29. August 2007

"Klassik ist doof!"

Interview geführt von

Seit vergangenem Freitag steht sein Major-Debüt "Noema" (Sony/BMG) in den Läden. Anfang September geht David Orlowskys Klezmorim auf Tournee. Gründe genug, den neuen Stern am Klezmer-Himmel auszuquetschen.Astor Piazzolla gehört zum Tango Nuevo wie Giora Feidman zum Klezmer. "Wir telefonieren ab und zu und ich würde Ihn als meinen musikalischen Vater bezeichnen", sagt Orlowsky über die Ikone jüdischer Musik. Er selbst fühlt sich zwar seinem Erbe verpflichtet, sein Slogan im Zeichen musikalischer Globalisierung lautet jedoch: Tradition heißt, das Feuer weiter zu tragen und nicht die Asche anzubeten! David Orlowsky über Giora Feidman, Kammerweltmusik, Michael Jackson und den neuesten Kinotipp.

Lieber David, es mag vielleicht etwas seltsam anmuten, folgende Frage zu stellen. Da deine Karriere mit deinem Albumdebüt "Noema" aber gerade so richtig in Schwung kommt, sei sie erlaubt. Wer bist du und was machst du?

Ich bin David, 26, und spiele Klarinette. Mit meinem Trio Klezmorim bringe ich im Moment die vierte CD (allerdings Majordebüt) raus. Unsere Musik könnte man als Kammerweltmusik beschreiben: Ursprüngliche Inspiration war Klezmer, dann kamen auch Balkan- und Jazzeinflüsse - Bassist Florian Dohrmann kommt aus dem Jazz - dazu. Da Jens-Uwe Popp (Gitarre) und ich klassisch ausgebildet sind, hatte das ganze immer eine stark kammermusikalische Note. Die Band funktioniert wie ein Streichquartett, was Arbeitsweise und Klangnuancierung betrifft. Ansonsten gehe ich gerne ins Kino ...

Was meinst du mit: "Die Band funktioniert wie ein Streichquartett, was Arbeitsweise und Klangnuancierung betrifft"?

Wir proben ähnlich wie ein Streichquartett, jeder hat gleiches Stimmrecht, es geht sehr demokratisch zu. Außerdem lieben wir das Spiel mit Klangfarben und Nuancen. Für ein Streichquartett ist Klangfarbenreichtum ein absolutes Qualitätsmerkmal, da die Instrumente alle eine ähnliche Form der Klangerzeugung haben und man für die unterschiedlichen Klangfarben ein stärker eingeschränktes Spektrum hat als z.B. ein Sinfonieorchester. Da machen die Feinheiten die Musik. Es geht weniger darum, WAS man spielt, als vielmehr darum, WIE man es spielt. Das ist auch unser Ansatz.

Du sagst, deine ursprüngliche Inspiration war Klezmer. Das Wörtchen "ursprünglich" verweist darauf, dass das schon eine Weile her ist ..., du also im besten Pubertätsalter warst. Wann hat dich die Klezmer-Muse geküsst und wie kam es zur großen Liebe David Orlowsky - Klezmer?

Eigentlich war ich ja Schlagzeuger. Klarinette habe ich erst drei Jahre nach dem Schlagzeug angefangen. Das Schlüsselerlebnis war ein Konzert mit Giora Feidman, zu dem mich meine Mutter mitgenommen hat. Eigentlich wollte ich gar nicht mit ("Klassik ist doof!"), aber nach der ersten Note war ich begeistert. Meine Mutter hat mir dann in weiser Voraussicht Noten gekauft und so habe ich nach einem Jahr lustlosen Klarinettespielens (Ich war am Anfang so unmotiviert, dass mein Lehrer mich schon rausschmeißen wollte) angefangen, zu üben. Ein Jahr später habe ich Giora dann auf einem Workshop kennen gelernt.

"Giora Feidman hat mich auf die Bühne geholt ..."


Dieses Understatement ehrt dich, aber ich weiß, dass es bei Weitem mehr war, als nur "auf einem Workshop kennen gelernt". Wie ging eure Beziehung weiter und wie sieht sie heute aus?

Na gut: Er hat mich danach gelegentlich bei seinen Konzerten auf die Bühne geholt und wir haben ein zwei Stücke zusammen gespielt. Das war als 16 Jähriger ein ziemliches Erlebnis. Ich würde Ihn als meinen musikalischen Vater bezeichnen und so sieht das Verhältnis auch heute aus. Wir telefonieren ab und zu und er hilft mir manchmal bei Vertragsfragen, er hat schließlich jede Menge Erfahrung.

Du bist 26, telefonierst ab und zu mit Giora Feidman und veröffentlichst im Augenblick dein Majordebüt. Wie fühlt es sich an, mit 26 bei Sony/BMG unter Vertrag zu stehen, überschwängliche Kritiken und eine stetig wachsende Fangemeinde zu haben?

Wie viele Leute unsere Musik hören, weiß ich zwar nicht, aber dieser Plattenvertrag wird hoffentlich dazu beitragen, mehr Leute zu erreichen. Insofern fühlt es sich an, wie eine große Chance.

Eine Chance auf was? Was erwartest du von "Noema" und was wäre dein kühnster Traum?

