laut.de-Kritik

Ein Facebook-Kommentar mit Gottkomplex.

Review von

Ist Dampfplaudern eigentlich als Disziplin olympisch? Wenn ja, dann kenne ich ein oder zwei Saarbrücker, die zu unserem Medaillenspiegel beitragen könnten. Genetikk kehren nach ihrer vierten Rückkehr erneut zurück und unternehmen einen weiteren Versuch, ihre goldenen Zeiten wiederzubeleben. Und einmal mehr scheitern sie, wenn auch nicht offensichtlich. Musikalisch könnte man hier ohne Abstriche von "DNA"-Leveln reden, denn wo Sikk an der Produktion sitzt, rumpelt es im Kabuff. Die ambitionierte 90er-Nostalgie und Kappas hungrige Delivery klingen so gut wie eh und je. Aber trotzdem schlägt die Magie nicht durch. Nicht nur, weil die Texte dünn sind und das Album ein paar inhaltliche Irrwege beschreitet. Genetikk wollen schlicht seit Jahren nicht wahrhaben, dass das Konzept Genetikk inzwischen völlig entzaubert ist. Je mehr sie wutblind nostalgisch auf ihre Realness setzen, desto mehr scheint durch, dass sie im Grunde völliges Plastik sind.

Aber von vorn. Was passiert eigentlich inhaltlich auf "MDNA"? Allen voran folgendes: "Genetikk steht ganz oben auf der Blacklist / A&Rs, Journalisten wollen uns canceln". Das lamentiert Kappa auf "Supernova". Und die von Angela Merkel persönlich beglaubigte Antwort darauf ist: Bruder, als ob. Wer zur Hölle will denn Genetik canceln? Das weiß man nicht und wir erfahren es auch nicht. Kappa, händeringend um irgendeine Form von Opferrolle bemüht, die sein Underdog-Gehabe rechtfertigt, sind schon lange die Feindbilder ausgegangen. Die immer wieder auftauchenden Verweise auf Unterdrückung, Meinungsfreiheit und schweigende Mehrheiten sind deshalb so schwammig formuliert, weil er selbst nicht erklären kann, wer ihn unterdrücken soll. Man könnte sich nicht einmal davon getriggert fühlen, wenn man es wollte.

Kappa versteht wohl einfach nicht, dass er etwas sagen müsste, um Leute zu provozieren. Objektiv finden hier ein paar Flirts mit neurechter Rhetorik und dem Gewetter gegen Cancel Culture statt. Aber nach all dem Gebärden als großer Verfechter der Wahrheiten des Volkes schafft Karuzo es nicht einmal, eine einzige problematische Aussage zu machen. Gähn! Vielleicht hilft ihm da die Tatsache, dass er generell keine Aussagen trifft. Man will ihn einfach auf Mute schalten und den Rapper mit guter Stimme und guten Flow genießen. Aber er lässt einen nicht, weil er ein verdammter Facebook-Kommentar mit Gottes-Komplex ist. Seine Versuche, konspirative, provokante Statements zu landen, enden mit Lines wie: "Coca-Cola hat die selben Farben wie die Nazis / Denkt mal drüber nach, das darf man ja wohl noch sagen". Ich wette, in seinem Kopf hat das Sinn gemacht, aber niemand wird ihn dafür zensieren, weil kein Mensch schnallt, was das bedeuten soll.

"Deutschraps Wikileaks / Rauche Weed" erklärt uns vielleicht den Text-Zustand dieses Albums besser als jede Selbstzuschreibung. Die Schere zwischen dem, was Kappa zu sagen glaubt und dem, was er tatsächlich sagt, klafft so kilometerweit auseinander, dass Flow und Pathos ihn auch nicht retten. Dabei hört man über die 18 Songs so viele vogelwilde Selbstzuschreibungen: Genetikk ist nicht nur Deutschrap-Wikileaks, sondern auch die "bewaffnete Version der Gebrüder Grimm", "jenseits aller Vorstellungskraft" und ihre Songs sind keine Songs, sondern "luzide Träume". Hört, hört.

Egal, wie viel man gebufft hat, diese großen Selbstwahrnehmungen lösen sich nie ein. Vom ersten Track an kündigt Karuzo an, dass seine vor Wahrheit und Erkenntnis triefenden Bars den Hörer jeden Moment aus der Matrix bomben werden. Aber es passiert nie. Die VR-Brille sitzt auch nach 18 Tracks makellos. Vielleicht war Kappa zu beschäftigt, seine Tagträume von Songs aufzuschreiben, um diese Songs wirklich zu machen. Die einzig tangible Aussage ist, dass Autotune doof ist und Rapper heutzutage wack. Ein mutiger Realtalk also, der hoffentlich den deutschen Zensurbehörden entgeht.

