14. Oktober 2012

"Wir rennen keinem Trend hinterher"

Interview geführt von

Wie auch schon zur Veröffentlichung von "Gegengift" suchen Frei.Wild auch für "Feinde Deiner Feinde" die Nähe zu ihren Fans und drehen ihre Runden durch die Media-Märkte unseres Landes.In Mainz steht anschließend noch eine Pressekonferenz bei Rockland Radio auf dem Programm, die dank eines vollkommen planlosen Freizeitredakteurs der Allgemeinen Zeitung aber weitgehend sinnfrei verschwendet wird. Nach der Livesendung mit Radio Rockland-Moderatorin Alexandra Philipps nimmt sich Philipp 'Fips' Burger allerdings noch eine viertel Stunde Zeit, um sich mit mir ernsthaft über "Feinde Deiner Feinde" zu unterhalten. Dabei wird der Mann - es mag am steigenden Alkoholpegel liegen - auch mal ein wenig pathetisch und vielleicht auch realitätsfern.

Philipp, schöne Sendung gerade, aber du solltest beim Sprechen nicht immer den Kopf vom Mikro wegdrehen, sonst rastet der Tonmensch irgendwann noch aus.

Ja, hast ja recht, aber damit muss er jetzt halt leben (lacht).

Ich konnte bislang nur die Snippets der Songs hören, fand die aber schon ziemlich gut. Wie waren denn die Reaktionen bisher?

Ausgezeichnet, und wir sind auch sehr glücklich mit der Scheibe. Frei.Wild waren schon immer eine Band, die sehr lebensbejahende Themen, aufbauende Themen verarbeitet hat. Und auch auf unserem achten Album geht es darum, dass wir unsere eigene Geschichte schreiben. Dass wir für unser eigenes Handeln verantwortlich sind, was ein Lied wie "Mach Dich Auf" deutlich unterstreicht. Man bemerkt einfach überall, dass vor allen die Jugendlichen unter der momentanen Wirtschaftskrise enorm leiden, weil sie überhaupt nicht darauf vorbereitet waren, keine Schuld daran tragen und oft auch nicht verstehen, wie es überhaupt dazu kommen konnte. Aber den Kopf in den Sand zu stecken, bringt halt gleich mal gar nichts, und deswegen wollen wir den Leuten Mut machen, ihr Schicksal so weit wie möglich selber in die Hand zu nehmen und sich aufzuraffen. Jeder Mensch will im Grunde seines Herzen nur ein bisschen Glück erleben und für dieses Glücksgefühl sind eben diverse Faktoren verantwortlich. Natürlich auch Liebe und gegenseitiger Respekt, was wir auf der Scheibe ebenfalls zum Thema machen, wie auf allen Scheiben zuvor auch.

"Feinde Deine Feinde" ist stilistisch merklich breiter aufgestellt, als noch "Gegengift". Was hat euch da denn beeinflusst?

Was heißt beeinflusst? Wir rennen ja keinem Trend hinterher. Wenn wir in ein paar Jahren zurück schauen, kann es durchaus sein, dass wir sagen: 'Das würden wir heute in der Art nicht mehr machen.' Aber im Jahre 2012 war das für uns eben genau richtig so, da stehen wir dahinter. Da müssen wir uns von nichts beeinflussen lassen, dazu machen wir schon zu lange zusammen Musik und wissen einfach, was uns, was Frei.Wild ausmacht. Warum sollten wir da irgendwo was klauen oder kopieren oder sonst was tun?

Davon sprech ich doch gar nicht, aber als ich die Bläser und die Ska-Sachen gehört habe, kamen mir nun mal die Broilers in den Sinn, die ja auch mit ähnlichen Mitteln arbeiten. Die Grenzen des Street Punks sind doch relativ eng. Auf "Freunde Deiner Feinde" geht ihr da stellenweise schon drüber raus, und es funktioniert. Wie weit denkt ihr könnte das noch gehen?

Was die Broilers angeht, ist das eine Musikrichtung, welche wir vor fünf bis sieben Jahren gehört haben. Die Band hat ihre Wurzeln im Punk und ist auf jeden Fall gut! Wir haben aber eigentlich kaum Zeit gehabt die letzten Jahre, großartig Musik anderer Bands zu hören und uns, auf welche Art auch immer, davon beeinflussen zu lassen. Was die Bläser angeht, die tauchen auch in unzähligen anderen Bands und Musikstilen auf und sind da nach und nach immer mehr in den Vordergrund getreten. Gerade im alpenländischen Bereich war die Rockmusik nie so weit von der Blasmusik entfernt. In Südtirol sind diese Blasmusik-Kapellen allgegenwärtig. Dass Rockmusik mit Bläsern Anklang findet, wussten wir auch schon vor den Broilers.

