laut.de-Kritik

Der Casper-Vergleich greift viel zu kurz.

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Deutschrap geht es besser denn je: Mit dieser Erkenntnis lehnt man sich mittlerweile nicht mehr allzu weit aus dem Fenster. Das einzig Bedauerliche: Auf dem Weg zum absoluten Top-Album scheitern zu viele MCs an denkbar einfachen musikalischen Hürden.

Man denke nur an Tones oder Kollegahs Autotune-Irrwege. Oder an Megalohs "Endlich Unendlich", auf dem einige Gesangsfeatures den Hörspaß bremsten. Wie zuletzt Muso, beweist mit Gerard ein weiterer Quasi-Debütant erfreulicherweise mehr Geschmack.

Sein Neuanfang "Blausicht" hält alles, was die monatelange Promo samt Videosingles und Livegigs versprach. Trappig nervöse Hi-Hats, Claps, mal geräuschhafte, mal durch und durch elektronische Drumsounds, verschiedenste Synthie-Pads, atmosphärische Hallräume: Hauptproduzent NVIE Motho, Fid Mella ("Wie Neu", "Raten"), DJ Stickle ("Manchmal") und eine Handvoll anderer Fachmänner bewegen sich haarscharf am Zeitgeist, ohne sich dabei allzu offensichtlich anzubiedern.

Aus der gekonnten dosierten Mischung verschiedenster Einflüsse resultiert ein hochmodernes Soundkostüm, das sich qualitativ wie innovativ deutlich vom Deutschrap-Durchschnitt abhebt. Den homogenen Gesamtklang verdankt Gerard Techno-Koryphäe Patrick Pulsinger, der die Platte in seinem Wiener Studio mischte, masterte und all dem Elektro-Gefrickel seinen analogen Stempel aufdrückte.

Rein musikalisch bildet eine kraftvolle, melancholische ("Verschwommen"), an anderer Stelle fast schon krude ("Blausicht") Düsternis den roten Faden. Einzig das Doppelpaar "Wie Neu" und "Zünd Den Regen An" versprüht jene Stimmung, für die man einst das Wort "Brett" in den Beatjargon einbürgerte. Welcher Hip Hop-Produzent (außer Tua) mutet dem Hörer schon einen Tonartwechsel zu, wie ihn Mainloop und Clefco ganz plötzlich in "Welt Erobern / Behalten" einflechten?

Allein als Beat-Album würde "Blausicht" fraglos eine gute Figur abgeben. Doch das Bedürfnis nach der in der "Premium Fan Edition" enthaltenen Instrumental-CD hält sich eigentlich in Grenzen. Gerard hört man gerne zu, beileibe nicht nur wegen seines Wiener Akzents. Klar, der 1987er-Jahrgang verkörpert eher einen Erzähler mit Bedacht als den entfesselten Rap-Techniker. Doch auch wenn nicht jede Line auf direktem Weg unter die Haut geht: Der ständige Casper-Vergleich greift viel zu kurz.

Vor allem der Gebrauch von Infinitiven lässt aufhorchen, erscheint anfangs gewöhnungsbedürftig und sperrig, wächst aber durchaus zum Eigenständigkeitsmerkmal heran. "Komisches sich Anschauen, Abwarten / dünnes Eis, wer bricht ein? / Augenkontakt kurz unterbrechen, doch wer bricht Schweigen? / Auf jedes Wort jetzt Acht geben / ich denk' möglichst rational / schachfigurenbrettartiges Vorgehen", läutet Gerard etwa die großartige ansatzweise dubsteppige Single "Lissabon" ein.

Deutet auf den ersten Eindruck noch alles auf eine insgesamt bedrückende Depression hin, behandelt "Blausicht" beim Hinhören doch überwiegend den Ausweg aus der selbigen. "Der beste Weg, Problemen zu entkommen, ist sie zu lösen", zieht Gerard ein Vorabresümee im Intro-artigen Titeltrack.

"Ohne Ziel zu beginnen, ist ein bisschen ohne Sinn / wollt' ich wissen, wo ich bin, müsst' ich raten." Mit diesem Megaloh-Sample und dem aus Gesangsschnipseln und Gitarrenloops gebauten Fid Mella-Beat gerät ausgerechnet "Raten" zum stimmungsvollen Highlight, als das es höchstwahrscheinlich nicht eingeplant war.

Allerspätestens an diesem Punkt keimt aus der ständigen Vermutung dann auch absolute Überzeugung: Gerard hätte mit "Blausicht" noch mehr Aufmerksamkeit verdient, als er sich in den letzten zwölf Monaten erarbeitet hat.

Trackliste

  1. 1. Blausicht
  2. 2. Wie Neu
  3. 3. Zünd Den Regen An
  4. 4. Alles Jetzt
  5. 5. Lissabon
  6. 6. Verschwommen
  7. 7. Welt Erobern / Behalten
  8. 8. Irgendwas Mit Rot
  9. 9. Raten
  10. 10. Gold
  11. 11. Manchmal
  12. 12. Atme Die Stadt
  13. 13. Nichts

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8 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 5 Jahren

    Der Kerl ist richtig talentiert, habe schon "Blur" sehr gerne gehört. Nur frage ich mich, warum es "Standby" nicht mehr auf die Platte geschafft hat.

    • Vor 5 Jahren

      Das hat er in den Interviews mehrfach angesprochen. Standby hat nicht mehr ins Konzept gepasst und hat für das Gesamtkonzept anscheinend zu wenig positive Message gehabt. Finde das Album sehr gut, hätte nur etwas abwechslungsreicher sein können.

    • Vor 5 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 5 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 5 Jahren

    Sehr Sympathischer Typ,
    RAF Camaro und Casper gemixe......aber auch belanglos und unnötig. Sorry -.-

  • Vor 5 Jahren

    Die Beats sind echt ziemlich nice, weshalb ich mir manchmal auch gedacht habe, dass da jetzt jeder hätte draufrappen können und irgendwas geiles wäre dabei rausgekommen. Trotzdem find ich seine Parts ganz interessant. Der Casper Vergleich erschließt sich mir auch nicht so ganz. Aber nach Hinterland hat sich diese XOXO-Plagiats-Kontrolle hoffentlich sowieso erledigt. Wer jetzt wie Casper klingen will muss sich schon durch die halbe Musiklandschaft zitieren (im positiven Sinne) :D