Du denkst, dein Herz schwappt dir über." Ja, doch, die übliche "Mensch"-Zielgruppe sollte er hier ganz gut bedienen.

Nichtsdestoweniger scheint Grönemeyer jemand den Floh ins Ohr gesetzt zu haben, dass elektronische Songfundamente der Schritt zum Glück seien. Ob das Spätfolgen seiner Felix Jaehn-Kooperation sind? Sicher nicht, tummelt sich dieser mit seinen Remixen doch verdientermaßen im Bonus-Track-Bereich.

Tatsächlich fußt "Tumult" aber über weite Strecken auf gedämpften E-Drums und warmen Synth-Strings. Statt knackiger "Bleibt Alles Anders"-Synthesizer setzt Grönemeyer eher auf sehr flache Elektrorythmen, die in ihrer Simplifizierung bestenfalls an die programmierten Drums auf "Demo (Letzter Tag)" erinnern. Und lasst uns das mal eben nicht vergessen: Ebendiese Reduktion aufs Wesentliche war es doch, die Grönemeyer in den letzten zwei Dekaden häufig im besten Licht erscheinen ließ. Was etwa wäre "Dauernd Jetzt" ohne die brillanten Bonus-Balladen "Pilot" und "Neuer Tag"?

Entsprechend gut funktionieren Halbballaden wie "Warum", die mit gewohnter Träne im Knopfloch versprechen, dass dir "keine Zeit deine Wunden heilt". Die philosophische Milchmädchenrechnung funktioniert – und geht genauso ins Ohr wie der klassische Uplifter "Und Immer". Klar ist das alles nicht die ganz große Poesie, aber zumindest gibt Grönemeyer ja gar nicht vor, dass bei ihm lyrischer Gehalt vor gefühliger Word-Cluster-Atmosphäre stünde.

Richtig groß hingegen die Erzählung vom verdammt kafkaesken "Wartezimmer Der Welt", das die musikalische Monotonie in überraschend Ambient-artige Gefilde treibt. "Man weiß zwischendurch nicht mehr / warum man überhaupt hier gemeinsam so sitzt." Vom Warten auf Besserung – eine der schönsten Oden an die schleichende Gewissheit der Hoffnungslosigkeit seit langem. Gemeinsam mit dem jazzig-beschwingten "Der Held", das zumindest für einen kurzen Moment den ungewohnt coolen "Fanatisch"-Grönemeyer der späten Neunziger zurückbringt, der wohl größte Lichtblick der Platte.

Stimmungsmäßig ist da gerade offenbar so einiges passiert, blökte Herbert einem doch vor wenigen Minuten noch animalische Ruflaute in Woodys-Manier entgegen ("Taufrisch"). Ein bisschen Karneval, aber passt dann ja immerhin zum "Mambo" der Achtziger. Und überhaupt ist alles besser als Kinderstimmen-Kanons ("Fall Der Fälle").

Blendet man also einmal den einen oder anderen schwächeren Moment der experimentierfreudigen A-Seite aus, verdeutlicht sich: Yes, irgendwie kann er's ja schon noch. In Emotionsballaden, in Stadionnummern, in Momenten der Zerbrechlichkeit – und sei sie noch so affektiert. Ein Rocker ist Grönemeyer gewiss nicht mehr, ein Querulant eigentlich nur in Talkshows und Spiegel-Interviews. Muss ja keiner lesen. Wer aber im Gegensatz zur ähnlich meinungsstarken Alice Weidel hierzulande versteuert, darf auch mal sein Maul aufreißen und sich vielleicht sogar vergaloppieren.

Denn dafür glänzt das nur beim ersten Durchlauf vermeintlich unpolitische Werk dann nämlich doch mit dieser subtilen Coolness, mit der Grönemeyer all jenen Gauland-treuen "Mach einfach nur Musik und lass die Politik raus"-Rufern noch einen reinwürgt:

"Jeder Geisteskrampf wird ganz einfach mal gesagt / es wird gejagt / ohne Moral / es ist die Angst, die glaubt, sauber muss es sein / und immer brenzlig / und gemein."

