laut.de-Kritik

Augen zu. Mund auf. Hände in die Luft. Ekstase!

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Kennt ihr diese Gefahrenhinweise, die in Freizeitparks vor besonders brutalen Fahrgeschäften warnen? "Menschen mit gesundheitlichen Beschwerden wird von der Fahrt explizit abgeraten!" Eventuell sollten Crystal Fairy darüber nachdenken, ihrem Debütalbum neben dem üblichen "Explict Lyrics"-Sticker eine ähnliche Mahnung aufzukleben. Das Werk der Allstarband startet in Highspeed und gleicht in seinen Auswirkungen einer erbarmungslosen Achterbahnfahrt. Rückwärts. Mit doppelter Geschwindigkeit.

Bereits der Opener "Chiseler" lässt seinem Publikum genau eine Sekunde, um sich zu sammeln, ehe der Wagen auf wackligen Schienen losrast und rhythmisches Schaben inklusive hypnotischem Funkenschlag von der Kette lässt. Sängerin Teri Gender Bender meint dazu: "Während ich die Lyrics für diesen Song geschrieben habe, habe ich einfach meine Hände die Geschichte erzählen lassen. Der unbewusste Gedanke ist manchmal klüger als der vorsätzliche." Jawoll! Augen zu. Mund auf. Hände in die Luft. Ekstase!

Die Namen Buzz Osbourne und Dale Crover las ich erstmals als pubertierender Dorfpunk in einer Kurt Cobain-Biografie und blieb in der Folge auf "Houdini" hängen. Meine erste Begegnung mit Omar Rodriguez-López hatte ich, als ihn mein Vater auf dem Weg zum Southside-Festival um ein Haar über den Haufen fuhr. Wenige Stunden später spannte er mein Trommelfell mit The Mars Volta (vielleicht aus Rache) zum Zerreißen.

Crystal Fairy vereinigt nun diese beiden Parteien. Das klingt so strange und abgefahren, so widersprüchlich und doch so passend, dass den Hörer schon allein die Vorfreude nervös macht. Wären da bloß nicht die unzähligen Bandprojekte des Omar Rodriguez-López, die immer wieder aufs Neue ein wenig enttäuschten. Bosnian Rainbows? Naja. Obwohl auch damals Mrs. Gender Bender am Mikrofon wütete. Antemasque? Doppeltes Naja. Überhaupt frustrieren Supergroups doch meistens aus Prinzip und zerschellen nur zu gerne an zu hoch gesteckten Erwartungen. Zu selten klicken die einzelnen Elemente sauber ineinander.

In vorliegenden Falle treffen die verschleppten Zeitlupen-Gewaltorgien der Melvins auf Rodriguez-López verkopfte Hyperaktivität, ergänzt von der abgeranzten Eingängigkeit der Le Butcherettes-Frontfrau Teri Gender Bender. Was zur Hölle?! Fragt mich nicht wie, aber irgendwie funktioniert die Kombo.

Ein Sachverhalt stand im Angesicht dieser Besetzung bereits vorab außer Frage: Es wird Riffs regnen! King Buzzo und Prinz Omar enttäuschen nicht (auch wenn Letzterer zugegebenermaßen ja ausschließlich am Bass hantiert).

Die wirklich saustarke Vorabsingle "Drugs On The Bus" beginnt mit einem rumorenden, Lastwagen-schweren Gitarren-Nagelbrett, das sich im weiteren Verlauf immer kurz in die Dunkelheit zurückzieht und dann doch wieder in bester Guerilla-Manier zuschlägt. Ein YouTube-User kommentiert denkbar passend: "Das Riff hat die Viskosität von abgekühlten Teer." Diesen zäh tropfenden Teer umspielt eine sägende Teri Gender Bender. Sie fängt ihn ein, schlägt und peinigt ihn, ehe sie das Ruder zum Ende hin komplett übernimmt. Geil!

Genau so geht es weiter: Die elf Songs starke Scheibe wirkt außergewöhnlich dicht. Die wirbelnde Wüstenluft lässt kaum Platz zum Atmen, wie ein Dschungelforscher versucht der Hörer, den aufsteigenden Sog mit der Machete zu schneiden - und scheitert. Zu regelmäßig schlagen die Klanggeschosse neben ihm ein.

"Posesión" als vertonter Tobsuchtsanfall zerspringt und splittert zum Ende in 1000 Teile. Auf "Secret Agend Rat" setzt Teri ihre Stimme selbst wie eine jaulende Gitarre ein, so dass die Komposition einem Instrumentalstück gleicht. Das beinahe verspielte "Sweet Self" nimmt kaum den Fuß vom Gas und reibt sich fast satirisch an der restlichen Platte: "I'm living a lie!"

Wenn man Crystal Fairy überhaupt etwas vorwerfen kann, dann eine gewisse Gleichtönigkeit, die sich im Verlauf der Scheibe einstellt. Die ist der engen Verzahnung zwischen den einzelnen Songs geschuldet, außerdem einem Omar Rodrigue-López, der sich als Bassist merklich zurückhält und die Fäden aus dem Hintergrund zieht. Bei aller Euphorie: In der zweiten Albumhälfte reproduziert sich die DNA der Songs doch immer wieder.

Macht aber nichts: Die einzelnen Nummern üben jeder für sich eine massive, fast fiebrige Anziehungskraft aus. Vor allem das Zusammenspiel zwischen Buzzos hoffnungslos gewalttätigen Gitarren und dem brachialen Organ der Frontfrau, dieses energetische Aufeinanderprallen der Kometen aus verschiedenen Galaxien, sorgt immer wieder für fruchtbare Momente der Apokalypse.

Bestes Beispiel liefert "Moth Tongue": destruktiv und eingängig zugleich, wie eine Ohrfeige aufklatschend und doch von faszinierender Gravitation, mit der Sängerin als aufschreienden und aufstampfenden Teufel. Buzzo selbst adelt seine Kollegin: "Teri ist ein außergewöhnlicher Performer vom Ausmaß einer Naturgewalt."

Crystal Fairy entstand aus schierer Lust an gemeinsamer Mucke. Die Melvins und Le Butcherettes tourten gemeinsam durch Mexiko, zum Abschluss der Shows spielten sie gemeinsame Songs. Das bockte. Thats it! Zu allem Überfluss marschierte an einem Abend noch Omar Rodriguez-López' Afro in eine Venue und wurde vom aufkeimenden Songsturm einmal sauber durchfrisiert:

"Die Chemie war 'on fire', nicht nur auf der Bühne, sondern auch dahinter. Manchmal haben Omar und ich laut über unsere Hoffnung fantasiert, endlich etwas gemeinsam zu kreieren." So kam eins zum anderen, ohne große Gesten, ohne Hintergedanken. Dieses Vorgehen nach dem ungefilterten Lustprinzip hat sich der gemeinsamen Platte eingeschrieben - und es steckt an.

Trackliste

  1. 1. Chiseler
  2. 2. Drugs On The Bus
  3. 3. Necklace Of Divorce
  4. 4. Moth Tongue
  5. 5. Crystal Fairy
  6. 6. Secret Agent Rat
  7. 7. Under Trouble
  8. 8. Bent Teeth
  9. 9. Posesión
  10. 10. Sweet Self
  11. 11. Vampire X-Mass

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