laut.de-Kritik

Go build a better tomorrow!

Review von

Mit jedem neuen Studioalbum bestärkte Gentleman bisher den Eindruck, die gleichen Songs wieder und wieder aufzunehmen. Es könnte einem Schlimmeres widerfahren - schließlich genießt Kölns Reggae-Export Nummer 1 nicht ohne Grund auch international einen exzellenten Ruf.

Textlich wie musikalisch operiert Gentleman konstant auf hohem Niveau. Trotzdem ... ein wenig Abwechslung wäre halt schon schön, die eine oder andere Überraschung hochwillkommen, die im Titel beschworene "Diversity" ein Segen. Klappts denn? Jein. Gentleman klingt stets wie Gentleman, da beißt die Maus keinen Faden ab.

Irgendwie beruhigt es ja auch, wenn jemand zur Abwechslung mal nicht glaubt, sich am laufenden Band selbst neu erfinden zu müssen. Nur gelegentlich - wenn zum Beispiel "Along The Way" aufs i-Tüpfelchen genau so tönt, wie man sich eine Gentleman-Patrice-Kollabo vorgestellt hat - sehnt man sich nach ein wenig Staunen, nach einer Spur von Verblüffung.

"Lonely Days" mutet wie ein frischer Aufguss von "Intoxication" an. Dass "Help" bereits vor dem ersten Hören in Fleisch und Blut übergegangen erscheint, liegt wohl an der Verwendung des bewährten Surfer-Riddims aus der Pow Pow-Küche. Auch "Tempolution" fährt unmittelbar ins Gebein, handelt es sich hier doch tatsächlich um eine Neuauflage: Anthony Red Roses Ragga-Klassiker "Tempo" lieferte die Basis.

Das Gentleman sich nicht nur in Sachen Roots & Conscious, sondern durchaus auch in härteren Dancehall-Gefilden zu Hause fühlt: ebenfalls kein Novum. In die "Dem Gone"-Kerbe schlägt diesmal beispielsweise "The Finish Line" mit dunkel-stampfenden, von orientalischen Melodie-Andeutungen durchzogenen Beat.

Ebenfalls extrem Dancehall-tauglich: "No Time To Play". In Zusammenarbeit mit dem New Yorker Massive B Soundsystem kreiert Gentleman eine Nummer, die aufhorchen lässt: Was sich recht traditionell anlässt, gewinnt dank ständiger Tempowechsel immens an Spannung.

Ob die Umbesetzung der Far East Band hin zur neuen Formation Evolution dafür Sorge trägt, oder ob Gentleman endlich verstanden hat, dass ihm sein Status längst noch viel weiter greifende Experimente gestattet: Ich weiß es nicht. "Diversity" wagt tatsächlich den einen oder anderen musikalischen Versuch.

Der Einstieg mit "The Reason" erscheint mit seiner Kombination aus Dub-Elementen, afrikanisch anmutenden Background-Gesängen, einer Akustik-Gitarre mit spanischem Einschlag und funky quakenden Sounds dazwischen nicht halb so absehbar, wie man es hätte erwarten können.

"Regardless" fährt Piano und wie die ewigen Gezeiten anbrandende, flächige Klänge auf. "To The Top" mündet in einem - für Gentleman-Verhältnisse gleich doppelt - ungewöhnlich geradlinigen Beat.

"We can make it to the top", vorausgesetzt "if we try", gilt wohl eher für seinen jungen Partner Christopher Martin als für Gentleman. Er hat die Spitze selbst schließlich längst erreicht, kooperiert mit Jamaikas Rising Star genauso wie mit alten Hasen wie Sugar Minott ("Good Old Days"), Dancehalls First Lady Tanya Stephens ("Another Melody"), Million Stylez aus Schweden ("Help")oder der jamaikanischen Produzenten-Koryphäe Don Corleon.

Inhaltlich zeigt sich Gentleman - wie immer - von einer betont gefühlvollen, aber durch und durch reflektierten Seite. Neben zuckerwattigen Liebeserklärungen an Frau und Familie ("Everlasting Love", "I Got To Go") treiben ihn soziale Missstände zu Stellungnahmen.

"It no pretty out there at all", da muss die Frage "Why are you so unkind, mankind?" schon mal gestattet sein. Gentleman weigert sich dennoch nach wie vor standhaft, sich von herrschenden Zuständen, dem System oder dem Elend der Welt brechen zu lassen.

Sein Plädoyer für Toleranz, in der Vielfalt erst gedeihen kann, gipfelt in "Changes" in der Aufforderung, sich an die eigene Nase zu fassen, bei sich selbst anzufangen: "Go build a better tomorrow." Klingt abgedroschen - stimmt aber doch.

Also: "Why we make things so complicated?" Auch wenn "Diversity" das Reggae-Rad nicht neu erfindet, setzt es Gentlemans Diskografie doch konsequent und würdig fort.

Trackliste

  1. 1. The Reason
  2. 2. Ina Time Like Now
  3. 3. Lonely Days
  4. 4. Regardless
  5. 5. It No Pretty
  6. 6. I Got To Go
  7. 7. The Finish Line
  8. 8. Changes
  9. 9. To The Top
  10. 10. No Time To Play
  11. 11. Fast Forward
  12. 12. Hold On Strong
  13. 13. Moment Of Truth
  14. 14. Tempolution
  15. 15. Another Melody
  16. 16. Help
  17. 17. Along The Way
  18. 18. Good Old Days
  19. 19. Everlasting Love

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Tilmann Otto spricht Patois. Er lebt in Köln, serviert dessen ungeachtet aber Reggae, der genau so gut aus dem Herzen Jamaikas stammen könnte. Tilmann …

14 Kommentare

  • Vor 8 Jahren

    dende mies finden und diese einheitssülze (aus köln sülz) dann abfeiern. sorry dani - DAS ist heute nicht dein tag. teilweise klingen die songs wie fiese eurodance nummern. nur ein paar glanzlichter erinnern an die alte zeit. schade, der neue major hat einen fiesen einfluss...zeigte schon der echo auftritt...

  • Vor 8 Jahren

    Glaube das Album hier wird mir nach längerer Zeit Gentleman mal wieder fresh vorführen. Freu mich drauf.

  • Vor 8 Jahren

    fritze: Gentlemans label hat einfach mehr gezahlt als Dendes. Sony (Mutterkonzern von Fourmusic/Yo Mama) geht halt gaaaaanz schlecht zur Zeit, Wirtschaftskrise, Ruabmordkopierer und so...