Naja, aber Volksmusik ist dann doch noch mal ne andere Baustelle - ich hab das Gefühl, wir reden hier etwas an einander vorbei. Es geht ja nicht ums Klauen oder wo was zuerst aufgetaucht ist. Die Sache ist doch einfach die, dass ihr euch, verglichen mit den Anfängen der Band, musikalisch weiter entwickelt habt.

Ja klar, wir haben halt die letzten beiden Alben schon mit Bläsern gearbeitet und das Ergebnis hat uns und den Fans sehr gut gefallen. Also haben wir das beibehalten und ein wenig ausgebaut. Auf dem letzten Album hatten wir aber auch Kontrabass und Ziehharmonika, was wir dieses Mal dann wieder nicht dabei haben.

Das meine ich ja. Es geht in die Breite und deswegen frage ich mich, wie weit ihr den typischen Deutschrock, Street Punk, was auch immer, noch aufbrechen werdet?

Ganz klar, so weit es uns gefällt. Wir haben dieses Mal mit dem Henning von Unheilig daran gearbeitet, unsere Songs auch unplugged zu spielen. Gerade dabei haben wir festgestellt, dass die Möglichkeiten in die Breite zu gehen, nahezu unendlich sind.

Das ist klar, aber wie weit gehen die Fans mit?

Du ganz ehrlich, das ist für uns nicht wirklich von Bedeutung. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bands, die da draußen unterwegs sind und ein Stück vom Kuchen abhaben wollen, sind wir nicht darauf angewiesen, ob die Band funktioniert oder nicht. Ich will damit nicht sagen, dass wir nicht jedem einzelnen Fan von uns dankbar sind, dass sie uns dahin gebracht haben, wo wir stehen, aber wenn von heute auf morgen Schluss damit ist, dann brechen wir nicht zusammen. Jeder von uns Vieren kommt aus einem stinknormalen Handwerksberuf und hat diesen auch gelernt. Das heißt, wenn bei Frei.Wild plötzlich der Ofen aus ist, arbeite ich wieder als Tischler oder unser Basser Zegga wieder als Gärtner weiter. Wir haben ja alle in unseren Berufen gearbeitet, bevor und während es mit der Band los ging. Die meisten Bands, die alles dafür geben, um groß zu werden, die haben doch gar keinen Plan B. Die müssen unbedingt erfolgreich sein und bleiben, weil sie sonst nichts anderes können. Wenn es mit Frei.Wild vorbei ist, geht das Leben für uns ganz normal weiter, deswegen können wir auch als Band tun und lassen was wir wollen. Wenn wir damit den Geschmack unserer Fans treffen, ist das toll. Wenn nicht, scheißt der Hund drauf. Aber es muss vorerst wohl niemand befürchten, dass wir ein reines Ska-Album aufnehmen, oder unseren Sound drastisch ändern werden. Die Reise geht dahin, wo wir uns wohl fühlen, aber Frei.Wild werden immer nach Frei.Wild klingen.

"Musikalischer Erfolg ist eine sehr kurzlebige Sache."


Na ok. Kommen wir zu einem ganz anderen Thema. "1000 Meilen 1000 Worte", wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Wir bekamen 2001 vom Südtiroler SOS Kinderdorf die Möglichkeit, in deren Räumlichkeiten zu proben. Die hatten einen alten Bauernhof, der schon weitgehend verfallen war, und wir durften da rein und proben. Es hat nicht lange gedauert, dann war auch schon die nächste Band mit uns drin usw. Wir haben dann eben diesen Song "1000 Meilen 1000 Worte" geschrieben und dachten uns, dass der sich eigentlich perfekt als Charity-Projekt eignet, also von mehreren Künstlern mit uns zusammen gesungen werden könnte. Für uns war von vorne herein klar, dass wir damit dem Kinderdorf etwas zurück geben könnten, und so entstand das Ganze eigentlich. Das hat sich dann immer weiter entwickelt, und wir sind in dieser Kinderdorf-Geschichte mittlerweile viel tiefer drin, als wir das je dachten. Ganz einfach, weil uns das Schicksal vieler dieser Kinder einfach dermaßen bewegt, dass wir da auch weiterhin am Ball bleiben und helfen wollen. Deswegen haben wir auch dem Kinderdorf schon VOR dem Verkauf der Single einen gewissen Betrag überwiesen, weil wir uns sicher waren, dass wir das mit dem Verkauf schon wieder rein bekommen würden. Das war dann auch recht schnell der Fall, und alles, was wir seitdem noch dazu verdient haben, geht direkt an das Kinderdorf.

