laut.de-Kritik

Charmanter Seitensprung der einen Hälfte von Justice.

Review von

Gaspard Augé hält sich nicht mit kleinen Dingen auf. Übergroß soll alles um ihn herum sein. Er marschiert wie durch einen bunten Garten und pflückt die prächtigsten Referenzen von den Pop-Bäumen herunter. Überhaupt scheinen die Franzosen wenig Berührungspunkte mit dem zu haben, was wir in Deutschland so naserümpfend als Kitsch bezeichnen. Auf der anderen Seite des Rheins ist man dem Lustvollen und Hedonistischen schon seit der Rokoko-Ära nicht abgeneigt. Kein Wunder, dass man die hedonistischen Dinge mit Frankreich verbindet und nicht Schwarzbrot und miese Laune.

Schon seine Band Justice fand keine große Freude an den subtilen Gesten und belebte mit lautem Elektro-Krawall und "Stress" den etwas vergessenen French House neu. Auf den Konzerten des Duos standen meterhohe Lautsprecher-Türme, von denen nur ein Teil mehr als bloße Staffage war. Mehr Drüber, mehr Über und mehr Laser. Und doch: Die Routine empfand Augé nach eigener Aussage als zunehmend einengend, und so überkam ihn die Lust an einer außerehelichen Affäre.

Deren Baby trägt den Namen "Escapades" und klingt schon nach ein paar Sekunden haargenau nach dem Signature-Sound seiner Hauptband. Ein knackiger Bass und viele Filter-Effekte machen den Opener zu einem unverschämt tanzbaren Song, der signifikant an den Disco-Rock der letzten Alben des French House erinnert. Gegenwärtige Einflüsse aus dem elektronischen Bereich bleiben außen vor, lieber flieht Augé in vergangene Epochen, gerade die Siebziger bekommen einen äußerst prominenten Anteil auf dem retroseligen Album.

"Captain" ist eine Hommage an Schlaghosen und den Sommer am Mittelmeer. In Zeitlupe möchte man die Klippe runterspringen und für einen Augenblick vergessen, welche Auflagen man derzeit für solche eskapistische Vorstellungen in Kauf nehmen muss. Ja, so ein bisschen besser war früher schon. Natürlich triggert ein Produzenten-Fuchs wie Augé sehr gekonnt dieses Gefühl aus Jugenderinnerung, aber eben auch très charmant. Das ist fast detailgetreu der Soundtrack zu David Hamilton-Filmen und ihrem weltentrückten Weichzeichner-Look. Alles nach moralischen Gesichtspunkten ungut, aber auch etwas geil. Trotzdem besser, dass Augé für das Video Space-Filme wie "Star Wars" nahm und nicht fragwürdige Männerphantasien aus der Vergangenheit.

Natürlich reitet er auf Einhörnern durch ein bestelltes Lavendelfeld, das schon sämtliche Landsmänner vor ihm bereisten. Daft Punk verfielen irgendwann komplett dem Vintage-Sommernachtstraum, auch Air oder Cassius gingen stets eine heftige Affäre mit dieser Epoche der ästhetischen Schönmalerei ein.

Solche Alben funktionieren nicht, wenn Coolness als Gradmesser gilt und der Künstler aus Angst vor Spott doch wieder einen Rückzieher macht. Augé verzichtet komplett auf einen minimalistischen Banger oder auch nur eine Anspielung von Ironie, die Geschmackspäpsten eine beruhigende Gewissheit von ironischer Brechung gibt. Nein, ein Song wie "Hey"! wirbelt im Pfauenkostüm über die Tanzfläche und zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Understatement ist der absolute Todfeind von "Escapades".

So eine Haltung verlangt enorm viel Selbstbewusstsein und ist ein gefährliches Spiel. Nur um Brusthaaresbreite streift das Album an der Cheesiness vorbei, verfügt aber einfach über zu schöne Melodien und einen Künstler, der sein Handwerk versteht. Wenn es zu zuckrig wird, rettet eine kleine House-Spielerei wie in "Belladonna" den Track vor zu viel Postkarten-Sentimentalität. Und ein offensichtliches Giorgio Moroder-Zitat wie in "Casablanca" funktioniert auch nur dann, wenn die Kopie den gleichen Pinselstrich wie der italienienische Meister führt. Kübelweise Spott schütteten sie über den italienischen Soundtüftler aus, bis auch die Kritiker seine Moog-Synthesizer-Werke feierten. Diese Huldigungen verdient Gaspard Augé noch nicht, aber die Seele lebt in dem Debüt weiter.

Trackliste

  1. 1. Welcome
  2. 2. Force Majeure
  3. 3. Rocambole
  4. 4. Europa
  5. 5. Pentacle
  6. 6. Hey!
  7. 7. Captain
  8. 8. Lacrimosa
  9. 9. Belladone
  10. 10. Casablanca
  11. 11. Vox
  12. 12. Rêverie

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