25. Oktober 2018

"Die Hardcore-Fans tun mir leid"

Interview geführt von

Mit ihrer Version des Paul-Simon-Klassikers "Sound Of Silence" haben sich Disturbed ein Riesenpublikum auch diesseits des Mainstreams erspielt. Klar, dass die Band um Sänger David Draiman diesmal aufs Ganze geht.

"Evolution" ist für alle da – zumindest wenn's nach der Band geht. Die vergleicht ihr neues Werk gleich mit dem selbstbetitelten, auch als "Black Album" bekannten Metallica-Großwerk – zumindest wenn es um den kommerziellen Appeal und die Vielschichtigkeit geht. Auch wenn's einigen Alt-Fans vielleicht sauer aufstoßen wird, David Draiman selbst gefällt's dafür wirklich ausgesprochen gut, wie er beim Gespräch in einem Berliner Nobelhotel erklärt.

David, du hast "Evolution" im Vorfeld mit Metallicas "Black Album" verglichen.

Ja, der Vergleich scheint allen zu gefallen (lacht). Schau, als Rock- oder Metal-Band strebt einfach jeder danach, sein "Black Album" aufzunehmen. Das Album, das dich auf die nächste Ebene hievt, Türen niederreißt, dich zu dem Punkt bringt, von dem du geträumt hast. Ich denke, näher sind wir dem nie gekommen. Für mich ist das der kraftvollste, in sich geschlossenste und bewegendste Punkt, den wir in unserem Schaffen je erreicht haben. Ich denke, diese Platte kann die größtmögliche Menge oder Demographie an Leuten erreichen – zumindest von all den Platten, die wir bis jetzt gemacht haben. Ich denke, diese Chance besteht. Ich hoffe es.

Wann habt ihr mit der Arbeit zu "Evolution" begonnen – und mit welcher Einstellung seid ihr an die Sache rangegangen?

Wir haben nur wenige Monate nach dem letzten Tourzyklus zu schreiben begonnen. Wir hatten jahrelang darüber geredet, eine akustische Platte zu machen. Nach dem großen Erfolg von "The Sound of Silence" fühlten wir uns in dieser Sache ermutigter denn je. Wir hatten es immer im Hinterkopf, aber haben dann immer mit dem Heavy Stuff angefangen. Diesmal haben wir mit akustischen Songs begonnen – aber nach fünf Songs fühlten wir plötzlich wieder den Drang, etwas Elektrisches zu machen und zu sehen, wie die Stücke zusammenpassen würden. Es machte als ganzheitliches Werk einfach Sinn, im Geist von dem, was viele Classic-Rock-Bands damals gemacht hatten: sie nahmen dich mit auf eine Reise, eine Achterbahnfahrt. Genau das wollten wir erreichen.

Das "The Sound of Silence"-Cover hat euch ja nochmal in ganz andere Sphären gehievt und euch auch eine ganz anderen Publikumsschicht erschlossen – eine, die mit härterer Rockmusik sonst wenig anfangen kann. Hat euch das ermutigt?

Mit Sicherheit. Es zeigte uns, dass es die Leute lieben, solange der Song großartig ist. Es hat uns gelehrt, uns nicht zurückzuhalten, keine Paramater oder Limits zu akzeptieren. Es war sehr befreiend.

"Das Publikum hat sich schon merklich verändert"

Habt ihr bei den Live-Shows mitbekommen, dass plötzlich auch andere Leute im Publikum sind?

Ja, schon ein bisschen. Ich denke, das werden wir bei der nächsten Tour aber erst so richtig sehen. Als der Song so richtig populär wurde, waren wir in mitten der Festivalrunde, dann kamen wir mit Avenged Sevenfold nach Europa – aber nie so wirklich alleine. Ich denke, das Publikum ist bunter als je zuvor. Leute, die nie auf Metalkonzerte gehen würden, tauchen auf. Es hat die Größe und die Zusammensetzung des Publikums schon merklich verändert.

Wie habt ihr gearbeitet ? Wart ihr alle im selben Raum beim Schreiben?

Ja, genau so, wie wir das auch bei der letzten Platte gemacht hatten. Mit Ausnahme von ein oder zwei Songs, bei denen Danny mir die musikalischen Ideen schickte und ich schon etwas ausgearbeitet hatte, als ich ins Studio kam. Der Großteil wurde wirklich im Studio geschrieben, zuvor hatten wir nur die Gelegenheit von zwei Writing Sessions. Das passierte alles wirklich vor Ort.

