21. Oktober 2010

"Wir sind eben KEINE Deutschen!"

Interview geführt von

Halbwahrheiten und Halbwissen begleiten von Beginn an die Geschichte von Frei.Wild. Der jungen Band aus Südtirol wird ihre musikalische und textliche Nähe zu den Onkelz vorgeworfen.Schließlich war Fronter Philipp 'Fips' Burger auch vor Jahren mal in einer Nazi-Band aktiv, und bei solchen Themen schreien die mit der wenigsten Ahnung gern am lautesten. Obwohl Fips schon in diversen Texten Stellung zum Thema Radikalismus bezogen hat, war klar, dass die politische Einstellung von Frei.Wild auch im Interview mit laut.de ein Thema ist.

Fips, wie waren die Reaktionen bisher auf euer Album?

Bislang eigentlich nur gut. Wir beobachten auch ein paar Foren und da gab es meist positive Reaktionen. Das freut uns natürlich sehr, weil es uns einige doch nicht zugetraut haben, das vorherige Album noch mal zu überbieten. Vor allem in die Produktion haben wir dieses Mal viel Zeit und Arbeit investiert.

Meine Review zu "Gegengift" ging gestern bei uns online. Der erste Kommentar war gleich irgendwas von wegen Nazi-Band. Ich hab dann gepostet, dass ich heute ein Interview mit euch habe und jeder gern sagen kann, was er von euch wissen will.

Aha, gut. Und was kam?

An Fragen? Nichts!

Ja, das wundert mich nicht (lacht). Das ist immer das Problem, im Internet kann man sich immer verstecken und sich das Maul über andere verreißen. Ist ja auch viel schöner und einfacher, als sich mit einer Band oder Sache entsprechend auseinander zu setzen. Was soll ich sagen? Wir haben auch dieses Mal in dem Lied "Wahre Werte" unsere Einstellung klipp und klar niedergelegt und mehr ist dazu nicht zu sagen. Von dem her ist das das Lied, von dem wir sagen können: "Leute, lest euch den Text durch, da steht alles drin. Anders ist es einfach nicht." Menschen, die eh schon ihre vorgefertigte Meinung haben, werden sich auch dadurch nicht eines Besseren belehren lassen, aber daran können wir auch nichts ändern.
Menschen, die ihren Frust an der Tastatur auslassen, gibt es viele, und für die sind wir eben ein willkommenes Hassbild.

In "Das Land Der Vollidioten" habt ihr doch eigentlich auch schon eindeutig Stellung bezogen. Als ich euch dieses Jahr auf dem Summer Breeze zum ersten Mal live gesehen habe, wurden die entsprechenden Textzeilen von Tausenden von Leuten bereits vor der Bühne gesungen.

Boah, auf dem Summer Breeze war ich richtig voll!

Was du nicht sagst, ist kaum aufgefallen.

Mir wurden danach die Videoaufnahmen zugeschickt und ich hab erst da gemerkt, dass ich die ersten Lieder komplett mit Sonnenbrille gespielt hab. Und die saß dann auch noch total schief … Aber ich war danach auch mal kurz nüchtern.

Wann? Kurz vor der Abfahrt?

Nein (lacht), kurz nach dem Konzert, weil ich alles raus geschwitzt hatte. Das hat aber nur kurz angehalten. Wir haben dort dann auch gleich wieder ein Interview gegeben und das … naja, war wohl auch nicht so großartig. Weißt du, das Problem ist, dass wir alle so introvertiert sind (grinst).

Den Eindruck hab ich auch ganz stark … aber auf dem Breeze war im Vorfeld auch die Situation, dass im Pressezelt andauern was von Nazi-Band gefaselt wurde, aber trotzdem jeder vor der Bühne stand.

Auf Wacken war das genauso. Im Vorfeld hat jeder gemeint, er muss seinen Senf dazu geben, und dann war das Zelt dermaßen gerammelt voll, dass sogar draußen noch die Leute standen. Es ist auch wirklich ärgerlich, dass man diesen paar Idioten so viel Aufmerksamkeit schenkt. Das sind in der Regel immer dieselben Leute, die einfach überall ihre Parolen verbreiten und dadurch hat man den Eindruck, dass das eigentlich viel mehr sind.

"Die Onkelz-Vergleiche nerven!"


Ihr habt jetzt aber doch erneut in einem Song klar Stellung bezogen. Die Onkelz haben das damals mit "Deutschland Im Herbst" einmal getan und ab dann einfach alles andere ignoriert und stattdessen lieber Taten sprechen lassen und Konzerte gegen Rechtsradikalismus organisiert. Ihr sprecht euch in "Wahre Werte" erneut deutlich gegen Rechtsradikalismus aus, liebt aber dennoch auch die Provokation. Denn der erste Teil des Textes ist meiner Meinung nach schon fast Stammtisch-Argumentation.

