laut.de-Kritik

Tony Starks rettet New York.

Review von

Zur Jahrtausendwende rettet Ghost mit "Supreme Clientele" den Clan und 14 Jahre später gleich ganz New York. "Call my Name...The Almighty GFK the Master avenger / New Yorks Top Contender / City Defender". Die Stadt rief und Tony Starks kam. Bevor er jedoch im bombastischen Grand Finale "Call My Name" Staten Island und den Big Apple von allen korrupten Cops und Drogendealern säubert und sich zum Verteidiger der Stadt aufschwingt, liegen Enttäuschung, Tod und bittere Stunden vor ihm.

Die Geschichte der "36 Seasons", seines elften Albums, ist schnell erzählt. Tony aka Ghost wird von Dr X wiederbelebt und kann dank einer Maske selbstständig atmen. Er kehrt nach neun Jahren – "That's 36 seasons" - zurück nach Staten Island und stellt im Opener "The Battlefield" ernüchtert fest:

"See how fucked up it is there's crackheads on every corner / Kids in the schoolyard smoking marijuana / I ain't feeling it, this ain't the way I left these blocks / And my name's faded out like some old damn socks"

Schlimmer noch: Seine Frau liebt einen anderen – "I told you I'll be back, girl, but you ain't believe / She told me 9 was too long, and she got a new man" - und sein ehemals bester Freund, gerappt von AZ, macht als bestechlicher Polizist ("It's that Denzel in training day shit, caution my grounds") dunkle Geschäfte mit dem brutalen Gangsterboss des Viertels aka Kool G Rap ("I'm that neighborhood blizzard flooding these streets with snow"). Die Tragödie mit dem blutigen Ende nimmt unausweichlich ihren Lauf.

Der Plot wurde – wie bereits "Twelve Reasons to Die" – von einem Comic inspiriert, und wer könnte die Geschichte glaubwürdiger und bildgewaltiger ausschmücken als der Killah? Welcher andere Rapper zerlegte in Staten Island einen ganzen Club, nur um den jungen Clan-Bruder Shyhiem zu retten? Welcher andere Rapper lieferte sich schon Schießereien, während er mit der Soul-Truppe Force MDs im Auto durch die Gegend cruist?

Manch ein Emcee mag mehr Gangster sein, doch die Realness, Soulness und Coolness irgendwo zwischen Shaft und Iron Man verkörpert im Game nur einer. Vor allem, wenn der Soundtrack von einer echten Soul-Band im Stile der Roots mit Höllengrooves heruntergerockt wird.

The Revelations aus Brooklyn, bestehend aus mehreren Multinstrumentalisten, spielten schon für Cormega, den Clan und M.O.P. Samples nach und Songs ein. Für "36 Seasons" nahmen sie die klassischen Boom Bap-Loops- und Kopfnicker als Fundament und setzten diese mit ihren analogen Mitteln um.

Der Live-Sound ist so wesentlich härter, klarer und straighter als beim ähnlichen "Twelve Reasons"-Vorgängerwerk und lässt den Protagonisten des Dramas genügend Raum für ihre Verse und Rollen. Wenn sich auf dem angesprochenen "Battlefield"-Opener Ghost, AZ und Kool G Rap über einen harten Midtempo-Banger duellieren, killt jeder Flow, so unterschiedlich sie sein mögen. Und diese Intensität bleibt das ganze Album über.

Für "Love Don't Live Here Anymore" wird ein Doo Wop-Record interpretiert, der dann mit echten Emotionen des gehörten Ghost an Vorgänger wie "Guest House" oder "Back Like That" erinnert. Doch die melodiöse Zeit nähert sich dem Ende. In "Here I G Again" begegnet er über einen straighten Nackenbrecher seinem Jugendfreund Raj bzw. AZ. "Yo, I've seen Raj / He been a friend for years / Now your boy in blue, how he switched up gears". Der steht im zuerst noch positiv gegenüber. "Yeah, yeah, welcome home Starks / Remember us? At the jams in the parks". Zum Ende jedoch bekennt der korrupte Cop Farbe: "By next year my nigga, we be the largest / Felonies done with no charges".

Im düsteren "Loyalty" betreten Kool G Rap ("A boss is a boss learn to respect loyalty") und sein Killer Nems ("My intuition told me play my position and stay loyal / You ain't got to get your hands dirty, I'll do it for you") die Szene, der Song ist gar ohne Ghost, so sehr ordnen sich alle der Story unter. Ebenfalls als Interlude dient das instrumentale Cover des The Persuaders-Slow Jamz "Thin Line Between Love and Hate" aus dem Jahre 1971. Doch die "Dogs Of War" kommen. Ghost hat genug gesehen und erklärt in einem funkigen Tune dem herrschenden Drogenlord den Krieg. "I see laboratories, chemicals and shit/ They cookin' right here on the block, I'm throwin' a fit/ Destructo, destroying houses like wrecking balls."

