laut.de-Kritik

Darf er das? Meint er das ernst?

Review von

Der König tanzt und alles dreht sich. Schizophren, durchgeknallt, a lad insane. Geschminkt wie die Paul Stanley-Version des Bowie-Klassikers, dazu ein Outfit halb Alex aus "Clockwork Orange", halb Dirk Bach im Dschungelcamp. König Boris will verwirren. Darf er das? Ist das ein Experiment? Meint er das ernst? Und warum hat ihn niemand abgehalten? Der König gibt Rätsel auf.

Deren Inszenierung hakt leider an Boris Lauterbach höchstpersönlich. Kay Bee Baby wirkt einfach zu lieb, um überzeugend einen auf Keith Flint zu machen. Er geht nur den halben Weg, macht einen gehemmten Eindruck. In manch einem Interview, wie zuletzt bei Rouche & Böhmermann, scheint er sich seiner Sache schon gar nicht mehr so sicher. Wie ein kleiner Junge windet er sich um die immer gleichen Erklärungen.

In musikalischer Radikalität bleibt der Longplayer hinter der gewollt aufregenden Fassade des erratischen Königs zurück. Zum Mummenschanz gesellt sich ein Soundtrack, irgendwo in den frühen 1980ern verankert. Wer nur das erste Video kennt, schließt voreilig auf Deichkind. Die Paten von "Der König Tanzt" heißen aber vielmehr New Order, The Cure, XTC oder Gang Of Four, gepaart mit einigen Unsäglichkeiten des Synthie-Pops.

Die größte Parallele zum Yuppie-Jahrzehnt findet sich aber im Aufbau der Tracks. Kein einziger kommt ohne Refrain mit eingebauter Ohrwurmgarantie aus. Was auf den ersten Lauscher gut klingen mag, ermüdet auf Albumlänge schnell ungemein. Ein wenig klingt das Ganze, als hätten sich Mia nach dem schrecklichen "Tacheles" von ihrer nervtötenden Mieze getrennt und mit neuem Sänger ihre gelungenste Platte seit "Stille Post" aufgenommen.

Des Königs Texte sind eine Aneinanderreihung gesungener Tweets. "Ein Zimmer frei mit Blick auf Häuserwand." "Wir haben keine Meinung, nein wir haben Haltung." Dabei kommt das Wort "gesungen" bereits einer Übertreibung gleich. Doch Boris Lauterbach ist sich seiner Schwäche bewusst. "Wer guten Gesang hören will, dem empfehle ich das Gesamtwerk von Celine Dion". Wer zudem meint, dass guter Gesang einen Musiker ausmacht, soll dieses Bild weiterhin in Castingshows abfeiern. Immerhin steht er zu seinen bescheidenen Fähigkeiten am Mikro und nervt uns nicht mit AutoTune. Das ist doch heutzutage auch schon fast was.

Vom irritierendem Video getrennt, bleibt die Vorab-Single "Alles Dreht Sich" nur ein zerzauster Versuch, "You Spin Me Right Round" von Dead Or Alive auf einer Bontempi-Orgel nachzuspielen. Doch nur "Wunderbare Zeiten" hält den befürchteten Peinlichkeitsfaktor mit Ugga-Agga-Gegröle und NDW-Zitaten aufrecht. Dazu ein Chorus, der an die unsäglichen Böhsen Onkelz erinnert. "Ich will alles für umsonst / und ich will alles kaufen / der Teufel der scheißt / auf den größten Haufen." Bei diesem Track muss der Teufel Magendarmgrippe gehabt haben.

Doch der Gedanke, dass "Der König Tanzt" mehr zu bieten hat, wächst langsam und stetig, manifestiert sich im Titeltrack, vielleicht dem besten A Fock Of Seagulls-Song seit 1984, mit Sicherheit der beste dieses Albums. "Voller Anmut und Eleganz", so schön gestrig, so schön verträumt. "Es fühlt sich fast wie Schweben an." Der sehnsüchtige Blick zurück in "Nur Für 1 Tag" (Sorry, aber ... Nur für eins Tag?!?), unterlegt mit funkelndem Bass und schwindeligen Keyboards, kombiniert die Zutaten der Platte punktgenau. Das gleiche gilt für "Foto", eine vertonte Reminiszenz an die gute alte Ritsch-Ratsch-Kamera, das den Zustand einer Fotografie mit einer Beziehung gleichsetzt.

Wäre nicht der ewige Zwang zum großen Mitsing-Refrain, die The Cure-Werdung des König Boris vollendete sich in "Niemals Zu Stein". Unter dem strengen Korsett der immer gleichen Struktur leiden vor allem Lieder wie "Katzengold", "Holidays Im Krieg" und "Häuserwand".

Komischerweise gibt es trotz all den vielen berechtigten Kritikpunkten kaum ein Projekt oder Album, das mich momentan in seiner Zerfahrenheit mehr fasziniert. "Der König Tanzt" balanciert an der Klippe zum Scheitern und mehr als einmal geht er diesen einen Schritt zu weit. Trotz allem liegt in dieser zur Schau gestellten Gaukelei eine Zerbrechlichkeit, die man in der sonst so durchgeplanten Musiklandschaft selten findet. Wenn das Volk auf "Der König Tanzt" auch keine Brioche zu essen bekommt, dann doch wenigstens ein Fettes Brot.

Trackliste

  1. 1. Alles Dreht Sich
  2. 2. Nur Für 1 Tag
  3. 3. Der König Tanzt
  4. 4. Foto
  5. 5. Häuserwand
  6. 6. Katzengold
  7. 7. Schwanenteich
  8. 8. L.U.C.I.
  9. 9. Holidays Im Krieg
  10. 10. Niemals Zu Stein
  11. 11. Der Stoff Aus Dem Die Träume Sind
  12. 12. Wunderbare Zeiten

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