Ok, ich seh den Punkt. Aber du musst einfach auch bedenken: Wir sind keine Deutschen! Wir sind Südtiroler. Wir sind dort aufgewachsen und die Heimatliebe, die ist dort allgegenwärtig. Dort hat keiner ein Problem mit unseren Texten, die verstehen, um was es uns geht. Wenn dort ein Feiertag ist, dann wird da die Tiroler Flagge vors Haus gehängt und zwar überall. Die haben da auch lauter Vereine, die das hegen und pflegen und diese Verbundenheit zu Südtirol auch erhalten wollen. Wir sind in diesem Umfeld aufgewachsen und sprechen aus unserer Sicht als Südtiroler, nicht als Deutscher. Das verstehen einige anscheinend nicht. Da muss ich doch nicht andauernd Rücksicht darauf nehmen, dass man als Deutscher keinen Nationalstolz entwickeln oder zeigen darf, weil man sofort als Nazi beschimpft wird. Das darf man als Deutscher immer nur während der EM oder WM. Ich weiß, dass das viele Leute provoziert, aber das sind halt Sachen, die uns wichtig sind. Meine Fresse, das ist Rockmusik, da sollte etwas Provokation schon erlaubt sein. Wenn nicht, dann spielen wir am Ende alle Walzer, aber dazu sind wir zu schlecht an den Instrumenten (lacht).

Letztendlich nervt mich das aber schon an, auch wenn da immer Vergleiche mit dem Onkelz gezogen werden. Wer sich ein wenig mit uns beschäftigt, der wird feststellen, dass Frei.Wild immer eine Deutschrock Band waren. Wir hatten nie irgendwas mit Rechtsrock zu tun. Das war allein ich, der noch vor Frei.Wild in jungen Jahren in einer Nazi-Band war. Zwischen der Band und Frei.Wild lag aber noch über ein Jahr. Und wenn ich mental tatsächlich so drauf wäre, wie man mir das gerne nachsagt, dann hätten die anderen drei Jungs hier überhaupt keine Band mit mir gegründet.

Dennoch warst du vor einiger Zeit Mitglied in der Partei Die Freiheitlichen, was euch einige Probleme mit eurem Fanclub eingebrachat hat.

Oje, ja, das war so ein Scheiß. Den Schuh muss ich mir anziehen, das war ein ziemlicher Schwachsinn, den ich da recht blauäugig angegangen bin. Als ich das erste Mal mit dieser Partei zu tun hatte, ging es um ganz normale, kommunale Fragen. Die Gemeinde hat Geld rausgefeuert für alle möglichen, unsinnigen Investitionen, aber für Dinge, wie zum Beispiel Schulwege von Kindern entsprechend zu beleuchten oder Nachtbusse für Jugendliche und ähnliches, da wurde dann gespart. Die Freiheitlichen haben sich eben um genau diese Sachen gekümmert. Der Vorsitzende ist dann mal zu mir gekommen und hat mich gefragt, ob ich sowas nicht auch unterstützen will. Ich war – ungelogen – ein einziges Mal bei einer Sitzung, bei der über Katzenaugen und Schulbusschilder gelabert wurde. Mehr wurde da nicht diskutiert und das war mir zu wenig, weswegen ich mich mit denen auch nicht weiter beschäftigt habe.

Man sollte dabei eigentlich auch wissen, dass Die Freiheitlichen in Südtirol sich schon seit Jahren von der österreichischen Mutterpartei losgesagt hatten, weil sie den ganzen Scheiß mit Jörg Haider nicht unterstützen wollten. Man kann Die Freiheitlichen auch nicht mit den ganzen rechten Parteien wie NPD und wie sie alle heißen in Deutschland vergleichen, auch wenn ihre Ziele und Wege alles andere als toll sind.

Wie konnte sich das dann so hochschaukeln?

Hah, das ist ne ganz einfache Geschichte. Der Zeitpunkt war denkbar beschissen. Es war kurz vor den Wahlen, als ich da bei der Sitzung war. Wir hatten etwa einen Monat zuvor schon von einem Parteimitglied die Anfrage bekommen, ob wir nicht auf einem Konzert irgendwo spielen wollten. Worauf wir geantwortet haben, dass wir das nur machen, wenn das kein von einer Partei organisiertes Konzert ist und wenn da nirgendwo irgendwas von irgendeiner Partei drauf steht. Wer das letztendlich organisiert, war uns egal, Hauptsache es hatte nichts mit irgendwelchen Parteien zu tun und es war alles ordnungsgemäß angemeldet. Das wurde uns so zugesichert und das Ende vom Lied war, dass auf den Plakaten letztendlich doch das Zeichen der FJ, der Freiheitlichen Jugend zu finden war. Ein paar Südtiroler haben das Plakat dann ins Forum gestellt und auf einmal war die Hölle los und wir galten als Sympathisanten und Parteimitglieder der Freiheitlichen.

Die größte Zeitung in Südtirol gehört der Südtiroler Volkspartei und für die war das ein gefundenes Fressen. Die wollten auf unserem Rücken die anderen Partei und auch uns in den Dreck ziehen, was letzten Endes nicht funktioniert hat. Sie haben weder uns kaputt gemacht, noch den Wahlausgang verändert.

