laut.de-Kritik

Dieser Höllenritt erstaunt, verwirrt und verzückt.

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Auf dem Cover grasen Kühe, eines der Tiere steht auf der Sonnenseite, umgeben sind sie von Bergen. Ein Idyll? Ja, aber ein falsches, linkisches, denn die Farbtöne deuten an, dass hier was im Busch ist, dunkle Wolken, dunkle Gedanken, dunkle Realitäten. "Feet" heißt das Eröffnungsstück, der Disco-Beat trägt dem Rechnung, es ist so, als gelte es, davon zu rennen, Choräle machen es schwer. "Feet, don't fail me now", fleht Lias Saoudi.

"Serfs Up" ist das dritte Album der Fat White Family – und das beste bisher. Zu Beginn fielen die Briten vor allem mit Willen zur Provokation, zum plakativen Spaß an den Niederungen auf. Die Niederungen bilden immer noch die Grundpfeiler des Koordinatensystems – die steckt die Band nun aber mit einem Sound zwischen Doom, Glam und Gloom ab, mit diabolischem Post-Disco, reminiszentem Synthpop und atmosphärischer Schichtung von Zwiespalt und irdischer Doppelzüngigkeit.

"I Believe In Something Better", heißt es im zweiten Stück – und unter all den Geräuschen mag man das kurzzeitig glauben. "Serfs Up" ist mal sinistres Reisetagebuch, mal surreale bis zynische Skizzierungen und Überzeichnungen ("Tastes Good With The Money"). Es behandelt eine breite Themenpalette, zum Beispiel den Versuch eines wohlwollenden Blicks auf Kim Jong-un (dazu oszillieren die Synths herrlich schräg). Es schlängelt sich zu Hip Hop-Beats durch dunkle Hintergassen ("Fringe Runner"). Es bäumt sich zu grandiosem, anachronistisch-choralem Surf-Pop auf ("Oh Sebastian", eines der Highlights des Longplayers), ähnlich geglückt das Stück "Rock Fishes".

"When I Leave" ist dann ein Western, die Twang-Gitarren mäandern, man meint, alte italienische Meister des Filmsoundtracks zu hören. "Bobby's Boyfriend" ist verwischt sich zu guter letzt selbst im Geräusch, das musikalische Narrativ wird noch einmal dissonanter. "Grinding Stockwell sunrise, hardest to forget / I boldly go where most men have come and gone and left / There's a brand new kind of pain now / Calls behind your eyes its home / This one's on a crusade / Baby, the boundary is the bone", singt Sauodi.

Am Ende lässt einen "Serfs Up" gleichermaßen erstaunt, verwirrt wie auch verzückt zurück. 1a Höllenritt, das Ganze.

Trackliste

  1. 1. Feet
  2. 2. I believe in something better
  3. 3. Vagina dentata
  4. 4. Kim's sunsets
  5. 5. Fringe runner
  6. 6. Oh Sebastian
  7. 7. Tastes good with the money
  8. 8. Rock fishes
  9. 9. When I leave
  10. 10. Bobby's boyfriend

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LAUT.DE-PORTRÄT Fat White Family

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2 Kommentare mit 14 Antworten

  • Vor einem Jahr

    "A drug band with a Rock problem"

    Platte ist genial, spielt definitiv ganz oben mit in einem bisher ansonsten überwiegend mauen Jahr.

    • Vor einem Jahr

      "...überwiegend mauen Jahr."

      Großtaten sind mir bisher auch noch nicht aufgefallen.
      Musste bzgl. der Nilüfer Yanya Scheibe jubelpersern.
      Und zZt verzückt die erste Scheibe von Sloan Peterson.

      https://www.youtube.com/watch?v=rbP2PUKDDj0

      Die Fat White Family werde ich mir mal anhören.