Eigentlich leben wir unseren Traum schon: wir spielen schöne Konzerte, arbeiten mit unglaublichen Leuten zusammen, bringen CDs raus, Leute können unsere Stücke als Noten kaufen und spielen ... und zu der Chance: Unser Mandolinist sagt immer: "I love my work! The only thing is: I would like to have more of it!"

Nochmal zurück zu deiner Jugend. Hast du damals auch Punk, Alternative, Hip Hop oder einfach Popmusik gehört, wie die anderen Jugendlichen auch?

Punk vielleicht nicht, aber sonst habe ich das alles gehört und mach das auch heute noch. Ich höre viel Björk, Radiohead, Chili Peppers, Michael Jackson ...

Du bist ja mutig, dich im Jahr 2007 als Michael Jackson Fan zu outen ...

Wieso? Ich habe zwar keine Poster im Zimmer hängen, aber er ist im Popbereich definitiv einer der besten Sänger und Tänzer. Was Phrasierung, Groove und Produktion angeht hat er meines Erachtens Musikgeschichte geschrieben. Es gibt wenige Künstler, dessen Alben aus den 80er Jahren man sich heute noch ohne Gelenkschmerzen anhören kann, außer ihm. Er ist Perfektionist, und das finde ich schon mal sehr sympathisch.

Du betonst den Perfektionisten. Bist du auch von dieser Sorte?

Was unsere Musik angeht sind wir alle drei schon ziemlich besessen, verbringen Wochen beim Schneiden im Studio, feilen an Arrangements, Sounds, beraten über Mikrofone etc. Besonders ich muss überall meine Finger drin haben, ein bisschen ein Kontrollfreak bin ich schon.

Und wer fällt dir zu gelenkschmerzfreien Alben/Bands noch ein?

Ganz wichtig in Sachen geniale Produktion: Dire Straits und Police.

Zurück zur Gegenwart. Kennst du das hervorragende amerikanische Jazztrio The Bad Plus. Die nehmen sich u.a. Titel von Radiohead, Nirvana, Black Sabbath und Abba vor, und drehen sie durch den Jazzwolf. Die Ergebnisse sind immer kreativ, witzig, höchst virtuos und es handelt sich definitiv um hochkarätigen Jazz ...

Den Namen kenne ich, habe die Musik aber noch nie gehört.

Macht nichts, denn wenn wir grad beim Thema sind: Apropos Amerika! Muss ich eine Frage stellen oder weißt du auch so, auf was ich anspiele ...

Ab Januar 2008 werde ich bei Charles Neidich an der Manhattan School of Music studieren (Klassische Klarinette). Das wird sicher super!

"Wir können es kaum erwarten"


Herzlichen Glückwunsch. Dort wirst du sicher auch The Bad Plus über den Weg laufen … Aber lass uns in der Gegenwart bleiben. Ihr geht ab 29. August auf Tournee. Freust du dich, Noema live präsentieren zu dürfen?

Na klar, wir können es kaum erwarten! Das wird sicher eine schöne Zeit, wir verstehen uns ja glücklicherweise auch so sehr gut und die Stimmung auf Tour ist eigentlich immer sehr lustig. Und dass es mehr Spaß macht, für Menschen zu spielen, als für Mikrofone, ist ja wohl klar ...

Kannst du uns noch etwas über deine Band verraten? Wie und wo findet man Leute, mit denen man sich musikalisch ergänzt, sich gut versteht und eine Tourneezeiten verbringt? Wie habt ihr zueinander gefunden?

Floh und ich spielen seit neun Jahren zusammen, seit zwei Jahren ist Jens-Uwe dabei (davor hatten wir einen Jazzgitarristen). Floh habe ich in einem Studentenorchester kennengelernt, in dem ich Schlagzeug gespielt habe. Eine gemeinsame Freundin hat uns "verkuppelt". Jens-Uwe kennen wir über einen befreundeten Gitarristen, der ihn uns für eine CD Aufnahme empfohlen hat. Daraus wurde dann schönerweise mehr.

Und live: Geht ihr als Trio auf Tour oder habt ihr Gäste?

Wir sind meistens im Trio unterwegs, am 02.09. in Bochum sind Iveta Apkalna (Orgel) und Avi Avital (Mandoline), die auch auf der CD zu hören sind, dabei. Avi wird auch in Bremen (05.09.), Hamburg (06.09.), Lübeck (07.09.), Zürich (21.11.), Köln (22.11.), Stuttgart (23.11.) und Heidelberg (24.11.) dabei sein.

Ich werde euch in Konstanz erleben dürfen. In diesem Fall ohne Avi und Iveta. Darauf freue ich mich schon sehr, denn "Noema" lässt auf ein außergewöhnliches Konzertereignis hoffen ...

Ich möchte dich zum Abschluss gerne noch fragen, welchen Kinofilm du im Augenblick empfiehlst? Du hast am Anfang erwähnt, dass du gerne ins Kino gehst.

Ich bin ein Tarantino-Fan, also Death Proof. Ist aber sicher nicht jedermanns Sache.

Kennst du Kay Pollaks "Wie im Himmel"? Den würde ich dir als Kammerweltmusiker gerne ans Herz legen ...

Nee, habe ich verpasst, als er im Kino lief. Kommt irgendwann mal als DVD dran.

Wenn wir schon bei Hobbys sind. Die Bundesliga hat gerade wieder begonnen und Elvis Presley hatte seinen 30. Todestag. Welches Ereignis berührt dich mehr?

Ganz klar: Elvis!

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