Nach dem Krieg bleibt genug Zeit, einen Blick zurück zu werfen, als Dr. X Ghost rettete und ihm die Maske verpasste. Das noch funkigere "Emergency Procedure" mit dem wieder einmal unglaublichen Pharao Monch als Dr. X ist aber nur die Ruhe vor dem Endgegner. Zwar fühlt sich Tony im wesentlich rockigeren "Double Cross" auf der Gewinnerstraße – "No more drug houses, little kids could be treasured" -, doch sein ehemaliger Homie AZ hat andere Pläne. Er lässt ihn verhaften, um seine dunkle Geschäfte zu retten. Seine ehemalige Flamme Bamboo ist sich nicht mehr sicher, ob sie die richtige Wahl getroffen hat. In "Bamboos Lament" sinniert sie alias Sängerin Kandace Springs: "Is it too late? / Did I make a mistake?"

Denn: AZ ist Bamboos neuer Liebhaber, und im sich tonnenschwer und minimalistisch schleppenden "Pieces To The Puzzle" – einem Höhepunkt des Albums - erkennt Ghost den Ernst der Lage. "This cop is corrupt, he gotta be in the mix of shit". Zu spät. Im mobb deep-artigen "Homicide" wird sein Bruder von Nems umgebracht. "I seen Mick's body on the floor covered in sheets / And a note that says I'm a dead man walkin'".

Tony schwört Rache und es kommt zum Showdown mit AZ auf dem treibenden "Blood on The Streets": "Ayo!, Gas Mask down / It's revenge mode". Doch der ehemalige Freund feuert dagegen: "Kill your kids here, put you in a wheel chair / And leave you there with that ice grill stare Tony". Am Ende jedoch kann es nur einen geben. "It's no surprise / GFK the only one to survive!"

New York ist wieder sicher und erfährt im bombastischen "Call My Name", dem souligen Epilog "I Love You For All Season" und der Vereinigung von Ghost mit Bamboo sein gebührendes Ende.

"Call my name when you need me / I'll be there quick fast in a hurry / No need to worry / The all mighty GFK the master avenger / New York top contender city defender"

Trackliste

  1. 1. The Battlefield
  2. 2. Love Don't Live Here No More
  3. 3. Here I Go Again
  4. 4. Loyalty
  5. 5. It's A Thin Line Between Love And Hate
  6. 6. The Dogs of War
  7. 7. Emergency Procedure
  8. 8. Double Cross
  9. 9. Bamboo's Lament
  10. 10. Pieces To The Puzzle
  11. 11. Homicide
  12. 12. Blood In The Streets
  13. 13. Call My Name
  14. 14. I Love You For All Seasons

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7 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Bin kein Rap Fan aber das hier find ich wirklich klasse. Rezi übrigens brilliant geschrieben hatte die Story echt vor Augen.

  • Vor 3 Jahren

    Stimmt, sehr guter Artikel!

    Aber braucht man das Album wirklich, z.B. die Story klingt fast exakt gleich wie im letzten Jahr, und der Track den ich gehört hab (Love dont live here no more) war ok, aber nur mehr vom Gleichen.

  • Vor 3 Jahren

    Dass Ghost es nicht noetig hat, auf jedem seiner tracks aufzutauchen, geschenkt, kennen wir ja schon von frueher (s. 'Assassination Day'). Dass er aber nicht nur konsequent von AZ und G Rap an die Wand gerappt, sondern stellenweise auch von Shawn Wigs outperformt wird, ist schon etwas fragwuerdig. Ghosts pen game (das ich hier ja vor laengerer Zeit mal detaillierter lobpreist habe, jetzt waere es eher ein Lamentieren seiner Abwesenheit) ist einfach nicht mehr das, was es mal war. Dumbing it down fuer die Massen oder tatsaechliche Regression, keine Ahnung. 5 finde ich 3 zu viel, ich denke, auch als Ursprungsfan, wie Stefan es wohl auch ist, darf man den Clan und seine Mitglieder auch mal mehr aus kritischer Distanz betrachten.

    Er rettet NY vielleicht in seiner story hier, in Realitaet wird das aber hoechstens Joey Bada$$ noch koennen. Ansonsten versumpft die Stadt - eine sterbende, in vielerlei Hinsicht - in ihrer eigenen Geschichte, einen grossen Klassiker wird man von dort wohl einfach nicht mehr erwarten duerfen - aber braucht man auch nicht, solange wenigstens Roc Marcy, KA etc. regelmaessig noch halbwegs dick abliefern.

    Muss aber sagen, dass mir natuerlich auch die instrumentals grossteils wenig zusagen. Ich bin einfach kein Freund von diesem Liveinstrumentescheiss.

    • Vor 3 Jahren

      Eben, damit verkennst du das künstlerische Gesamtwerk, kannst es gar nicht erkennen (ist net schlimm). Das hat die 5 bekommen, weil: So gibbet dat nicht noch mal. Die 12 Reasons oder auch ein paar andere hätten das net bekommen von mir. Ich bin kein Stan, aber im Laufe der Review bzw. de Geschichte wurden es immer mehr Punkte :-D

      Und New York rettet keiner mehr in den nächsten zehn Jahren. Der Kreis des Lebens eben.

