laut.de-Kritik

Jede Menge Material für künftige Best Of-Alben.

Review von

Skepsis erschien angebracht, ob Halestorm dem Titel "Vicious" auch entsprechende Taten folgen lassen. Der Vorgänger "Into The Wild Life" klang, besonders im Vergleich zu den ersten beiden Alben, insgesamt doch eher poppig als wild. Die Radiosensibilität schimmert auf "Vicious" natürlich weiterhin durch. Warum auch nicht? Mehr Leute in den Hallen seien ihnen gegönnt. Zumal die Band trotzdem den Härtegrad enorm anzieht und eins der besten Mainstream Rock/Pop-Metal-Alben des Jahres 2018 liefert.

Mit "Black Vultures" starten Halestorm direkt metallastig. Besonders zum Ende hin türmen sich gewaltige Gitarrenwände auf, über die eine entfesselte Lzzy Hale schreit. In den vier Minuten des Openers umreißen die Amerikaner geschickt ihren Sound. Die Strophen halten sie verdaulich balladesk, wobei Arejay Hale am Schlagzeug und Basser Josh Smith bereits andeuten, dass da noch mehr kommt. Bevor erwähntes Schlussdrittel reinkracht, folgt im Refrain gehörige Shinedown-Breitseite.

Dass solche Übergänge innerhalb eines Songs fließend möglich sind, liegt vor allem an Lzzy. In Bestform switcht sie binnen Augenblicken zwischen verschiedenen Stimmungen und Ausdrucksformen. Im Titeltrack veredelt sie den hymnischen Arena-Refrain immer wieder mit kurzen, aggressiven Ausbrüchen, die stampfende Strophe beherrscht sie mit mal eher lasziven, mal trotzigen Untertönen.

Ihre ruhige Seite zeigt sie in den Akustikballaden "Heart Of Novocaine" und "The Silence". Beide sind auf sie zugeschnitten und leben von der Dramaturgie, die die Sängerin stimmlich einbringt. Der Aufbau mit anfangs melancholischen Tönen und später röhrendem Aufbäumen gerät zwar sehr ähnlich. Wenigstens das romantische "The Silence" ist aber zu gut, um das ernsthaft anzukreiden.

Die groovigen Höhepunkte bilden "Skulls" und "Do Not Disturb". In ersteres schleicht Retro-Orgelsound, trotzdem geht es als einer der modernsten Songs der Platte durch. Während Lzzy sich zu Josh Smiths muskulösem Bassgrummeln wiegt, schrammt sie – zum Glück unpeinlich – am Rap. Im Refrain wirft sich Gitarrist Joe Hottinger mit ganzem Gewicht in metallische Powerchords, die Sängerin verfällt in ihre charakteristischen Screams, im Hintergrund plärrt ein Kinderchor.

So sitzen Halestorm selbstbewusst irgendwo zwischen Buckcherry und Five Finger Death Punch. Spätestens Lzzys Erfahrungen mit Kingsize-Betten zum Wah-Wah-Groove von "Do Not Disturb" rechtfertigen Vergleiche mit Mötley Crüe. Warum sollten auch nur Männer sleazy Threesome-Songs schreiben?

Das Sex-Thema noch in den Folgesong zu ziehen, hätte allerdings nicht sein müssen. So wirkt das halbakustische, höhepunktarme "Conflicted" mehr wie eine Coda denn ein vollwertiger Song. Wie besungen, ist es eben nur der Morgen danach, nicht der real deal, den Lzzy gerne "20 some more times" wiederholen würde. "Conflicted" stellt zusammen mit dem gefälligen, aber leider unspektakulären "Heart Of Novocaine" sowie "Buzz" und "White Dress", dem Biss und Substanz abseits der Powerchord-Basis fehlen, die Durchhänger des Albums.

Gut die Hälfte von "Vicious" birgt dafür Material für künftige Best-Ofs. Noch nie gelang Halestorm der Spagat zwischen aggressiv und sofort zündenden Hooks so gut. Fans wird die Band damit in Scharen beglücken, womöglich auch einige Zweifler bekehren. Zumal ein Song wie "Uncomfortable" auf Platte schon reinhaut, live aber noch deutlich mehr Dampf machen und bei Festivals so manchen Vorbeiwandernden abgreifen wird. Zeit, dass Halestorm nach massivem Erfolg in den Staaten auch hierzulande richtig durchstarten.

Trackliste

  1. 1. Black Vultures
  2. 2. Skulls
  3. 3. Uncomfortable
  4. 4. Buzz
  5. 5. Do Not Disturb
  6. 6. Conflicted
  7. 7. Killing Ourselves To Live
  8. 8. Heart Of Novocaine
  9. 9. Painkiller
  10. 10. White Dress
  11. 11. Vicious
  12. 12. The Silence

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1 Kommentar

  • Vor 6 Monaten

    "Heart Of Novocaine" als gefällig zu bezeichnen oder gar als Album Durchhänger ist sehr kurzsichtig.
    Lzzy besticht hier mit Emotion und Stimmgewalt, erzählt in schillernden Farben von einer schweren Depression.
    Für mich ein Highlight auch live.