laut.de-Kritik

Hosen hoch!

Review von

Ich hasse die Toten Hosen. Ich hasse Campino. Diesen Talkshow-Punk, der von Illner, zu Lanz, zum Sportstudio hüpft und seine Nase in jede Kamera hält, die nicht schnell genug ausschaltet. Wenn er nicht gerade mit "Hope Street: Wie ich einmal englischer Meister wurde" ein Buch über sein Leben als Fan des FC Liverpool schreibt, nimmt er Popakademie-Schlonz wie "Feiern Im Regen" oder "Wannsee" auf, der selbst einem Mark Forster zu seicht wäre. Schon beim Gedanken daran bekomme ich eitrige Pusteln.

Das war nicht immer so. Wie die Ärzte gehörten die Hosen fest zu meinem musikalischen Werdegang. Betrunken vom Leben und den ersten eineinhalb Bieren durch die nächtlichen Straßen taumeln und zusammen mit den besten Freunden "Bis Zum Bitteren Ende" komplett von vorne nach hinten und zurück grölen! Auf der Party der Ex im Jugendclub Seckbach den Campino geben, die Glasscheibe vom DJ-Pult zerdeppern und so - erst einmal - aus ihrem Leben fliegen! Wenn das nicht Punk war, was dann? Wohl so ziemlich alles andere. Aber das war egal. Ich fühlte es.

Doch am 23. April 1991 starb eben nicht nur Johnny Thunders, sondern auch der Punk im Herzen der Hosen. Man merkte es nicht sofort, doch nach und nach fraß es sich in ihre Musik. Nach ihrem Meilenstein "Ein Kleines Bisschen Horrorschau" von 1988 folgten immer wieder ein paar gute Songs, aber das Feuer war weg und der Weg führte langsam aber kontinuierlich nach unten. Mit "Tage Wie Diese" verstaubten sie dank der Fußball-EM 2012 endgültig zu nationalem Kulturgut.

Die Erwartungen an "Learning English Lesson 3: Mersey Beat! The Sound Of Liverpool" waren daher eher gedämpft. Die Hosen covern kurz vor Weihnachten ein paar tausendmal gehörte Klassiker? Ungehört 1/5, sollte klar sein. Der Verriss kitzelte bereits in den Fingern. Doch ganz so einfach war es nicht.

Teil drei der Serie verbindet bis auf den Engländer am Mikro, dessen Englisch seltsamerweise immer noch kaum deutscher klingen könnte, nur wenig mit den Vorgängern. Statt wegbereitender Punk-Songs singt die Band ein Loblieb auf den Mersey Beat. Gaststars müssen ebenso wie Janet und John diesmal draußen bleiben. Stattdessen hält eine unbeschwerte Nonchalance Einzug. Was einem Cover-Longplayer logischerweise zugute kommt: Kein einziges Lied haben die Toten Hosen selbst geschrieben. Voll schön. Besser als Gold. Dafür toben sie sich mit großartig ausgewählten Songs aus.

Diesen Evergreens nähern sie sich nicht etwa in lähmender Ehrfurcht, knüppeln sie jedoch auch nicht respektlos herunter. Während sie die Stücke für 36 Minuten sich ganz zu eigen machen, achten sie stets darauf, dass die Seele der Songs erhalten bleibt. Gleich "Hippy Hippy Shake" von den The Swinging Blue Jeans zeigt deutlich, wohin die Reise hier geht. Den alten Sound verbinden sie mit lebensbejahenden Punk. Verblüffenderweise versucht es Campino wie etwa in Gerry & The Pacemakers' obligatorischen "Ferry Cross The Mersey" mal nicht mit schreien, sondern mit singen. Manch einen Ton trifft er sogar. Man darf gerne selbst entscheiden, welche Variante des Frontmanns einem da besser gefällt.

