laut.de-Kritik

Künstlerische Weiterentwicklung fernab vom Mainstream.

Review von

Es ist nie einfach, sich aus einer extrem beliebten Band abzukapseln und auf Solopfaden erfolgreich zu sein, vor allem auf lange Sicht. Robbie Williams oder Beyoncé haben es beeindruckend vorgemacht. Auf einem guten Weg befindet sich Harry Styles, der sich von seiner Zeit bei One Direction löst und bei seinem Debüt den sensiblen und zu weiten Teilen ruhigen Singer/Songwriter gibt. Damit unterscheidet er sich auch klar von seinem R'n'B-Kollegen Zayn.

Der Boden ist bestellt, jetzt muss er nur noch kultiviert werden. Doch das zweite Album ist bekanntlich das schwerste. Passend als "Fine Line" betitelt, probiert Harry vieles aus und tänzelt gekonnt Richtung Pop, ohne sich anzubiedern.

Nach dem gelungenen Einstieg "Golden", bei dem eine funktionierende Dichotomie von euphorischer Grundstimmung und entrücktem Gesang begeistert, positioniert er direkt alle drei Singles hintereinander. Das erweckt den Anschein, als ob der Brite früh sein ganzes Pulver verschießt - nicht so clever. Nichtsdestotrotz entwertet das nicht die herausragende Qualität des Trios: "Watermelon Sugar" lebt von coolen Strophen und viel Pomp mit Bläsern, bei dem lediglich der repetitive Refrain negativ ins Gewicht fällt. "Adore You" als absolutes Highlight der Platte kommt mit unwiderstehlichem Funk-Pop und einem enigmatischem Gitarrensolo daher. "Lights Up" fungiert als wuchtig inszenierte Selbstfindungsode, die Richtung Soul und Psychedelia schielt.

Danach öffnet Styles seinen musikalischen Fächer, der vor allem mit der Wahl an unvermuteten Instrumenten überrascht. Country-Gitarre ("Golden", "Cherry", "Canyon Moon"), Violine, Bratsche und Ukulele ("To Be So Lonely") und diverse Bläser quer übers Album verteilt. "Fine Line" erhält somit ein vielschichtiges Gesicht, das einen ambitionierten Künstler zeigt, der sein Innenleben zur Schau stellt.

Er verarbeitet vor allem die gescheiterte Beziehung mit dem Model Camille Rowe, die sogar im feinfühligen Folk "Cherry" mit einer Anrufbeantworter-Nachricht zu hören ist. "Falling" geht als weinerliche Piano-Ballade durch und markiert den ersten Ausfall der Platte. Besonders textlich lehnt er sich an James Arthur an: "What if I'm someone you won't talk about? / I'm falling again, I'm falling again, I'm fallin' / And I get the feeling that you'll never need me again". In "To Be So Lonely" resigniert er und akzeptiert die Tatsache, dass er nun alleine weitermachen muss.

"She" hingegen trumpft groß auf. Über sechs Minuten croont sich Styles durch einen britischen Film noir, flankiert von Melodiekaskaden, verzerrten Gitarren und legeren Soli. Ein wahrlich schöner Glanzpunkt, ähnlich wie "Secrets West 29th" auf Keles "2042". Bei "Sunflower, Vol. 6" und "Canyon Moon" gräbt er in den Siebzigern, leicht hippiesk und etwas süßlich, aber gut hörbar.

Ganz im Gegenteil zum wirklich degoutantesten Song seit langem: "Treat People With Kindness" ist Glückseligkeit mit der Brechstange, Haudrauf-Gospel mit sektenhaftem Anstrich. Der Refrain klingt wie ein damisches Kinderlied, das Klavier klimpert uninspiriert. Der absolut langweilige Stampfbeat vollendet diese Gräueltat. Ein Totalausfall wie aus dem Lehrbuch.

Gott sei Dank beschließt Harry, den Longplayer mit dem traumhaft konzipierten Titeltrack, in dem distanzierter, mit leichtem Hall versehener Gesang erklingt, der stets ruhig und von cineastischer Epik geprägt ist. Gegen Ende ergänzen Bläser und eine Marschtrommel diesen elysischen Schwanengesang. Der Song hätte aufgrund seiner trostlosen aber versöhnlichen Atmosphäre wunderbar auf den Soundtrack von "Death Stranding" gepasst. Ganz großes Kino!

"Fine Line" markiert ein bemerkenswertes zweites Album, das frisch und organisch klingt, bei dem sich der Künstler nicht scheut, auch fernab vom Mainstream abzuliefern. Abwechslungsreich ausgeschmückt zeigt Harry Styles eine stabile Weiterentwicklung, die man sich eigentlich immer von Musikern wünscht. Klar ist aber auch, dass nicht alles funktioniert und manches sogar gehörig in die Hose geht. Doch das ist okay, denn nur so erweitert man seinen Horizont.

Trackliste

  1. 1. Golden
  2. 2. Watermelon Sugar
  3. 3. Adore You
  4. 4. Lights Up
  5. 5. Cherry
  6. 6. Falling
  7. 7. To Be So Lonely
  8. 8. She
  9. 9. Sunflower, Vol. 6
  10. 10. Canyon Moon
  11. 11. Treat People With Kindness
  12. 12. Fine Line

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