Dabei wäre das alles so solide gewesen, wenn er einfach nicht so große Töne spucken würde. Es gibt wie auf fast allen Genetikk-Alben eine Handvoll Beats, die jeden Lobgesang der Szene verdienen. Der Griselda-Vibe auf dem Opener "Mass Destruction New Age", der Wendy Renee sampelnde RZA-Worship auf "Kintsugi"; "Requiem", "Supernova" und "Wo Ist Die Message" sind sowohl extrem atmosphärisch produziert als auch geil von Kappa berappt. Die Trap-Einschläge gehen gut auf und lenken nicht vom musikalischen Kern ab. Musikalisch ist "MDNA" ein bildhübsches Album, das kann man nicht leugnen.

Und Kappa kann ja auch rappen, er klingt hungrig, seine Stimme bleibt toll. Er kann es einfach nur nicht lassen, durchgehend wie ein selbstherrlicher Dummbatz zu wirken. Was eine geile Idee wäre es gewesen, Ton Steine Scherben für "German Angst!" zu samplen, aber die prominente Stimme von Rio Reiser in den Beat zu weben, nur um dann konspirativen Blödsinn ohne Sinn oder Message zu labern, das ist schon einfach objektiv nicht so cool. Der Oberhammer ist, dass "Wo Ist Die Message?" das Album unironisch mit der titelgebenden Frage abschließt. Kappa scheint also wirklich zu glauben, dass sein schwammiges Phrasengedresche der Gold-Standard von inhaltsreicher Musik sei. Sein Plot hat die Synopsis "ich kiffe mich aus der Truman-Show", aber spuckt Töne, als hielte er sich wirklich für die Rapper, die er und Sikk seit Jahren akustisch cosplayen.

Vielleicht ist das ein Album für jemanden, der die Texte besser ausblenden kann, denn klingen tut "MDNA" ausgezeichnet. So klar die Referenzen an die New Yorker Ostküste der Neunziger auch ist, so virtuos setzt Sikk seine auditive Heldenverehrung fort. Aber verdammt, wenn man sich dabei erwischt, auch nur einem Part zuzuhören, ist "MDNA" einfach ein strohdummes Album. Man hat ja schon von Rappern gehört, die in Verschwörungs-Theorien abgestürzt sind, aber Kappa wirkt, als hätte er das gerne getan, aber er hatte keine Geduld, sich die ganzen YouTube-Videos reinzuziehen. Von vorne bis hinten ist die Platte voll mit esoterischen Schein-Aussagen, Phrasen, Klischees, Opfer-Gehabe und Selbstmitleid, dünn ummantelt von einer Nostalgie für bessere Zeiten der Gruppe. Statt das Problem zu erkennen, dass sie seit Alben schon nichts mehr zu erzählen haben, kamen sie zu dem Schluss, dass sie insgeheim eigentlich sehr viel erzählen und die Leute einfach nur zu dumm seien. Sind sie aber nicht. Dumm ist nur, auf dem Mythos von Genetikk zu beharren, obwohl der schon seit der Phase von Kinderchören und gothischen Kathedralen völlig demaskiert ist. Die Maske mag noch auf dem Kopf sein, aber was dahinterliegt, hat sich in den letzten Jahren offenkundig als 99% heiße Luft erwiesen.

Trackliste

  1. 1. Mass Destruction New Age (Intro)
  2. 2. Kintsugi
  3. 3. Rap Or Die
  4. 4. Requiem
  5. 5. Wein & Wasser
  6. 6. Regen
  7. 7. German Angst! (Der Traum Ist Aus)
  8. 8. Freedom Since 2010 (Skit)
  9. 9. Antiassimiliert
  10. 10. Kirschblüte
  11. 11. Dank God
  12. 12. Supernova
  13. 13. Vielleicht
  14. 14. Wo Du warst (feat. Mu$a386)
  15. 15. Weck Mich Nie Mehr Auf
  16. 16. Wo Ist Die Message
  17. 17. Faces
  18. 18. Patriot

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20 Kommentare mit 25 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Musste bei dem Review irgendwie an die Parodie in Nicht fürs Radio denken:„Genetikk versteh ich nicht, die wieder sprechen sich. Tut mir mir leid aber ich Check die Message nicht…“.
    Wenn du ein Problem mit Kappa und seiner Meinung hast ist das eine Sache aber deswegen das ganze Album in den Dreck zu ziehen ist finde ich respektlos. Nur wegen den Texten das Album mit einer 2/5 zu bewerten ist lächerlich und in keinerlei Hinsicht objektiv. Für mich wirkt es so als würdest du immer noch so an DNA und den alten Alben festhältst, dass du alles neue automatisch schlecht redest. Ganz nach dem Motto wenn’s nicht wie DNA ist mag ich’s nicht. Für mich ist MDNA eines der besten Genetikk Alben.

    • Vor einem Jahr

      Dieser Kommentar wurde vor einem Jahr durch den Autor entfernt.