Erst nach drei Tracks lassen die Düsseldorfer es mit "You're No Good" (The Swinging Blue Jeans) etwas entspannter angehen, rufen dabei die Schönheit des Songs in Erinnerung. Wenn wie in "She's Sure The Girl I Love" (The Fortunes) oder "Sorrow" (The Merseys) die Bläser ausgepackt werden, gibt dies dem Klangbild einen weiteren erfrischenden Farbtupfen. Das sich an der Beatles-Version festhaltende "Slow Down" zeigt deutlich, dass zwischen hier und einem "Blitzkrieg Bop" der Ramones nur ein kurzer Weg liegt.

Man hält sich kurz. Einzig "I Can Tell" knackt die drei Minuten-Grenze. Bemerkenswerterweise (oder glücklicherweise?) hat es die naheliegende FC Liverpool-Hymne "You'll Never Walk Alone" nicht in die Auswahl geschafft. Aber die hört man ja von Dortmund bis hin zum SSV Weilerswist 1924 mittlerweile eh überall.

Das Schöne an dem auf 7.500 LPs und 20.000 CDs limitieren Longplayer mit dem sperrigen Titel: Zeitweise klingt es nicht einmal im Ansatz nach den Toten Hosen und dann eben doch voll und ganz. Es führt zurück zur Energie ihrer Anfangstage. Durchweg spürt man die Freude, die die Band gelöst von irgendwelchen Erwartungen an Verkäufe im Studio hatte. "Learning English Lesson 3: Mersey Beat! The Sound Of Liverpool" schenkt eine Menge Spaß und erinnert zeitgleich daran, mal wieder ein oder sogar zwei Ohren auf die ollen Kamellen zu richten. Insgesamt viel mehr, als man von einem Tote Hosen-Album im Jahr 2020 erwarten konnte.

Trackliste

  1. 1. Hippy Hippy Shake
  2. 2. Respectable
  3. 3. Do You Love Me
  4. 4. You're No Good
  5. 5. She's Sure The Girl I Love
  6. 6. Walking The Dog
  7. 7. Bad To Me
  8. 8. Slow Down
  9. 9. You Might As Well Forget Him
  10. 10. Shake Sherry
  11. 11. Needles And Pins
  12. 12. I Can Tell
  13. 13. Sorrow
  14. 14. Shake, Rattle And Roll
  15. 15. Ferry Cross The Mersey

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12 Kommentare mit 12 Antworten

  • Vor einem Monat

    Campino ist so britisch wie der Tatort. Ungehört 1/5 wegen Musik und Düsseldorf.

  • Vor einem Monat

    Seit 2012 sind die Bonus-CDs zu den eigentlichen Veröffentlichungen immer die besseren Scheiben gewesen. "Die Geister, die wir riefen" als Beilage zu "Ballast der Republik", "Learning English Lesson 2" zu "Laune der Natur" und "Live im SO36" zum letzten Live-Album.
    "Mersey Beat" ist jetzt zwar als eigenständiges Werk erschienen, reiht sich aber in diese "Serie" ein.
    Das letzte ernstzunehmende Hosen-Album mit eigenen Kompositionen war 2008 "In Aller Stille".

    • Vor einem Monat

      Jo - "in aller Stille" war wirklich richtig gut. Lag möglichwerweise auch am Wechsel an den Drums. Zusammen mit "Kauf mich" jedenfalls eines meiner Lieblingsalben der Hosen. Danach kam nix hörenswertes mehr; abgesehen vom Unplugged im Wiener Burgtheater.

    • Vor einem Monat

      Der Wechsel an den Drums war bereits 1999 auf Unsterblich.
      Dass "In aller Stille" besser ist, als seine Vorgänger liegt glaub ich vor allem daran, dass Funny van Dannen als Co-Autor raus war, und deshalb solche Plattheiten wie "Walkampf" oder "Kein Alkohol..." außen vor geblieben sind. Die Platte ist angenehm kurz, ernsthaft und stellenweise sehr düster.
      In diesem Stil hätte man weitermachen sollen, statt der beiden letzten Schlager-Alben.
      An die Phase von "Horrorschau" bis "Opium fürs Volk" werden die Hosen wohl nie wieder heranreichen.

    • Vor einem Monat

      dem ist nichts hinzuzufügen!

  • Vor einem Monat

    Beste Band Deutschlands. Immer noch Punk, immer noch anti.