laut.de-Kritik

Das beste deutsche Punk-Album aller Zeiten.

Review von

Wir studierten Punkrocker müssen uns zuweilen berufsbedingt hemmungslos betrinken. Nach dem elften Bier und einigen Schnäpsen (ich trinke gerne über den Äquator geschifften Aquavit) durchdrang mich eine Erleuchtung: Feeling B waren die beste deutsche Punkband aller Zeiten (BedePaZ). Im absolut nüchternen Bewusstsein aller zeitgeschichtlichen, politischen sowie musikalischen Faktoren: Ein Kombinat aus Berlin, unter der Fuchtel des besten Nichtsängers zwischen Moskau und Bielefeld, Aljoscha Rompe, festgehalten vom größten lebenden Casiokeyboardisten Christian "Flake" Lorenz und der punktgenausten Gitarre der Hauptstadt der DDR, Paul Landers, spielt bis heute allen Veröffentlichungen des Genres den Arsch ab. Zehn Jahre und drei Langspielplatten lang existierte, vegetierte und feierte der harte Kern zusammen vor wechselnden Trommlern; zuletzt saß Christoph "Doom" Schneider am Schlagzeug. 2007, da war Rompe schon sieben Jahre lang tot, angeblich erstickt im Wohnwagen neben einem Immobilienprojekt am Prenzlauer Berg, stellte Flake unbeaufsichtigt von Rompe die Restposten seiner Adoleszenz zu einem Nachruf namens "Grün & Blau" zusammen.

Einer mag gegen die Behauptung, "Wir Kriegen Euch Alle" sei das Opus Magnum dieser Superband, einwenden, der Erstling "Hea Hoa Hoa Hea Hea Hoa" von 1989 hätte den besseren Titel sowie die Großtreffer "Mix mir einen Drink" und "Artig". Geschenkt – weil das zweite Werk (1991) von vorne bis hinten Wahnsinn vorlegt. Unzuordenbaren, extrem tight gespielten und schlampigst gegrölten Irrsinn permanent an der Grenze zum kompositions- und produktionstechnischen Totalschwachsinn.

Fängt an beim Eröffnungstrack "Ich Such Die DDR". Die wahre Hymne der Landnahme namens "Wende" ist eigentlich ein damals schon sehr angestaubter Gassenhauer aus der Tschechoslowakei (Jiří Korn – "Yvetta"). Feeling B basteln daraus einen Abgesang auf ein wohl sehr lustiges Land mit Polkabläsern von der Bolschewistischen Kurkapelle und Uff-Ta-Beat: "In der UNO steht ein leerer Stuhl / darauf saß ein Mann aus Suhl". Im Refrain grölen folgerichtig alle durcheinander, weil zu viel politische Analyse nach zu vielen Tequilas, wie das Cover beweist, niemand ertragen kann. Danach hört man endlich Flakes genial billiges Digitalgedudel, das unter anderem davon ablenkt, dass es wirklich keine Bassgitarre gibt, dafür aber Landers Präzionsuhrwerk einer Metalgitarre, für die Al Jourgensen von Ministry bis heute töten würde. Paul Landers ist übrigens der erste und einzige deutsche Gitarrist mit einer eigenen Les-Paul-Signature-Gitarre; die "Les Paul Paul Landers Satin EB" erschien 2012.

"Every Night", ein Seemanslied aus dem Dreck der Straße, ist die einzige Nummer auf Englisch im Katalog von Feeling B, mit völligst erratischen Solos und Breaks wird Jello Biafra im Frohsinn geiler Zerstörung unterrichtet. Nummer drei mit dem schönen Namen "Dumdum Geschoß (Dumdum Bullet)" ist der zweite volkstümliche Hit auf der Scheibe, angereichert mit dem großartigen Merksätzchen "Denn manchmal geht im Leben / irgendwas daneben, / da platzt das Hirn und spritzt das Blut / und das tut dir nicht gut!". Wie beim Vorgängersong wechseln sich alle vorhandenen Instrumente kreativ ab, laden zum Pogen, Schädelkreisen und Mitbrüllen ein. Im Finale kommen Bomben und Laserstrahlen hinzu, weil Gewalt einfach extrem lustig ist vor'm Verbluten.

"You Can't Beat The Feeling" kommt wieder mit Blaskapelle daher, hier aber als eindeutiger Ska, zumindest bis Sekunde 25, dann als astreiner Hardcore. Eine kleine Demonstration dessen, dass man sich die verschiedensten Entwicklungen weltweiter Rauschmusik souverän zu verarschen weiß.

An dieser Stelle ein kleiner Einschub: Das Wort "Rauschdepp" bezeichnete einst, aus dem Bayrischen entlehnt, ein durch den Alkoholismus der Mutter bereits pränatal geschädigtes Kind. Der aus dem Schwäbischen entlehnte Terminus "Mostdepp" hingegen meinte ein bedauerliches Wesen, das einst auf den Feldern mit Fusel ruhiggestellt werden musste und so seinen Schaden fürs Leben davongetragen hatte. Auf Ost-Berlinisch nannte man den postnatalen, aus freien Stücken selbstgeschädigten "Rauschdeppen" einst "Slammer". Das "Slammern" war eine in speziellen Kreisen gängige Form zügigen Komasaufens unter Umgehung der Leber direkt ins Hirn, der gleichnamige "Slamersong" (sic!) preist dieses klassenversöhnliche Vergnügen und bewegt sich auf höchstem anthroposophischem Niveau aus Sekt und Doppelkorn.