    • Vor einem Jahr

      Nilüfer Yanya spielt für mich ebenfalls weit oben in diesem an musikalischen Höhepunkten so armen Jahr. Frage mich aber schon, ob mich das 2018 auch so gepackt hätte bei der damaligen Konkurrenz...

      Fat White Family auf "Serf's Up!" ist halt so ziemlich genau die Mucke, die üblicherweise entsteht, wenn eine mindestens 2/3-Mehrheit beliebiger Band- oder Projektmitglieder torques hier angerissenen Lebensstil - minus Natursekt, Blackmetal und Dayjob - zum persönlichen Lebensalltag macht und somit auch genau der passende Soundtrack für einen solchen Alltag. Oder eben eine gelungene Möglichkeit, um mal eben schnell aus dem eigenen Hamsterrad auszuscheren.

    • Vor einem Jahr

      Also doch alles beim Alten. Dachte, ich müsste auf Perlen im Stile von "Whitest Boy On The Beach" und "Goodbye Goebbels" verzichten.

    • Vor einem Jahr

      "Alles beim alten" zwar auch, ja, aber ganz eindeutig kompakter, griffiger... Ich würde sagen, dass es sicher auch musikalisch für Neueinsteiger sehr viel zugänglicher ist als die beiden Vorgänger...

      Das hat aber nur am Rande mit den inzwischen und vergleichsweise auch zahmer daher kommenden Songtiteln und Albumnamen zu tun, imho.

    • Vor einem Jahr

      Muss ich mir nachher mal genehmigen.

    • Vor einem Jahr

      In was für einem geistig-moralischen Zustand muss mensch sein, um diese Musik wertschätzen zu können? Bzw. was ist die Pointe? Ich raff es nicht.

    • Vor einem Jahr

      "If you don't believe drugs have done some good things for us do me a favour [...]"

      https://www.youtube.com/watch?v=_6hYe6FbA60

    • Vor einem Jahr

      Funktioniert auch wunderbar ohne Drogen, wenn man Soulis obige Beschreibungen im Kopf hat. :ill:

    • Vor einem Jahr

      Dieser Kommentar wurde vor einem Jahr durch den Autor entfernt.

    • Vor einem Jahr

      Platte ist übrigens super geworden. Klingt mehr wie ein Gesamtwerk als die Vorgänger.

    • Vor einem Jahr

      "Funktioniert auch wunderbar ohne Drogen"

      Ja, scheint aber mehr für die Zuhörer als für die Bandmitglieder zu gelten, Eingangspost war ein (vermeintliches) Selbstzitat der Band aus einer Printmedienrezi zu "Serf's Up!".

    • Vor einem Jahr

      Klingt super interessant, grade "When I leave" gehört und mehr als neugierig gemacht. Perfekt für den Samstagmorgen!
      Bezüglich musikalische Höhepunkte: Ein paar gute Sachen waren bisher schon auf meiner Liste, je nachdem welche Genre-Präferenzen man so hat...
      - Devin Townsend - Empath
      - Swallow the Sun - When a Shadow is Forced into the - Light (inklusive 'Lumina Aurea' auf Youtube!)
      - Cellar Darling - The Spell (Anspieltips sind der Titelsong oder Insomnia)
      - Hath - Of Rot and Ruin (Mischung aus Black-MeloDeath-Prog, teilweise mit Refrains die an CattleDecap erinnern).
      Für weitere Anspieltips wäre ich selbst auch dankbar :-)

    • Vor einem Jahr

      Whitechapel fällt mir auch noch ein.. Auch nen gutes Album und super Weiterentwicklung... Ist natürlich alles metallastig..

  • Vor einem Jahr

    Top Album, danke f d Hinweis @dottore

    Very trippy indeed, aber trotz entsprechender Schräge nie verstörend oder abstoßend, zudem sehr vielseitig. 5 gebe ich zwar nicht, weil mir dafür trotz vieler starker Songs noch ein richtiger Überhit fehlt, aber die Kapelle kann man mal definitiv im Auge behalten.