laut.de-Kritik

Der Alpen-Gainsbourg rettet die Ehre des Schlagers.

Review von

2013 kürte das GQ-Magazin Dagobert zum "Bestgekleideten Schweizer". Und der legt mit "Afrika" nun das passende Klangaccessoire nach. Der Titeltrack "Afrika" beschwört exotische Klänge, und mittendrin schwingt Dagobert als Dschungelkönig der Schlager-Fünfziger das Tanzbein. Das Motto lautet: Flucht aus der Zivilisation hinein in ein besseres Leben. Dabei unterstützen ihn tatkräftige "Lalala"-Chöre.

Wenn der Schweizer liebt, dann stets innig und treu, der wartet schon mal "Zehn Jahre" auf seine Angebete. "Wie ein schöner Schmetterling / flatterte sie mir in den Sinn" schwärmt der Sänger und bettet seine Worte ein in einen elegant federnden Popper mit dezenter Synthie-Ummantelung. Dass das nicht gut gehen kann, ahnt er schon zu Beginn. Doch Schlager sind nun mal aus Träumen gemacht.

Gern würde Dagobert beim "Angeln Gehen" die Liebste verführen. Der Song startet mit einer knalligen Grand Prix-Ouvertüre, die geschickt Anleihen aus Peggy Marchs "I Will Follow Him" einflicht. Der Schweizer nimmt all die Versatzstücke des gemeinen Schlager ernst. Er hegt und pflegt vertraut klingende Chöre, Arrangements und Dramaturgien mit viel Sorgfalt. Bewahrt das Bewährte - zu einem Titel wie "Du Bist Tot" gehören schließlich schwellende Siebziger-Orgeln und jubilierende Engelschöre.

Stilecht zirpen die Grillen an der "Moonlight Bay", "Die Nacht ist sternenklar / der Mond scheint auf dein blondes Haar". So sehnsüchtig wurde selten ein nächtliches Floßfahrt-Rendezvous besungen - doch bevor zuviel Gefühlsduseligkeit aufkommt, schiebt sich eine Twin Peaks-Gitarre mit "Falling"-Zitaten warnend in den Vordergrund.

Auf "Afrika" verfeinert Dagobert seine Herangehensweise ans Genre. Der Sound ist erdiger geraten. Der Synthie-Einsatz steht zugunsten handgemachter Klänge unauffällig, aber immer effektiv im Hintergrund. Nur das verpeilte "Am Natronsee" mit kalkuliert irrverwirrt inszeniertem Sphärensound-Intro. Hier wirft der Schweizer sogar noch eine brutale Heavy Metal-Gitarre ins Gefecht, mit tatkräftiger Unterstützung von Kreator-Mastermind Miland Petrozza.

Ist Dagobert in Höchstform, vereint er Unvereinbares, und das paradoxerweise in sich absolut stimmig. Einen so wüsten Stilmix wie "Rede Mit Mir" trotz aller stilistischen Gegensätze überzeugend zu inszenieren, verrät ganz große Handwerkskunst. Nach all den lauten Ausflügen zieht es den Sänger mit "Sehnsucht" und "Jenny" später wieder zurück auf ureigenstes Entertainment-Terrain: Dezent tanzbar instrumentiert, mit einfühlsamen Lyrics versehen, leidenschaftlichem Gesang und großer Melodieführung verführt der Meister hier mittels geschmeidigem Edelpop.

Wie ein Serge Gainsbourg der Alpen schlendert Dagobert zielsicher zwischen den Stühlen von Pop, Chanson und fein ziseliertem Singer/Songwriter-Tum umher. Die Phrasierung gerät häufig herzbebend gefühlig, und im Verbund mit Schweizer Akzent ergibt das eine höchst angenehm verwirrende Mixtur. "Afrika" ist intelligent inszenierte Schlager-Renaissance mit hohem Spaßfaktor, doch hinter der bunten Fassade lauert Ab- und Tiefgründiges.

Trackliste

  1. 1. Afrika
  2. 2. Wir Leben Aneinander Vorbei
  3. 3. Zehn Jahre
  4. 4. Angeln Gehen
  5. 5. Moonlight Bay
  6. 6. Du Bist Tot
  7. 7. Am Natronsee
  8. 8. Rede Mit Mir
  9. 9. Sehnsucht
  10. 10. Jenny
  11. 11. Das traurige Ende Eines Schönen Tages

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11 Kommentare mit 8 Antworten

  • Vor 6 Jahren

    Ich finde den man Großartig! hab das erste Album sehr gerne gehört (obwohl sonst ehr Bad Religion als Schlager)
    Ich hab ihn aber auch Live gesehen und war irgendwie fasziniert. Geb dem Album auf jeden Fall ne Chance

  • Vor 2 Jahren

    Spannend, was der Dagobert immer wieder mit seiner Musik schafft. Und das in vielerlei Hinsicht. Polarisierend ist sie auf jeden Fall, gerade wenn ich sie im privaten Rahmen spiele. Die meisten Menschen haben einfach ihr Leben lang eingeimpft bekommen, dass Schlager peinlich zu finden sind, daher wird Dagobert reflexartig abgelehnt. Wer sich allerdings auf sein eidgenössisch-schrulliges Liedgut einlässt wird mit abgründig-schrulligen, einfach herzerwärmenden, weil vom Herzen kommenden Musikerfahrungen belohnt. Mit jedem Hören besser. Er füllt eine Lücke oder Nische, von der man gar nicht wusste, dass es sie gibt.