laut.de-Kritik

Das Internet-Mädchen holt sich Schliff vom Major-Label.

Review von

Die nächste Youtube-Erfolgsgeschichte, bitte: Gabrielle Aplin begann mit 14 Jahren, zu filmen, wie sie Songs auf ihrer Gitarre coverte. Mit steigenden Klickzahlen wagte sie sich an die Veröffentlichung selbst geschriebener Lieder. Nach beeindruckenden iTunes-Erfolgen schnappte sich die Plattenindustrie das Mädchen, das mittlerweile 20 Jahre alt ist, für ihr Debüt "English Rain".

Das Major-Label ermöglichte ihr nicht nur Aufnahmen in einem professionellem Studio, sondern holte ihr zur Unterstützung eine echte Produzenten-Größe: Mike Spencer stand zuletzt bei Rudimental und Alex Clare hinter den Reglern. Die Namen schrecken etwas ab: Erhofft man sich von der Britin einen disneyhaften Aufstieg zum Popstar?

Glücklicherweise nicht. Denn der Produzent schaltet mehrere Gänge zurück. Abgesehen von der gelegentlichen Zugabe von Chören ("Home") oder Streichern ("How Do You Feel Today?") im Hintergrund belässt er den Stücken ihre Stärke. Die liegt neben der zerbrechlichen, klaren Stimme nun mal im Gitarren- und Klavierspiel der Songwriterin.

So unterscheidet sie sich von anderen Künstlern, die dieses Jahr mit ihren eigenen Tracks über das Internet zum Hype aufstiegen: Musiker wie Flume oder Disclosure bastelten in ihren Schlafzimmern stundenlang mit Beats herum, erfrischten mit einem modernen Mix aus Dubstep, House und anderen elektronischen Einflüssen. Gabrielle Aplin schreibt stattdessen Folkpop-Songs, die schon den Staub der elterlichen Plattensammlung tragen könnten.

Höhepunkte fehlen hier fast ebenso wie Tiefpunkte. Warum man nach "The Start Of Time" das wunderbar reduzierte "Take Me Away" an der undankbaren Position eines Hidden Tracks versteckt, sorgt für Stirnrunzeln. Wenn schon etwas an den Schluss klatschen, dann doch bitte das Cover von "The Power Of Love", das wirklich niemand mitten auf der Platte braucht. Über Castingshow-Qualität reicht das nicht hinaus.

Die junge Frau singt auf dem Rest der Platte weitaus überzeugender von großen Gefühlen, bleibt lyrisch aber leider oft altklug bis platt: "Summer Comes And Winter Fades / Here We Are Just The Same" ("Please Don't Say You Love Me") oder "I Always Used To Love November / But Now It Always Floods With Rain" ("November") gehen nicht gerade als innovative Metaphern für Beziehungsstillstand und das Ende einer Liebe durch. Bedenkt man, dass die Sängerin viele ihrer Songs als Teenager geschrieben hat, will man ihr aber nicht allzu große Vorwürfe machen.

Die nächste Laura Marling wird Gabrielle Aplin vermutlich trotzdem nicht. Die hat in ähnlich jungen Jahren schon Folk-Songs auf ihrer Gitarre geschrieben, die gewitzter, frischer und textlich vielseitiger waren. Ein Track wie "Human", der vom Tempo etwas schneller gerät als die restliche Platte, weist in eine andere Richtung: Sie könnte gut in die Fußstapfen einer Amy MacDonald treten. Etwas glatt, aber äußerst tauglich für ein großes Publikum.

Trackliste

  1. 1. Panic Cord
  2. 2. Keep On Walking
  3. 3. Please Don't Say You Love Me
  4. 4. How Do You Feel Today?
  5. 5. Home
  6. 6. Salvation
  7. 7. Ready To Question
  8. 8. The Power Of Love
  9. 9. Alive
  10. 10. Human
  11. 11. November
  12. 12. Start Of Time

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1 Kommentar

  • Vor 5 Jahren

    Ich hab schon ihre 3 EPs bei iTunes erworben und bin seitdem begeistert von ihr und auch das Album ist einfach überragend. Eines der besten Alben dieses Jahres. Panic Cord klingt auf den EPs etwas stärker als auf dem Album, da dort der Refrain stärker raussticht, aber sei's drum, trotzdem ein toller Titel. Please Dont Say You Love Me ist ein echter Ohrwurm und auch Home und vorallem Salvation sind einfach Übertracks. Aber die Songs zünden eben auch erst nach 2 oder 3 mal hören, dann aber richtig.
    Auch die Kritik an dem Power Of Love Cover versteh ich nicht so ganz. Passt genauso gut an die Stelle des Albums wie es auch ans Ende passen würde ôo Es passt überall hin, weils einfach eine geniale Gänsehautstimmung erzeugt. Am besten die DeluxeVersion kaufen ^^