Ich war halt der Vollidiot, der nicht abschätzen konnte, welche Kreise das alles ziehen kann. Da sind ein paar Komponenten zusammen gekommen und auf einmal war das ein großes Thema, wo eigentlich gar nichts war. Ich lass mir aber beim besten Willen nicht nachsagen, dass ich irgendwo politisch aktiv gewesen wäre, nur weil ich ein paar Ideen in meiner Gemeinde unterstützen wollte.

Stimmt es denn, dass wegen dieser Angelegenheit der halbe Fanclub flöten gegangen ist?

Nein, ach was. Unser Manager hat uns damals verlassen, aber das lag weiß Gott nicht nur an dieser Sache, sondern viel mehr daran, dass er schon seit Jahren mit der Zeiteinteilung nicht mehr hinterher kam. Frei.Wild sind unglaublich schnell gewachsen und das Management hat immer mehr Zeit beansprucht, die er schlicht und ergreifend nicht hatte. Er war noch Vollzeit beschäftigt und konnte das nebenher einfach nicht mehr stemmen. Und zu behaupten, dass er wegen dieser Aktion gegangen wäre – er war als Manager schließlich derjenige, der diesen Vertrag damals unterschrieben hatte (lacht). Mittlerweile ist er auch wieder bei uns dabei, zwar nicht mehr als Manager, aber er ist wieder Teil des Teams. Aber ansonsten, wer ist denn noch gegangen, mal überlegen. Wenn du mich jetzt so fragst, dann ist eigentlich jeder, der Teil der Crew und zwischenzeitlich weg war, wieder mit dabei. Mehr als ein Sturm im Wasserglas, war das eigentlich nicht.

"E gab Kommerzvorwürfe aus den eigenen Reihen"


Auf "Hart Am Wind" sind eigentlich alle Songs durchweg als Deutschrock zu bezeichnen. Auf "Gegengift" habt ihr mit den Ska-Sachen und ein paar anderen Überraschungen für mehr Abwechslung gesorgt.

Ja, das haben wir aber zuvor auch schon ein, zwei Mal gemacht. Auch das mit den Slidegitarren in "Die Gedanken Sind Frei", die dem Ganzen so eine Volbeat-Kante geben. Wir lassen uns natürlich auch von anderen Sachen beeinflussen, von dem was wir hören. Einer unserer Kumpels fährt immer auf Tour mit und gibt uns Gitarrenunterricht. Wenn ich während des Unterrichts manchmal was spiele, dann steigt er da einfach dazu ein und dabei ist die Nummer eben entstanden. Da kann man durchaus sagen, dass das nach Volbeat klingt, aber beim ersten Ton vom Gesang hat sich das ja erledigt (lacht). Aber Volbeat ist auf jeden Fall ein Band, auf die wir alle stehen und dir wir auch schon ein paar Mal live gesehen haben. Aber die haben ja schließlich auch nicht das Patent auf die Art Musik (lacht).

Für "Hart Am Wind" habt ihr auch die ganzen alten Songs noch mal komplett neu eingespielt und zum Teil auch deutlich umarrangiert.

Das war vielleicht ein Scheiß! Wir haben die ersten beiden Scheiben ja im Proberaum aufgenommen und so klingen die halt auch. Die sind aber stellenweise gefragter, als die neuen Sachen. Die Erstauflage der ersten CD hab ich mal für 250 Euro auf eBay gefunden. Die Neuauflage davon hat noch denselben Sound und ist ebenso gefragt. Bei den Neuaufnahmen musste unserer Tontechniker jetzt tricksen wie ein Großer, um einen ähnlichen Sound hinzubekommen wie damals. Die Idee dazu kam aus dem Forum, wo immer mehr Leute danach fragten, dass wir die alten Songs einfach mal anständig produzieren und neu einspielen. Wir haben also insgesamt 24 Songs neu aufgenommen in den drei Monaten, wovon es dann acht auf das Album geschafft haben.

Für so eine Aktion erntest du nicht nur Lob, auch nicht aus den eigenen Reihen. Da kamen dann Kommerzvorwürfe und Kram, aber die Arbeit die dahinter gesteckt hat, wird dabei gern übersehen. Wenn du mich fragst, haben wir in "Hart Am Wind" letztendlich mehr Arbeit und Zeit investiert, als in "Gegengift".

Dann würde mich abschließend noch interessieren, welches Buch euch zuletzt nachdrücklich beeindruckt hat.

(Langes Schweigen und große Augen ) Also ich lese eigentlich nicht sonderlich viel, aber das Geschichtenbuch meiner Tochter, aus dem ich ihr immer vorlese, hat zumindest bei ihr einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Wie heißt das noch mal … ach ja, Der Kleine Prinz.

Aha, und was macht ihr die ganze Zeit im Bus, wenn ihr auf Tour seid?

Na wir haben alle nen Laptop.

Und zockt da den ganzen Tag, oder was?

Wenn du's genau wissen willst, wir versuchen immer noch, unseren Manager davon zu überzeugen, eine Tischtennisplatte mit auf Tour zu nehmen, aber der hält uns für total bekloppt (lacht). Wir spielen zu Hause jeden Tag und sind echt gut. Wir würden dann auch gegen Fans spielen, aber die hätten keine Chance!

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