laut.de-Kritik

Mit Herz, Verstand und mit Vergnügen.

Review von

"Die neuesten Abenteuer der coolsten Kinderband der Welt", verspricht "Helikopter" gleich zum Auftakt. Anspruch: steht. Status: zementiert. Es kann also los-, respektive nahtlos weitergehen. "Wir lassen euch nicht los, dafür sind wir nicht bereit."

Warum sollten sie auch? Längst haben Deine Freunde ihre Zielgruppe - Kinder im Vor-Teenie-Alter samt ihren Eltern - gefunden und ihr Konzept perfektioniert. Das Erfolgsrezept wirkt so simpel, dass sich beim inzwischen fünften Album des Trios die Frage noch heftiger als zuvor aufdrängt. Eine Frage, die ich vielleicht noch nicht hundert-, bestimmt aber schon viermal formuliert habe: Wieso macht das eigentlich kaum einer nach?

So schwer klingt es doch gar nicht. Im Grunde gehorcht das Oeuvre von Deine Freunde nur drei goldenen Regeln:

* Nimm' dein Publikum ernst.
* Erzähl' von Dingen, zu denen alle Beteiligten, Sender- wie Empfängerseite, einen Bezug haben.
* Hab' Spaß.

Alles andere wirf über den Haufen. Niemand braucht pädagogische Zeigefinger. Oder Genregrenzen. Die gängigen Übereinkünfte darüber, was man Kindern zumuten kann, darf, sollte, erweisen sich oft genug auch eher als Mumpitz. Deine Freunde machen Songs, wie jedes Kind der Welt aufwachsen dürfen sollte: mit Herz, Verstand - und mit Vergnügen.

Entsprechend birgt auch "Helikopter" wieder handwerklich astrein produzierte Tracks mit dem gemeinsamen Nenner "pumpende Bässe + catchy Hook". Ob diese Gleichung am Ende Rap ausspuckt oder - wie "Der Wasserhahn Tropft" - straight Techno: scheißegal. Flackernden Videospiel-Sound gibts in "Wieder Deine Freunde", fast schon klassischen Elektroboogie in "Cheese". "Die Sirene" spielt mit Trap-Ästhetik, "Skrrrr!" "Wenn Der Hausmeister Kommt", kommt auch ein Schreihals in bester Fat Man Scoop- oder Tony-Damager-Manier, während "April, April" Falco von den Toten aufweckt.

Moment mal. Falco? Den kennen die Kids doch gar nicht mehr, und wie es bei der "Elternvertreterwahl In Der Kita" abgeht, dürften sie auch kaum wissen. Macht aber nix: Deine Freunde richten sich schon lange nicht mehr nur an die ganz Kleinen, sondern nehmen auch deren Eltern mit. Ihre Texte funktionieren so oft - ähnlich wie bei Asterix oder der Muppet Show - auf mehreren Verständnisebenen. Aus Kinder- wie Eltern-Perspektive lassen sich unterschiedliche Details entdecken: perfekte Familienunterhaltung.

Vieles sorgt für Heiterkeit, manches regt zum Nachdenken an, und da, wo einer etwas nicht oder missversteht, gibt es gleich Gesprächsstoff. Über den Schwachsinn in einer Phrase wie "Früher War Alles Besser" nachzudenken, schadet wirklich niemandem, egal, wie alt er oder sie ist.

"Kater Vs. Vollzeitrausch" erscheint inhaltlich zwar wenig originell. Songs, in denen Eltern erzählen, wie komplett doch so ein Baby das Leben auf den Kopf stellt, gibts tatsächlich wie Sand am Meer. Trotzdem: Zuzugeben, dass so ein Kind nicht immer nur eitel Sonnenschein bedeutet, sondern auch Schlafmangel, Zweifel und komplette Überforderung mit der neuen Situation, das Eingeständnis, dass die Eltern nicht immer und überall unerschütterliche Leuchttürme der Selbstsicherheit verkörpern, kann einem offenen, verständnisvollen Miteinander im Familienkreis nur zuträglich sein.

Genau dafür ist "Helikopter" gemacht: für das Miteinander im Familienkreis. Genau da funktioniert es auch, obwohl Musik, die sich explizit an Kinder richtet, normalerweise kaum bis gar keine erwachsenen Fans hat. In aller Regel nervt Kindermusik in ihrer lieblosen, intellektuell armseligen Machart wie Sau, auch wenn sie damit vielleicht tatsächlich aufs Leben vorbereitet. In "erwachsenen" Chartsrealitäten sieht das ja kaum besser aus.

Interessantes Thema für eine Langzeit-Studie, eigentlich: Ob sich eine Generation, die mit Deine Freunde heranwuchs, später auch so leicht und widerspruchslos mit generischer Fließband-Mucke und Textplattitüden im Horoskop-Style abfüttern lässt? Ich hoffe, nicht. Ich hoffe auf heftigstes Aufbegehren gegen den Mainstream-Mumpf. Die Voraussetzungen für eine in musikalischer und lyrischer Hinsicht goldene Zukunft waren jedenfalls nie besser. Diejenigen, die sie in Händen halten, haben gezeigt bekommen, dass es auch anders geht.

Trackliste

  1. 1. Helikopter
  2. 2. Wieder Deine Freunde
  3. 3. Cheese
  4. 4. Jedes Mal
  5. 5. Das Lied Vom Abholen
  6. 6. Elternvertreterwahl In Der Kita
  7. 7. Aua
  8. 8. Die Sirene
  9. 9. Früher War Alles Besser
  10. 10. Saymalaise
  11. 11. Kater Vs. Vollzeitrausch
  12. 12. Wenn Der Hausmeister Kommt
  13. 13. April, April
  14. 14. Der Wasserhahn Tropft
  15. 15. Noch Nicht Fertig

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