laut.de-Kritik

Dölls Weg aus dem Dreck ist Therapie und Selbsthilfe zugleich.

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"Weit Entfernt" hieß Dölls letztes Release 2014, eine EP, und man hatte sich schon damit abgefunden, dass sich dieser Titel auch auf ein mögliches Studioalbum bezieht. "Nie Oder Jetzt" ist nun tatsächlich sein Debütalbum. Der Weg dorthin war alles andere als leicht: Prekäre Verhältnisse, Spielsucht, Kriminalität, eine fehlende Vaterfigur und Scherben der Liebe bilden (leider) das Grundgerüst eines unheimlich atmosphärischen Albums. Intime Themen verpackt der Hesse so deep, dass man bei jeder Zeile mitfühlt.

"Für Den Fall" beginnt mit einer Whatsapp-Sprachnachricht, in der er die ersten Bars rappt und unter anderem den Kampf mit sich selbst skizziert. Nach der Frage "Mann, was machst du so lange, Döll?" setzt der Beat richtig ein, während Döll verrät, dass er zeitweise gar an ein Karriereende dachte. Dank des beherzten Eingreifens seiner Freunde und der Erkenntnis "Was ich kick', ist zu bös'" rappelte er sich wieder auf.

Dass ihm Fortuna in der Vergangenheit nicht hold war, spürt man beim Hören relativ häufig. In "Waldemar" handelt er seine Spielsucht ab und veranschaulicht auf simple, aber eindringliche Weise, wie schnell man in einen Teufelskreis gerät. Jeder, der schon mal in einem Wettbüro saß, kennt die Verlockung, zunächst eher auf die Favoriten und später auf die Underdogs zu setzen.

Lines wie "Noch vor 'nem Jahr hing ich beinah' an 'nem Strick" sind starker Tobak, doch es folgt die Erkenntnis, den Schulden und dem Hass besser einen dicken Mittelfinger zu zeigen. Dölls Tiefpunkte münden eventuell in einen zukünftigen Klassiker, wie er unfreiwillig selbst formuliert: "Wenn mich irgendwas mal überdauern sollte, ist es das."

Seinem Bruder Mädness widmet er nicht nur die Hook auf "Ich bleib", sondern fast den gesamten Song, denn dieser brachte ihn zum Hip Hop und stand ihm immer zur Seite. Ein Song für die berühmt-berüchtigte Bruderliebe. Selbst die Abrechnung mit der Ex und mit nicht genannten Labels ("Nie Oder Jetzt") gerät ungemein catchy. In "Héctor Lavoe" ehrt Döll den gleichnamigen puerto-ricanischen Komponisten, der mit zahlreichen Todesfällen von Angehörigen, Drogenproblemen und einem Label-Knebelvertrag konfrontiert war. Dennoch schließt der Song mit einem Toast auf sich und die Fans.

Bluestaeb, Dexter, Enaka, Gibmafuffi, Morlockko Plus, Nobody's Face, Sterio, Torky Tork und Yassin sind für den Sound von "Nie Oder Jetzt" verantwortlich. Neun Produzenten bei lediglich zwölf Tracks und einem Skit klingen im ersten Moment too much, doch stattdessen dürfte das homogene Konstrukt Hip Hop-Romantiker mit Vorliebe für Boombap, hallende Synthies und Samples mit der Zunge schnalzen lassen.

Außer Gibmafuffi (auf dem Skit "Halblegal") fehlen Features, was durchaus stimmig ist: Es geht hier um Dölls Weg aus dem Dreck und diesen Weg musste er einfach, so pathetisch das klingt, alleine bestreiten. "Seinen Weg gehen, macht nur dann Sinn, wenn man auch ein Ziel hat." Word up. Mithilfe der Texte sagt er das, was er mit Worten nicht geschafft hatte. Sie sind sein Schlüssel zur Aufarbeitung eines von Problemen gezeichneten Lebens. "Nie Oder Jetzt" ist somit Therapie und Selbsthilfe zugleich und mausert sich zum ersten Highlight des Deutschrap-Jahres, ja, zu einem der besten Debütalben seit Jahren.

Trackliste

  1. 1. Für Den Fall
  2. 2. All Day Pt. 1
  3. 3. Mann
  4. 4. Halblegal (Skit)
  5. 5. Sah Es In Mir
  6. 6. Ich Probier's
  7. 7. Héctor Lavoe
  8. 8. Nie Oder Jetzt
  9. 9. All Day Pt. 2
  10. 10. Waldemar
  11. 11. 64
  12. 12. Ich Bleib
  13. 13. Outro

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