laut.de-Kritik

Der Soundtrack zu einem göttlichen Film.

Review von

"Wir stellten fest, dass wir unsere musikalischen Visionen limitiert hatten, indem wir uns auf Gitarre, Bass und Schlagzeug verlassen haben. Diese Instrumente reichten nicht aus, um viele der Dinge auszudrücken, die wir hörten. So haben wir klassische Musiktheorie im Allgemeinen und Barock-Musik im Speziellen erlernt, die sich auf den Kontrapunkt konzentriert. Wir beschlossen also, klassisch zu arbeiten und benutzten klassische Instrumente und Samples."

So läuft es manchmal. Man muss sein Oberstübchen zuweilen von allzu vertrauter Eingefahrenheit befreien, um neuem Denken und neuen Ansätzen Platz zu machen. Lisa Gerrard und Brendan Perry, die Köpfe hinter Dead Can Dance, zogen aus dem obigen Zitat die richtigen Schlüsse und befreiten sich mit "Within The Realm Of A Dying Sun" von allen Fesseln. Waren auf dem Vorgänger "Spleen And Ideal" noch klassische Rock-Instrumente zu vernehmen, werfen sie diese (vorübergehend) in die Mottenkiste, um einen ganz neuen Klang-Kosmos zu entwerfen.

Den dualen Ansatz, mit Gerrard und Perry als federführende Kreativlinge, die sich beim Songwriting und den Arrangements perfekt ergänzen, durchbrechen die beiden mit der Aufteilung des Albums. Diese ist noch dem Vinyl-Format geschuldet: Perry übernimmt die erste Seite und dominiert mit seiner sonoren, und doch jugendlich klingenden Stimme, wohingegen Gerrard die B-Seite bestreitet. Die Produktion übernahm John A. Rivers (The Specials, Ocean Colour Scene) im Verbund mit Perry und Gerrard. Das Trio zieht auf diesem Album wahre Soundwände hoch, die den Hörer schon vom ersten Ton an in den Bann schlagen.

"Anywhere Out Of The World" macht den Anfang. Nach glockenklaren Tönen zu Beginn hält dräuende Düsternis Einzug. Brendan Perry singt wie ein gefallener Engel poetische Zeilen, die genau zur Schwermut des Tracks passen. Schon der zweite Track "Windfall" charakterisiert das komplette Album: Sanfte Flötenklänge, sirrende Synths und ein düsterer Bass erzeugen eine unglaublich intensive Soundtrack-Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann. Wer hier nicht augenblicklich ein ausuferndes Kopfkino fährt, hat wahrscheinlich mit Fantasie eine ähnlich enge Bindung wie eine Kuh zum Seilhüpfen.

Die Musik von Dead Can Dance wirkt wie ein idealer Katalysator, um Bilder vor dem inneren Auge entstehen zu lassen. Dieses Element zieht sich nahtlos durch die restlichen Tracks. Von Perrys Beiträgen sei hier noch das prachtvolle "Xavier" erwähnt, das sich um die fiktive Person Rosanna Xavier dreht. Das im Stakkato angeschlagene Cembalo gibt den unbarmherzigen Takt vor, während Perrys Stimme einmal mehr eine wohlig warme Bandbreite offenbart. Pure Dramatik, die sich nach sechs Minuten in einem Fade Out verabschiedet, der hier ausnahmsweise einmal nicht deplatziert wirkt.

Pauken und Trompeten läuten den Beginn der zweiten Seite ein. "Dawn Of The Iconoclasts", die Dämmerung der Bilderstürmer, prägt eine von Hysterie und Wahnwitz gekennzeichnete Stimmung, passend zum Thema des Songs. Gerrard deutet hier recht gut an, was sie mit ihrem Organ alles zu zaubern imstande ist. Aber eigentlich fungiert der recht kurze Opener des zweiten Teils nur als Aufwärmübung für "Cantara", in dem sie im perkussiveren Part mit ihrer unglaublichen Altstimme sämtliche Register zieht. Im Gegensatz zu den depressiven Stücken spielt Lisa hier die Rolle einer Schamanin, die sich in Rage tanzt und kaum mehr in ihrem eigenen Körper zuhause zu sein scheint.

Mit "Summoning Of The Muse" kehren Dead Can Dance einmal mehr ihre Vorliebe für sakrale Klänge hervor. Gerrards mehrstimmige Intonation beschwört unweigerlich Bilder von kirchlichen Prozessionen herauf. Aber Obacht! No one expects the Spanish Inquisition! Im abschließenden "Persephone (The Gathering Of Flowers)" bombastet es munter weiter. Die im Songtitel besungene Naturgottheit erhält ihren mit der richtigen Dosis Pathos ausgeschmückten Score.

Nach diesem Album war weder für Fans der Band, noch für Perry und Gerrard noch irgendetwas wie zuvor. Der musikalische Erzählfaden, der sich durch das Album zieht, macht "Within The Realm Of A Dying Sun" zu einem göttlichen Soundtrack zu einem Film, der erst in deinem Kopf Gestalt annimmt. Kein Wunder, dass sich die beiden in der Folge vor Aufträgen aus der Filmindustrie kaum retten konnten.

Der Name Dead Can Dance war hiermit etabliert als Synonym für zwei kreative Alleskönner, die Grenzen verschoben, Stilvorstellungen von Musikhörern aufweichten und bis heute ihr so ganz eigenes Ding fahren. Nachfolgende Alben reichten zwar nie so ganz an diese Pionierleistung heran, aber eine Ausnahmestellung innerhalb des Musikbusiness' besitzt das Duo nach wie vor.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Anywhere Out Of The World
  2. 2. Windfall
  3. 3. In The Wake Of Adversity
  4. 4. Xavier
  5. 5. Dawn Of The Iconoclast
  6. 6. Cantara
  7. 7. Summoning Of The Muse
  8. 8. Persephone (The Gathering Of Flowers)

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LAUT.DE-PORTRÄT Dead Can Dance

Der Name Dead Can Dance steht seit 1981 für musikalische Evolution, Tiefe, Mystik und das Suchen nach vielfältigen Ausdrucksformen. Lisa Gerrard und …

9 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    Interessante Wahl. Die Musik von Dead Can Dance und ihre Melange aus Klassischer, Mittelalter- und Weltmusik plus New Age und Dark Wave ist schon sehr einzigartig. Schwer ihr Schaffen an einem Album festzumachen, aber ich hätte wohl "Into the Labyrinth" vorgeschlagen, weil sie damit auch eine Mainstream-Hörerschaft erreichen konnten, was bei dieser Art Musik gewiss keine Selbstverständlichkeit ist.

  • Vor 2 Monaten

    ja absolut verdienter Meilenstein. Mein liebstes von ihnen.

  • Vor 2 Monaten

    Mein Favorit ist aufgrund der faszinierenden Ethno-Klänge und der schon beinahe posititiven Grundstimmung ja "Spiritchaser", aber "Within The Realm Of A Dying Sun" stellt durchaus ein erhabenes, dunkles Kontrastprogramm zu dem Werk dar. Im Grunde genommen gibt es einfach kein schlechtes Album von Dead Can Dance.