War für euch der Flow der Platte von Anfang an klar – es wechselt ja munter zwischen massiven Rockern und Balladen hin und her.

Wir haben da schon etwas rum experimentiert. Wir wollten einen Flow, der sich richtig anfühlte. Du verschiebst Dinge, bis du dich am wohlsten fühlst. Irgendwann fühlte es sich natürlich an.

Wie testet ihr das? Macht ihr den Autoradiotest?

Überall. Zuhause, bei der Familie, Freunden, fremde Stereoanlagen, wir rasten da regelrecht aus. Wir vertrauen uns einfach selbst, wenn die Sachen uns bewegen und inspirieren, dann wird das im besten Fall auch bei allen anderen so sein.

Und seid ihr immer gleichermaßen bewegt – oder habt ihr Differenzen bei der Auswahl?

Oh, das passiert schon manchmal.

Und dann? Faustkampf?

Aber nein, nicht doch! Wir haben viel Respekt für einander. Klar, manchmal wird's hitzköpfig, aber wir sind eben leidenschaftlich, wenn es um Musik geht, so soll das ja auch sein, wenn sich kreative Menschen in einem Raum treffen. Da gibt's manchmal eben Meinungsverschiedenheiten. Aber man findet gemeinsamen Boden, Kompromisse – man will ja das tun, was für den Song am besten ist.

Wie lange habt ihr im Studio gebraucht?

Rein gegangen sind wir Mitte Januar, im April waren wir fertig.

Das ist eigentlich ein nicht allzu großer Zeitrahmen.

Ja, nicht wahr? Viele Bands würden sich ein Jahr Zeit nehmen. Die Sessions waren magisch. Jeden Tag in neue Richtungen zu gehen, neue Sachen zu erkunden – das war jeden Tag ein neues kreatives Abenteuer.

Ihr seid ganz ohne fertiges Material ins Studio gekommen?

Bis auf zwei, drei Gerüste entstand wirklich alles im Studio. Das war auch schon, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit beim Schaffensprozess. Es war eine geteilte Erfahrung – und so mögen wir es am liebsten. Wir haben das schon bei der letzten Platte wieder gemacht, diesmal aber noch intensiver.

Wo habt ihr aufgenommen?

In Las Vegas, bei unserem Produzenten Kevin Churko, dort hat er seine Homebase.

Habt ihr dort gewohnt?

Nein, wir sind hin- und hergereist. Wir haben alle Familien und Verpflichtungen, wir haben es einfach terminlich so gelegt, dass das machbar war. Als wir mit dem Schreiben fertig waren und es ans Drumrecording ging, wusste ich, dass ich eine Woche lang heim fahren konnte. Oder wenn die Band wusste, dass ich jetzt drei Tage lang Vocals aufnehme, wussten manche der Jungs, dass sie ruhig mal heim konnten. Beim letzten Mal haben wir die ganze Zeit zusammengelebt – dieses Mal war es ein Hin- und her.

War das leicht für dich? Das Touren hat ja viele Alltagsaspekte – das Reisen, das Warten etc. Aber im Studio zu sein ist ja auch eine Art kreative Blase. Kommst du leicht in den Alltagsmodus?

Leicht ist es nicht, aber es geht schon einigermaßen. Es braucht Zeit, ein bisschen Frieden und Gewöhnung, aber dann ist das schon okay.

"Der Großteil unserer Fans mag es heavy"

Um welche Themen geht's auf "Evolution"?

Die Platte beschäftigt sich mit diversen Aspekten von Tod, Verlust, Rebellion. Das sind die großen drei Themenkomplexe. Wir hatten schwierige Jahre – auch in unseren Privatleben. Es war ein guter Weg, zu heilen. In Sachen Rebellion musst du nur die Nachrichten anschalten und sehen, was in der Welt so passiert. Es gibt viel Grund, wütend zu sein – und es wird immer schlimmer.

Wenn es um private Turbulenzen geht, kannst du im Auge des Sturms schreiben oder brauchst du einen gewissen Abstand?

