laut.de-Kritik

Der inoffizielle "Babylon Berlin"-Soundtrack.

Review von

Man kann von Hämatom wirklich halten, was man will, aber eines können sie auf jeden Fall: überraschen! Das haben sie mit ein paar wirklich ungewöhnlichen und auch echt gelungenen Coverversionen auf "X" mehr als deutlich bewiesen. Und auch "Berlin - Ein Akustischer Tanz Auf Dem Vulkan" ist für die eine oder andere Überraschung gut.

Der Presseflyer spricht vom "aufmunternd vorfreudigen Soundtrack für das ungeduldige Warten auf eine ungehemmte Zeit nach der Pandemie", und trifft damit den Nagel tatsächlich auf den Kopf. Auch wenn ich persönlich eher der Meinung – und auch der Hoffnung - bin, dass sich die ausgehungerten Fans nach dem Ende der Pandemie wieder ordentlich mit fetten Klampfen die Birne wegsemmeln wollen. Aber bis dahin - gerne Hämatom.

Das Cover des Albums erinnert zumindest mich ein wenig an VNV Nation, ist aber vermutlich eher an die erfolgreiche Serie "Babylon Berlin" angelehnt. Und dafür könnten sowohl der Opener "Tanz Auf Dem Vulkan" als auch "Ein Herz Und Eine Kehle" oder das geniale "Die Welt Ist High" die passenden Sountracks sein. Denn anstatt ein klassisches Akustikalbum aufzunehmen, haben Hämatom einen ganzen Satz neue Songs aufgenommen und sich dafür wieder einiges einfallen lassen.

So hat besagter Opener einen ganz klaren Zirkusmanegen-Charme. Bläser aller Art übernehmen die Melodieführung, ein paar Fills werden von der Ziehharmonika übernommen, und daüber röhrt sich Nord die Leber weich. Fast schon klassischer Swing drückt mit "Beweg' Dein Arsch" hinterher und legt die fette Bassline einfach mit dem Klavier.

Textlich geht es um Sex, Drugs ... und alles, was man aus "Babylon Berlin" kennt. Rock'n'Roll bleibt aber trotz allem nicht so ganz außen vor, was schon schlicht und ergreifend an Nords rotziger Stimme liegt, die in einer Mischung aus Chanson und Marsch wie in "Au Revoir" oder der Säuferballade "Nichts Bleibt Für Immer" ihren Charme hat. Die allerdings auch bei einer quasi klassischen Ballade wie "Zwischen Gangstern und Ganoven" und dem Shuffle „Ein Herz Und Eine Kehle“ vielleicht ein wenig deplatziert ist.

Ausgerechnet den Titeltrack mit einer leichten Country-Melodie einzuleiten, klingt zunächst etwas seltsam. Spätestens wenn man aber hört, dass eben jenes "Berlin" einfach auf Dolly Partons "Jolene" intoniert wird, ist der Groschen gefallen.

Ihr wollt noch Polka? Klar, können Hämatom auch. Bei "Werft Die Gläser An Die Wand"denkt eh jeder direkt an Wodka und Russland, und darum geht's ja auch. Dass die Herren eine enge Beziehung zum diesem Land haben (nicht der Politik!) konnte man ja schon häufiger erleben, und auch hier geht die Rechnung bestens auf.

Da verzeiht man auch einen Stinker wie "Du Bringst Mich Um", zumal das Quartett mit "Die Welt Ist High" noch einen absoluten Hit in der Hinterhand versteckt. Eigentlich wäre die Nummer im Big Band-Stil eines Dean Martin oder Frank Sinatra der perfekte Rausschmeißer, macht aber auch an vorletzter Position einen großartigen Job.

Trackliste

  1. 1. Tanz Auf Dem Vulkan
  2. 2. Beweg Dein' Arsch
  3. 3. Au Revoir
  4. 4. Berlin
  5. 5. Zwischen Gangstern Und Ganoven
  6. 6. Werft Die Gläser An Die Wand
  7. 7. Ein Herz Und Eine Kehle
  8. 8. Du Bringst Mich Um
  9. 9. Die Welt Ist High
  10. 10. Nichts Bleibt Für Immer

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4 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 5 Tagen

    Berlin? More like Borelin.

  • Vor 5 Tagen

    Goth, wie durch ist eigentlich Berlin als Thema und Stilmittel für Albenatmosphären und Texte, wenn da inzwischen wirklich Bands wie fuckin' Hämatom noch mit verkaufen wollen? Angegraut wie Betondschungel als Synonym für die Großstadt!

    Würden jetzt welche versuchen, Prag oder sehr viel lieber Ljubljana, am besten gleich Tallinn durch Innovation, Sound und Lifestyle so etwas wie ein eigenes Paar goldene Zwanziger zu spendieren, bei denen spätestens ab 2037 alle nur verwirrt den Kopf schütteln, wenn irgendein NuBoomer mit Einzelmeinung die Redewendung ernsthaft noch auf die deutsche Stadt Berlin in den 1920er Jahren bezieht - You son of a beach, I'm in. :)

    • Vor 4 Tagen

      War diese Berlinkacke schon zu satt, um sie so wortgewaltig und -gewandt auszuformulieren, aber so ähnlich hätte ich es auch gemacht. Danke und Chapeau!

    • Vor 4 Tagen

      Kann ich nur zurückgeben das Lob, hatte meinerseits in einer früheren Version dieses Texts einen Verweis drinnen, dass dein radikal reduzierter One Line Punch der Geschichte hier ebenfalls schon allumfassend gerecht wird - aber dann zumindest vorm "Einknicken" nochmal nen spontanen Versuch raushauen ;)

  • Vor 4 Tagen

    "Auch wenn ich persönlich eher der Meinung – und auch der Hoffnung - bin, dass sich die ausgehungerten Fans nach dem Ende der Pandemie wieder ordentlich mit fetten Klampfen die Birne wegsemmeln wollen."

    Ein klassischer Eddy :D bitte wieder mehr davon

    • Vor 4 Tagen

      Dieser Kommentar wurde vor 4 Tagen durch den Autor entfernt.

    • Vor 4 Tagen

      Findet auch bzgl. der Endnote die allseits beliebte Tendenz zur Mitte in sich wieder.

      3/5, würde nicht nochmal lesen, aber ggf. weiterempfehlen.

      (EDIT: Oh Boy do I need more screen diagonal with my next phone! :lol:)