    • Vor 3 Jahren

      Naja, ich HOFFE, dass es das so nicht nochmal geben und er eher wieder Bock auf stream-of-consciousness auf staubige beats von meinetwegen Apollo Brown kriegen wird, aber habe da so meine Zweifel. ;)

      Du weisst ja eh, dass du mein Lieblingsautor bist und ich deine Bewertungen immer respektiere, selbst wenn ich ihnen oefter mal, wie gerade jetzt bei den Wu-Sachen, nicht zustimme.

    • Vor 3 Jahren

      Warum denkt ihr eigentlich das aus New York die naechsten Jahre nichts kommen wird?
      Ich dachte New York waere mit dem Beastcoast Movement und Asap eigentlich ganz gut aufgestellt.

    • Vor 3 Jahren

      Naja, die Flatbush Zombies und die Underachievers hoert ausser so einem bitch boy wie Anthony Obst wohl keine Sau mehr. Das ist einfach Nischenzeug fuer DMT-Raucher, aber weirdo rap aus NY funktioniert heutzutage eben nicht so, wie weirdo aus ATL funktioniert. Joey Bada$$ hatte ich ja genannt.

      Und der A$AP Mob als Kollektiv ist erledigt, Ferg sollte sich da dringend ganz abspalten. Rocky scheint sich mehr mit Modefirlefanz zu beschaeftigen, weil es im showroom von Rick Owens halt schoen viele weisse Frauen und weisses Pulver gibt und alle anderen waren doch im Grunde eh nur die Grastraeger von Rocky und Ferg.

    • Vor 3 Jahren

      Ja das stimmt. Ah das mit UA trifft mich voll ins Fanboy Herz, mag die sehr gerne, aber die werden niemals gross was reissen. Vor allem weil ich glaube das die sich bald getrennte Wege gehen. Flatbush hab ich nie gehoert.

      Aber warum glaubst du und Wudo, dass selbst in den naechsten Jahren niemand kommen wird der gut ist. Ich mein Joey Bada$$ hat es mit 17/18 auch auf einmal geschafft.

  • Vor 3 Jahren

    Kann die kritischen Stimmen nicht nachvollziehen.
    Für mich n totales BRETT.
    Find die Liveinstrumentals passen perfekt zu den Flows der Protagonisten. Klingt trotzdem fett und gut.
    Der Vergleich mit Bada$$ ist völlig daneben.
    Die Stimme eines Hosenscheissers der n guter Techniker ist, gegen die ultimative Coolness und das Feeling einer IKONE.
    Das ist als würde man Barry White mit Usher vergleichen.

    • Vor 3 Jahren

      Wenn du mal richtig liest, stellst du fest, dass ich die beiden STILISTISCH oder stimmlich nirgendwo miteinander verglichen habe. Es ging lediglich darum, wer von ihnen der torch bearer, bzw. eher die Schwimmfluegelchen fuer ein wenigstens halbwegs noch so mitstrampelndes NY sein koennte. Und das ist einfach kein GFK, der sich textlich keine grosse Muehe mehr geben will.

      Wie alt war Nas nochmal zu 'Illmatic'-Zeiten? War er da nicht auch noch ein "Hosenscheisser"? Denk' mal nach. Sieh' dir Bada$$ mal live an, dann wirst du ueber seine Stimme mal schnell anders denken.

    • Vor 3 Jahren

      Dies ist ein Konzeptalbum, der TEXT dient der Story.
      ES geht nicht darum sich n knoten in die Zunge zu rappen.

      PS:NAS hatte auch nie son dünnes Stimmchen wie deine Teenagequeen ;)

    • Vor 3 Jahren

      Konzeptalbum dient fuer mich dann immer so als Entschuldigung dafuer, dass jemand entweder einfach nur faul war oder es eben nicht mehr so drauf hat. Simplizitaet heisst nicht immer gleich auch Storydienlichkeit. In Ghosts Fall leidet es einfach darunter, weil der Typ nun mal zu einem Zeitpunkt der beste Erzaehler war, den es im Genre gab.

      Wie gesagt, geh' mal auf eines seiner Konzerte naechstes Jahr, wenn er wieder da ist. Der hat alles andere als ein duennes Stimmchen.

  • Vor 3 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 3 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 3 Jahren

    az rasiert ghostface auf here i go again ganz freundschaftlich
    großer track

    • Vor 3 Jahren

      Mich verwundert es immer wieder, dass der immernoch nicht aufm Radar der meisten Heads ist. Seit 20 Jahren schafft er es, charismatisch die Show auf Features zu stehlen, ohne den Partner dabei blöd dastehen zu lassen. Klasse Typ.

    • Vor 3 Jahren

      Liegt auch ein bisschen daran dass seine soloalben musikalisch leider selten übers mittelmaß nicht hinauskommen.
      Auch beattechnisch liegt er manchmal daneben

      Dass er ein fantastischer rapper ist und dem klassiker illmatic nochmals seinen eigenen stempel aufgedrückt hat ist aber unbestreitbar