Das ist ganz verschieden. Manchmal hast du Glück und du kannst kurz nach einem solchen Ereignis bereits darüber schreiben – manchmal braucht es eine Weile, bis du es in einen Kontext setzen kannst und einen Sinn darin erkennen kannst.

Ihr habt eure Fans entscheiden lassen, welcher Song die erste Single wird.

Ja, das war Cliff Bernsteins Idee, einer unserer Co-Manager. Eine tolle Idee. Beim letzten Mal hielten wir die Session geheim, diesmal wussten unsere Fans von Social Media schon, dass wir verschiedene Stile vor hatten. Warum sie nicht einbinden? Das war toll.

Es wurde der Song "Are You Ready", ein Stampfer. Warst du überrascht von der Wahl der Fans?

Nein, ich habe das schon so kommen gesehen. Der Großteil unseres Fan-Kerns mag es heavy. Das habe ich schon erwartet – und das ist auch in Ordnung so.

Gerade Metal-Fans haben ja oft eine ganz dezidierte Idee davon, wie "ihre" Band zu klingen hat.

Oh ja, da kann ich dir ein Liedchen davon singen.

Habt ihr euch anhören müssen: "Warum seid ihr plötzlich so akustisch geworden" und sowas?

Nein noch nicht, weil es zu diesem Zeitpunkt noch niemand gehört hat. Das mag noch kommen, ich weiß nicht. Schau, die Hardcore-Fans, die das "leichtere" Zeug nicht mögen, die tun mir irgendwie leid. Man braucht im Leben verschiedene Geschmäcker – es kann nicht alles ein Schlag in die Fresse sein. Manchmal fühlt sich eine Streicheleinheit nach einem Schlag in die Fresse besser an – um die Haut wieder ein bisschen aufzuwecken.

Noch mal zurück zum "Black Album" – danach kamen "Load" und "Reload" und Metallica hatten Lust auf Blues-Rock-Riffs, Eyeliner , Zigarren und dergleichen.

Gott schütze sie, die dürfen das – sie sind schließlich Metallica.

Wie geht's bei euch weiter?

Wir können das noch nicht absehen. Wir sind diesmal einfach dorthin gegangen, wo uns der Tag hinbrachte. Da war kein Plan dahinter, keine Strategie. Wir wussten, dass alles möglich war. Ein Mandoline, eine Sitar, ein Didgeridoo? Wir haben mit allem experimentiert, mit allem, was uns inspirierte. Es war ein Abenteuer. Wir hatten über den Ort, wo wir hingingen, keine Diskussionen, keine Meinung, bis wir am Weg dorthin waren. Wir haben nicht viel darüber nachgedacht, wo es hingeht. Ich lasse mich vom Song einfach leiten.

Wie geht's dir, wenn du das Album jetzt hörst?

Ich kann es mir nicht anhören, ohne dass es mich völlig mitnimmt. Die Performances, die Songs, ich könnte nicht glücklicher damit sein. Ich weiß, das klingt komisch – aber es gibt nichts an dieser Platte, dass ich ändern würde. Ich liebe diese Platte wirklich sehr.

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2 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    Das Interview bestätigt doch das offensichtliche: nach dem Erfolg von Sound of Silence hat man Blut geleckt und man ist ganz bewusst den Schritt zu einer sich dem Massenpublikum anbiedernden Popband gegangen. Und hier offenbaren sich zum ersten Mal die starken Defizite im Songwriting. Die ist früher nicht wirklich ins Gewicht gefallen weil die Songs zumindest unterhaltsam waren. Sie waren schon früher nie sonderlich innovativ aber jetzt sind sie halt noch zusätlich belanglos und tun keinem weh.

  • Vor einem Jahr

    Die "harten" Songs aus dem Album find ich ganz gut -typisch Disturbed, halt leider ohne ein "sons of plunder", aber trotzdem gut.
    Das Problem der langsamen Songs ist, dass sie nicht an "Sound of Silence" rankommen oder Metalicas "nothing else matters" und ja, der Vorredner hat Recht... die Lyrics sind schwach...
    Ich verstehe den Schritt aber mit diesem Album verärgern sie sie alten Fans und mit diesen langsamen Songs werde auch keine neuen dazu kommen.
    Metalica hatte ein "Lightning in the bottle" dazu fehlt irgendwie die Klasse bei Distubed -obwohl ich die Band extrem mag.
    Bitte zurück zu den Wurzeln