"Izrael" gebärdet sich als Dub-Reggae-Nummer, in der Flake auf den Off-Beat orgelt, jeglicher Text ist völlig unverständliche Plärrerei. Ob es sich hier um ein höchst bewusstes Verwursteln von Rastafari-Mythen handelt (Babylon, Zion, Selassie), oder einfach nur um einen wirren Einfall aus dem Proberaum, sei dahingestellt - kein Highlight, aber nicht schlecht. Der Song schaffte es immerhin zur Titelmelodie einer ordentlichen Musiksendung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

"Schlendrian" ist der heimliche Überhit auf "Wir Kriegen Euch Alle". Flake erkannte das und mixte ihn auf "Grün & Blau" noch mal, weil die Originalversion leider sträflich versaut ist durch eine zu laute Gitarre und zu viel Blechbläserei und sogar Schalmei. Aljoscha, den man hier schlecht hört, röhrt seinen filterdünnen lyrischen Tenor am Limit, gibt ordentlich Schmalz und künstliches Vibrato dazu: "Ich geh meinen Schlendrian und trinke meinen Drink / wenn ich nicht bezahlen kann / so wird der Wirt gelinkt, sollte auch mein Glas in tausend Scherben trümmern, so hat sich doch kein Mensch, kein Mensch darum zu kümmern!". Das Lied aus B. Travens "Totenschiff" war eine heimliche Ostberliner Hymne, die andere Legende des Prenzlauer Bergs, Freygang, trauten sich erst Jahre nach Rompes Tod, eine eigene Version zu veröffentlichen. Es wird geraunt, Feeling B hätten 1993 mit dem Nachfolgealbum "Die Maske Des Roten Todes" das Genre Mittelalter-Metal erfunden, das In Extremo (Berlin), Tanzwut (Berlin) und Subway To Sally (Potsdam) nun bald 30 Jahre lang nahrhafte Ursuppe ist. Schon die Bridge in "Schlendrian" bereitet dieses Alleinstellungsmerkmal deutscher Festivals mit bösem Getröte vor. Genauso "Hopla He", eine Hymne auf die christliche Seefahrt beim Absaufen.

Bei "Soviel Was Ich Sah" handelt es sich um ein lustiges Lied über Schizophrenie (Live-Version), bei "Schampuu-Schaum" um eines über Dekadenz und Schaumwein, bei "Du Findest Keine Ruh" um eines über Unruhe, "Finale" ist eine Interpration des Brecht-Weill-Klassikers "Denn Wovon Lebt Der Mensch?" aus der Dreigroschenoper. "Unter Dem Pflaster" macht noch einmal klar, wie eigenständig der Sound von Feeling B war. Gecovert wird ein Lied der Hamburger Hippie-Frauengruppe Schneewittchen, und was daraus entsteht ist irgendwo zwischen Indierock, Hardcore und Dub angesiedelt, dabei schlängelt wieder die Schalmei im Hintergrund.

Feeling B inszenieren das unvergleichliche Destillat ihrer Lebensfreude, ihres unfrustigen, betont unbedeutenden Daseins völlig autochthon auf Weltniveau. Weder Die Ärzte noch Die Toten Hosen erreichten jemals diese singuläre künstlerische Qualität. Weder Chaos Z noch Vorkriegsjugend noch OHL vermittelten mit ihrer vulgären Systemfickerei einen glaubwürdigeren, mitreißenderen Antikapitalismus.

Alles endet mit der "Revolution 89", und den Beatles – alles Arschlöcher, macht nichts, die Welt ist vorbei, Bier, Bier, Bier. Die Bundeszentrale für politische Bildung sagt "friedliche Revolution" dazu. Das beste deutsche Punk-Album aller Zeiten gibt es aktuell weder im Laden zu kaufen, noch auf den gängigen "offiziellen" Plattformen der Mikrogroschenvergütung via Streaming. Weil das alles irgendwie schön ist, und weil Feeling B ja in irgendeiner Form noch irgendwann diese Welt eroberten, darauf noch einen Schnaps: "Er ist so ein kleiner Mann / lebt in seinem Niemandsland / seine Träume, die er träumt / träumt er für niemand / Ich bin ein Arschloch / Du bist ein Arschloch / Wir alle sind Arschlöcher."

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Ich Such Die DDR
  2. 2. Every Night
  3. 3. Dumdum Geschoss
  4. 4. You Can't Beat The Feeling
  5. 5. Slamersong
  6. 6. Izrael
  7. 7. Schlendrian
  8. 8. Soviel Was Ich Sah
  9. 9. Hopla He
  10. 10. Schampuu-Schaum
  11. 11. II. Finale
  12. 12. Unter Dem Pflaster
  13. 13. Du Findest Keine Ruh
  14. 14. Revolution '89

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