Wie lief die Auswahl der Musiker ab? So was wie die Kastelruther Spatzen ist ja jetzt nicht der erste Name, der einem normalerweise dazu einfällt.

Sag das nicht, die wohnen ja quasi neben uns. Die sind vor allem auch immer wieder bei uns im Studio und ganz ehrlich: gerade die haben uns in unserer Einstellung immer bestärkt, denn auch die leben nach dem Motto, dass wenn es mit der Musik nicht weiter geht, dann sollte man auf jeden Fall ein Gleichgewicht bilden können, in Form eines ganz normalen Berufs. Das haben die von vorne herein gemacht und die fahren verdammt gut damit. Die haben jetzt ihre Bauernhöfe, Hotels, Gaststätten, was weiß ich alles. Das scheint so eine Südtiroler Mentalität zu sein. Wenn das Standbein mit der Musik fällt, steht das andere wie eine Mauer. Ruhm, gerade im Musikbusiness, ist eine verdammt kurzlebige Sache und darauf will sich keiner von uns verlassen.

Mir ist auch aufgefallen, dass in Südtirol eigentlich nur Plakate von irgendwelchen Heimatbands hängen. Gibt es da eigentlich sowas wie eine Musikszene?

Klar, und im Vergleich zur Einwohnerzahl sogar eine relativ große. Das Problem für die meisten ist nur, dass sie alle nach den Sternen greifen, aber im Tal danach suchen. Soll heißen, es gibt nur drei, vier Bands, die tatsächlich auch mal den Sprung ins Ausland geschafft und diesen auch tatsächlich angestrebt haben. Das sind dann zwei Heimatbands, eine Metal-Band und wir. Versucht haben es natürlich viele, aber oftmals nur halbherzig. Schade eigentlich, denn es gibt da ein paar echt gute Bands, aber durch den Wohlstand, den Südtirol eben bietet, fehlt oft der wirkliche Antrieb, es auch international zu schaffen und dafür Dreck zu fressen. Wir hatten allerdings auch das Glück, dass wir von vorne herein das richtige Umfeld in Sachen Management hatten und dass wir nie wirklich vor hatten, von der Band zu leben. Das war für uns immer nur ein Hobby, das sich auf einmal selbst finanziert hat. Der Grundgedanke war: anstatt am Wochenende nur zu saufen und dafür zu zahlen, spielen wir doch lieber, saufen dann und lassen uns dafür bezahlen.

Bei "Wir Reiten In Den Untergang" singst du eingangs ganz schön tief. Da scheinst du mir doch dicht an der Grenzen des Machbaren. Das hätte man ja auch einfach ein, zwei Halbtöne höher transponieren können.

Hätte man können, aber warum? Alles was du auf der CD hörst, lässt sich live durchaus umsetzen, da haben wir schon drauf geachtet. Gleichzeitig war uns aber auch wichtig, dass wir in der Vorproduktion schon die ideale Stimmlage finden. Da haben wir sehr viel Zeit drauf verwendet, dass sich alle damit wohl fühlen. Wir haben das live immer wieder durchgespielt, bis alle zufrieden waren, und dabei ging es nicht immer nur um die Hauptstimme, sondern auch, dass der Chor stimmlich passt. Ich musste da auch das ein oder andere Mal kleinbei geben.

Nehmt ihr deswegen jetzt ein paar Gitarren mehr mit auf Tour mit unterschiedlicher Stimmung?

Nein, gar nicht. Wir spielen alles auf D. Das liegt wahrscheinlich einfach daran, dass wir zu faul sind, ständig die Gitarren neu zu stimmen oder zu wechseln. Sowohl im Proberaum, als auch auf Tour. Deswegen spielen wir alles in D. Manchmal schmerzt das dann im Hals, aber druff geschissen. Rock'n'Roll muss weh tun (lacht).

"Zwischen Der W. und uns gibt es kein böses Blut."


Im letzten Rock Hard Magazin war ein kleines Interview mit Stefan Weidner, wo er sich fast schon abfällig über euren Song "Arschtritt" geäußert hat. Kennt ihr euch denn persönlich?