Trackliste

  1. 1. Sekundenglück
  2. 2. Taufrisch
  3. 3. Mein Lebensstrahlen
  4. 4. Doppelherz / İki Gönlüm
  5. 5. Bist Du Da
  6. 6. Fall Der Fälle
  7. 7. Warum
  8. 8. Leichtsinn Und Liebe
  9. 9. Der Held
  10. 10. Verwandt
  11. 11. Wartezimmer Der Welt
  12. 12. Und Immer
  13. 13. Lebe Mit Mir Los
  14. 14. Seid Ihr Noch Da?
  15. 15. La Bonifica
  16. 16. Mut

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LAUT.DE-PORTRÄT Herbert Grönemeyer

Vor seinen ersten Plattenerfolgen arbeitet er als musikalischer Leiter des Schauspielhauses Bochum und als Filmschauspieler - unter anderem im Welterfolg …

13 Kommentare mit 16 Antworten

  • Vor einem Monat

    Nach mehrfachem Hören bleibt es für mich dabei, dass sich TUMULT in die Reihe der zuletzt schwachen Alben nach 12, Schiffsverkehr und Dauernd Jetzt einreiht. Da ist zu viel Beliebigkeit drin und zu wenig, was hängen bleibt, außer diese ewige Weltverbesserer-Lyrik, die einem auch gehörig auf den Sack gehen kann.
    Exemplarisch für die schwächelnde Musik ist "Taufrisch", eine Nummer, die besonders munter daherkommen will und dabei bedrückend vor sich her plätschert. Wenn Herbert gegen Ende seine Stoßseufzer zwischen die Zeilen schmettert, um der Sache noch mehr "Esprit" zu geben, wird die Grenze zum Peinlichen überschritten. Noch verkrampfter geht's kaum. Erinnert mich irgendwie an "Dance into the Light" von Phil Collins. - Eine ähnlich schwache Nummer, die besonders beschwingt sein will und doch nur träge daherkommt.
    Ansonsten neigt Herbie dazu, über lange Strecken auf spärlich-arrangierten Beats eine Art Sprechgesang auszubreiten, der auch bloß nicht zünden will. Teilweise ist in den Nummern kaum noch Musik drin und es stellt sich für mich die Frage, was das eigentlich soll. Elektronik wird inzwischen recht viel eingesetzt, ohne dass sich das atmosphärisch großartig niederschlägt. Keine überraschenden Sounds oder schwebende Sphären. Eher Dosenware der Marke "Flächen-Ravioli" oder so. Und dann passiert es ihm doch immer wieder, dass er in diesen hergebrachten Schrammel-Rock-Modus verfällt, bei dem weder die Drums knallen, noch die Gitarren sägen. Es bleibt einfach alles irgendwie zu brav.
    Herbert sagt ja immer, wie sehr er sich an Vorbildern aus England und Amerika orientiert. Ich weiß nicht, was er da in seiner eigenen Musik wahrnimmt. Ich würde inzwischen eher behaupten, dass es kaum etwas "Deutscheres" gibt als diesen Grönemeyer, dessen Stimme die gesungene Version der gruselig-antiquierten Tatort-Hymne repräsentiert. Grau, alt, einfallslos, überholt.
    Chaos und Bleibt alles anders waren tolle Alben. Das war der Zenith. Seitdem geht's bergab.
    TUMULT bekommt zur Orientierung von mir mal 2/5. Es gibt ein paar Momente. Auf Albumlänge funktioniert das alles aber nicht mehr.

  • Vor einem Monat

    Beim letzten Album kam ich bis zu Song 4 "Fang mich an", danach war Feierabend und ich habe das Album seit 2015 nicht mehr rausgekramt.
    Beim neuen Album ist ebenfalls bei Song 4 Schluss - das macht mein Dopppelherz einfach nicht mehr mit.

    Daher (praktisch) ungehört 1/5

    Ich kann Grönemeyer nicht!

  • Vor 27 Tagen

    Was seid Ihr denn für Schreiberlinge?
    Kaum einer ist so ehrlich wie Herbert.....
    5 Sterne-Album!!!