laut.de-Kritik

Der letzte Ausbruch aus dem goldenen Käfig.

Review von

Zum TV-Event des Jahres 1968, zumindest in den USA, ist im Prinzip schon alles gesagt. Zum 50. Jubiläum erscheint ein luxuriöses Paket, das denselben Inhalt bietet wie das auf 4 CDs zum 40., diesmal in Hochformat und um zwei CDs mit Schnipseln erweitert. Ob man dafür den 9-fachen Preis hinlegen möchte, ist eher eine Frage von Sammlerrausch als von Notwendigkeit.

Nett dagegen ist die Idee, die "Seated Sessions" abgekoppelt auf Vinyl herauszubringen. Das 50-minütige Fernsehprogramm bestand aus mehreren Abschnitten - einer davon mit Elvis und einigen Freunden, die in lockerer Stimmung miteinander frotzelten und musizierten. So locker die Stimmung vor Fernsehkameras, hauptsächlich weiblichem Publikum und einer Bühne, die einem Boxring ähnlich sah, eben sein konnte.

Tatsächlich hatte der King in der wenig ruhmreichen Phase seiner Hollywood-Karriere von 1961 bis 1968, in der er kein einziges Konzert gab und nur Soundtracks veröffentlichte, die Angewohnheit, nach den Tagen im Filmstudio mit seiner Entourage abzuhängen und auch mal zur Gitarre zu greifen. Die Memphis Mafia, wie er sie selbst nannte, war eine Gruppe treuer Freunde und Angestellter, die Elvis' Angelegenheiten erledigten und ihn von der Außenwelt abschotteten.

Regisseur Steve Binder versuchte also, das Private ins Öffentliche überzuführen, ohne die Spontaneität zu verlieren. Neben einem der Memphis Mafiosi schlechthin, Charlie Hodge an der Gitarre und Begleitstimme, war auch Alan Fortas (Perkussion) mit von der Partie. Spontan zerrte Elvis seinen alten Bekannten Lance LeGault auf die Bühne (später bekannt als Colonel Decker im A-Team) - so spontan, dass LeGault in ganz normalen Klamotten auftrat und nicht in einer roten Uniform wie die anderen.

Als nahezu genial erwies es sich, Elvis' Mitmusiker aus seinen ersten Jahren einzuladen, den genialen Gitarristen Scotty Moore und Schlagzeuger D.J. (für Dominic Joseph) Fontana, der hier mit seinen Stöcken aber nur auf einen Gitarrenkoffer klopfen durfte. Offen blieb der Platz des Bassisten. Bill Black, der sie damals begleitet hatte, war 1965 an einem Hirntumor gestorben.

Der große Star war natürlich Elvis in seinem hautengen schwarzen Lederkostüm mit prächtig sitzender, frisch gefärbter Tolle und gekräuselter Oberlippe. Um so blendend auszusehen, hatte er mehrere Wochen in der Sonne Hawaiis verbracht und sich 17 kg von seinem nicht mehr ganz so schlanken Körper herunter gehungert.

Dass er die bald wieder drauf haben würde, und dazu noch viele mehr, ist bekannt. Doch damals sah es tatsächlich so aus, als wäre er in den Ring gestiegen, um die Krone des größten Entertainers wieder an sich zu reißen. Und für einen Abend war er es tatsächlich. Auch wenn die Begleitung musikalisch zu wünschen lässt - Hodge drängt sich als Sidekick auf und so die Profis in den Hintergrund - gelingt es Elvis, gut gelaunt und stimmlich in Topform das Publikum zu begeistern. In der zweiten Session, die wie die erste am 27. Juni 1967 stattfand, führt jeder seiner Kommentare zu Kreischorgien, sehr zu seinem Vergnügen.

Die Tracklist setzt sich vor allem aus alten Stücken zusammen. Dass einige mehrmals wiederholt werden, "Baby What You Want Me To Do" gleich fünf Mal, ist dem Umstand zu verdanken, dass nur die beste Version in der Sendung ausgestrahlt werden sollte. Unnötig erscheint lediglich das abschließende "Memories". Die Klassiker wie "That's All Right", "Heartbreak Hotel" oder das nicht ganz ernst genommene "Are You Lonesome Tonight?" sitzen dagegen perfekt. Auch zwei Weihnachtslieder sind mit von der Partie ("Blue Christmas" und "Santa Claus Is Back In Town") - die Sendung war ursprünglich als Weihnachtsspecial konzipiert.

Sie wurde es nicht und bot stattdessen die Möglichkeit, den 'alten' Elvis wieder zum Leben zu erwecken. Ein Umstand, der den weiteren Verlauf seiner Karriere nur noch schlimmer erscheinen lässt. Mit seinem berüchtigten Manager, Colonel Parker, ging Elvis tatsächlich wieder auf die Bühne, doch in einem so großen Rahmen, dass für Moore und Fontana kein Platz mehr war. Moore hängte seine Gitarre für das nächste Vierteljahrhundert an den Nagel und arbeitete als Tontechniker, Fontana blieb ein gefragter Sessionman.

Für Elvis war das Comeback Special, insbesondere die informelle Akustik-Session, der letzte Ausbruch aus dem goldenen Käfig. Der Ring als Ort der Freiheit - ein ziemlich trauriges Bild.

Trackliste

Seite 1

  1. 1. That's All Right
  2. 2. Heartbreak Hotel
  3. 3. Love Me
  4. 4. Baby What You Want Me to Do
  5. 5. Blue Suede Shoes
  6. 6. Baby What You Want Me to Do
  7. 7. Lawdy, Miss Clawdy

Seite 2

  1. 1. Are You Lonesome Tonight?
  2. 2. When My Blue Moon Turns To Gold Again
  3. 3. Blue Christmas
  4. 4. Trying To Get To You
  5. 5. One Night
  6. 6. Baby What You Want Me to Do
  7. 7. One Night
  8. 8. Memories

Seite 3

  1. 1. Heartbreak Hotel
  2. 2. Baby What You Want Me to Do
  3. 3. Introductions
  4. 4. That's All Right
  5. 5. Are You Lonesome Tonight?
  6. 6. Baby What You Want Me to Do
  7. 7. Blue Suede Shoes
  8. 8. One Night

Seite 4

  1. 1. Love Me
  2. 2. Trying To Get To You
  3. 3. Lawdy, Miss Clawdy
  4. 4. Santa Claus Is Back In Town
  5. 5. Blue Christmas
  6. 6. Tiger Man
  7. 7. When My Blue Moon Turns To Gold Again
  8. 8. Memories

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1 Kommentar

  • Vor 11 Tagen

    Ja ist denn schon Weihnachten. Und schon kommt der King mit einer "neuen" CD für den Gabentisch. Da ich die alte Version sowohl auf DVD als auch auf CD besitze werde ich mir das nicht zulegen aber für alle anderen sei das wärmstens empfohlen wenn man das andere nicht schon besitzt