    • Vor einem Jahr

      Hä? Der "objektive" Teil ist doch, dass er das Album deutlich besser fände, wenn Kappa nicht gefühlt für die nächste Querdenker-Demo rappen würde. Wenn du das ausblenden kannst, bitteschön, aber das ist Sprechgesang und da sind die Lyrics bzw. der Vortrag nunmal ein wesentlicher Bestandteil.

    • Vor einem Jahr

      Außer vielleicht bei German Angst und bei 2/3 Lines auf dem Album seh ich jetzt nicht so viel was man als Querdenker Gelaber auslegen kann. Klar geht es auch um die Lyrics aber man sollte dann die Texte nicht ausschließlich auf Grund der Meinung des Rappers zu bestimmten Themen bewerten.

    • Vor einem Jahr

      Warum nicht, wenn's der Redakteur halt einfach scheiße und unpassend findet? Ich könnt's mir auch nicht anhören. Beats überwiegend klasse, ja. Delivery wack. Mich stört gar nicht, dass der Hampelmann 'ne andere Meinung als ich hat. Ich find's respektlos, dass mittlerweile ständig irgendwelche verdrogten, abgehobenen Pseudos auf ihren Platten auf Wissenschaftler, Weltentschlüssler oder Revoluzzer machen. Oder direkt alles gleichzeitig. Und interessierte Hörer mit ihren Hirnflatulenzen belästigen.

      Du kannst das doch feiern, kein Thema, ich verstehe das Problem nicht. Aber wenn jemand wie Kappa (kreative Namensänderung btw.) seinen gedanklichen Abfall so penetrant wie auf "MDNA", Twitter und Co. zur Schau stellt, kann das manch einer halt einfach nicht mehr weglächeln. Und Penetranz kann man ja unterschiedlich definieren. Mir haben die paar Lines völlig genügt, um diesen Schmutz letztlich auch als Schmutz zu kategorisieren. Es wäre einfach schön, wenn all die vermeintlich "kritischen Denker" ihrem Titel gerecht würden, anstatt mit heißer Luft versetzten Dünnschiss in den Kosmos zu kacken.

  • Vor einem Jahr

    Irgendwie hätte deine Ansicht mehr Grundlage ohne deine Review gehabt ;)

  • Vor 9 Monaten

    Es ist so lustig wie in Reviews und von "Fans" oft der Vorwurf kommt Kappa würde "nichts" sagen obwohl das eigentlich nur der Code dafür ist das ihnen in Wahrheit schlicht nicht gefällt was gesagt wird (Mal ganz davon abgesehen dass kein ernsthafter Rap Hörer die Meinung von laut.de ernst nimmt aktuelles Beispiel von vielen: Sun Diego Rostov in Don). Fakt ist Kappa triggered hart auf diesem Album und auf Twitter diese Review ist der Beweis das es funktioniert. Eine Review muss nicht objektiv sein. Aber die Behauptung es werde nichts gesagt nur weil man mit der Message nicht übereinstimmt und von der Promo getriggered ist ist halt echt schwach wenn man die Musik bewerten soll. Offensichtlich scheint hier für die Bewertung des Albums German Angst völlig ausgereicht zu haben. War aber von einer laut.de Review auch leider zu erwarten. Ich hätte auch Mal gern erklärt gehabt was denn an Tracks wie Weck mich nie mehr auf, Vielleicht oder Patriot denn so dumm ist. Oder wo genau Kappa sich denn jetzt in eine "Opferrolle" stellt. Genauso habe ich zwar nicht hier aber in anderen Kontexten schon ernsthaft gelesen wie Kappa Querdenkern zugeordnet wird. Und das ist mit Verlaub ehrlich lächerlich wenn man irgendwann Mal lesen gelernt hat und sich die Texte Mal zu Gemüte geführt hat. In Wahrheit ist Genetikks großes Problem und gleichzeitig auch ihre Stärke das ihre Hörerschaft nie gelernt hat mit Ambivalenz umzugehen. Die Leute wünschen sich einfach bei jedem Album aufs neue ein neues DNA. Ein unkritisches gefälliges klar strukturiertes straightes Rap Album an dem man sich nicht reibt. Und DNA ist auch super aber halt auch einmalig. Aber Kappa weiß das offensichtlich und scheißt da auch richtig hart drauf. Für mich ist MDNA mit DNA Genetikks bestes Album weil es kompromisslos ist und Kappa nie besser getextet und gerappt hat als hier. Für alle die Genetikk mögen oder dopen Rap, sich aber von Genetikks Twitter Grind, dem Spiel mit der öffentlichen Meinung oder am wenigsten wahrscheinlich, von dieser Review abgeschreckt fühlen: keine Angst MDNA ist dope und Genetikk keine Querdenker. Ihr dürft es hören ohne Angst zu haben hier "rechte Mücke" zu hören und das sage ich als Marxist