Ja klar, wir haben uns auf Wacken getroffen und eigentlich ganz gut unterhalten und ich weiß nicht, warum er so was sagt. Ich möchte dazu eigentlich auch nichts sagen oder irgendwas rein interpretieren, was nachher wieder falsch zitiert oder ausgelegt wird. Wir haben uns damals gut verstanden und ich kann ihn als Menschen auch gut leiden. Seine Musik sowieso. Deswegen möchte ich zu seinen Aussagen im Rock Hard auch nichts weiter sagen. Jeder hat das Recht auf seine Meinung. Da gibt es kein böses Blut, warum auch. Wir machen unser Ding und der Weidner seins.

Wie läuft es eigentlich mit eurem Label Rookies & Kings?

Mega! Jetzt nicht unbedingt in der Hinsicht, dass wir damit Tonnen von Geld scheffeln würden, ganz und gar nicht. Aber in Hinsicht darauf, dass wir das Label vor drei Jahren gegründet haben und uns unserer Manager damals prophezeite, dass so was auf mindestens fünf Jahre und mehr hinaus nichts abwirft und unzählige Risiken birgt, sind wir echt auf einem guten Weg. Gerade die Entscheidung, uns Anteile von SPV zu sichern, war verdammt glücklich, denn mittlerweile stehen die wieder richtig gut da. Ok, die mussten sich von 120 auf 15 Leute runter schrumpfen, aber das Team, das jetzt den Kern ausmacht, hat die richtige Einstellung, den Willen und die Fähigkeiten, SPV wieder ganz nach vorne zu bringen. Und das war uns schon immer wichtig, dass wir mit Menschen arbeiten, die auch in schwierigen Zeiten auf uns vertrauen und mit uns an einem Strang ziehen. In guten Zeiten hast du immer 1000 Leute um dich, die viel versprechen und wenig halten. Am liebsten sind mir wirklich diejenigen, die zuvor wenig versprechen, aber so hart und ehrlich daran arbeiten, dass sie viel mit uns erreichen können.

Habt ihr bei Rookies & Kings eigentlich nur deutschsprachige Bands unter Vertrag.

Einige, aber mit Spitfire haben wir jetzt auch ne Band aus München mit englischen Texten unter Vertrag. Die gehen auch mit uns und Gonzo auf Tour. Ursprünglich wollten wir nur Bands haben, die wir auch verstehen, und wir als Südtiroler verstehen eben nur Deutsch oder ein bisschen Italienisch (lacht). Aber letztendlich kommt es nur darauf an, dass uns die Band musikalisch berührt, und als wir das Demo von Spitfire aus dem Briefkasten gezogen haben, waren wir echt begeistert. Vor allem, weil uns dann wieder einfiel, dass wir die schon als Vorband von Serum 114 mal gesehen hatten und die geil fanden. Damals waren wir nur zu besoffen (lacht). Mit ner richtig guten Produktion wird das Album von denen echt klasse und landet meiner Meinung nach in den Charts. Das haben wir bislang tatsächlich mit jeder Veröffentlichung auf unserem Label geschafft.

Den Song "Aus Traum Wird Wirklichkeit" hast du ja für deinen Nachwuchs geschrieben.

Ja, aber nie mit dem Hintergedanken, ihn jemals zu veröffentlichen. Ich saß irgendwann mal im Studio, hatte diese Melodie im Kopf und dachte mir dann: 'Philipp, eigentlich singst du um den heißen Brei herum, was das ganze Album betrifft. Du sprichst da viel an, aber was dir am Wichtigsten ist, lässt du außen vor.' Ich wollte ein paar Zeilen an meine Kinder schreiben, die mir wirklich alles bedeuten, in den buchstäblich mein komplettes Lebenselixier steckt. Die sind schließlich der einzige Grund, warum ich diesen Weg gehe, warum ich morgens früh aufstehe und hart arbeite, um was zu erreichen. Erst auf der Christmas Tour hab ich mich dann dazu entschieden, den Song auch auf das Album zu packen. Egal, ob der jetzt für manchen zu klischeehaft ist, oder nicht. Uns haben viele davon abgeraten, aber das war bei "Land Der Vollidioten" nicht anders. Wir haben einfach immer nach unserem Gefühl gehandelt, und das war dieses Mal genauso. Und glaub mir, jeder, wer im Kreissaal dabei war und die Geburt seines Nachwuchses miterlebt hat, fühlt und denkt genauso.

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Frei.Wild

In Brixen, Südtirol gründen im September 2001 die beiden Gitarristen Philipp 'Fips' Burger und Jonas 'Joy' Notdurfter zusammen eine Band. Als Fans von …

Noch keine Kommentare