15. März 2010

"Wir haben nicht mal die Goldene Schallplatte"

Interview geführt von

Für die Veröffentlichung ihres Debütalbums "Tons Of Friend" bekommen wir die Crookers in Berlin an den Hörer. Im internationalen Geschäft mischen die beiden schon lange mit. Dass sie jedoch immer noch italienisches Borat-Englisch sprechen, macht die Mailänder nur noch sympathischer.

Hallo Crookers.

Phra & Bot: Hallo, Hallo.

Schön, dass ihr Zeit für ein Interview habt. Euer gesamter Tag in Berlin gilt der Promo und Interviews?

Bot: Ja. Es läuft aber gut bisher.

Ok, dann legen wir gleich los. Auf eurer Myspace Seite steht seit mehr als einem Jahr "album coming soon". Jetzt ist es endlich herausgekommen. Was hat denn so lange gedauert?

Bot: Wir wollten mit jedem Track auf dem Album zufrieden sein. Wir wollten das Album nicht einfach eilig herausbringen, nur weil wir etwas spät dran waren. Es ist nicht gut, einfach nur schnell zu sein, wir wollten einfach mit dem ganzen Album glücklich sein. An diesem Punkt sind wir jetzt, daher kommt es erst jetzt heraus. Glücklicherweise hat uns das Label alles erlaubt und die Zeit dafür gegeben.

Eure letzten EPs waren eher House- und Dance-orientiert. Jetzt habt ihr eine Sammlung von Pop über Hip Hop bis Dubstep. War das für das Album schon immer so angedacht?

Phra: Es war irgendwie Zufall. Alles was wir wussten, war dass wir keine Veröffentlichung mit zwölf Club-Tracks machen wollten. Wir wollen mit den Four To The Floor-Sachen so weitermachen, dass sie nur für die Clubs, Remixe und Produktionen für andere Leute, die Clubsachen machen wollen, bestimmt sind. Das Album dagegen ist nun sehr vielseitig, es ist Hip Hop, hat einen kleinen Dubstep-Vibe, auch ein bisschen Four To The Floor und andere Dinge, eher Musik, die man im Auto oder Zuhause hören kann, statt nur im Club.

Ihr habt viele Kollaborationen auf dem Album. Wie habt ihr eure Freunde denn für eine Zusammenarbeit ausgesucht?

Phra: Das war auch wieder alles Zufall. Wir haben unseren Freunden, mit denen wir eine gute Beziehung haben, viele Beats über iChat geschickt. Oder wenn wir Leute bei den Shows trafen, fragten wir sie einfach ob sie am Album teilnehmen wollten. Es ist so ... wir versuchen selten irgendwas Bestimmtes zu machen ... wir haben nie einen ernsthaften Plan oder eine vollständige Vision von dem, was damit passieren soll. Es passiert einfach. Wenn wir dann damit glücklich sind, sind wir glücklich.

Gab es denn jemand, der eine Zusammenarbeit abgelehnt hat?

Phra: Nein.

Bot: Nein.

Dann ist auf dem Album jeder, den ihr haben wolltet?

Bot: Jeden, den wir wollten kannten wir eben schon in irgendeiner Weise oder über ein paar Leute. Dann war es nicht so, dass wir unbedingt mit jemand einen Track machen wollten und diese Person dann unbekannt über Dritte kontaktiert wird. Es war fast immer eine persönliche Beziehung zu den Künstlern, also gab es für sie nicht wirklich die Möglichkeit abzusagen, weil wir sie schon länger kennen.

Für das Album habt ihr auch mit Switch zusammengearbeitet. War er für das Mastering verantwortlich oder für ein paar Tipps? Was war seine Rolle bei dem Album?

Phra: Er half uns im Studio. Eigentlich war es eher ein persönliches Ding, in einer Beziehung, die auch schon wirklich lange zurückgeht. Wir waren schon immer riesige Fans von ihm, haben ihn aber nie im Studio getroffen bzw. erlebt. Also, haben wir das Album zum Anlass genommen, nach New York zu fahren, um in seinem Studio 5, 6, 8 Tage zu verbringen. Einfach um Zeit mit ihm zu verbringen, weil wir seine Arbeit so sehr respektieren. Er half uns, das Album zu säubern, weil es am Anfang etwas überproduziert war. Zusammen haben wir dann daran gearbeitet. Er hat nicht das Final Mastering übernommen, aber er half dabei, die Tracks besser abzumischen. Das Final Mastering übernimmt das Exchange Studio in London. Das ist die erste Adresse für uns. Die mastern unsere Sachen seit der ersten Veröffentlichung auf Southern Fried.

Schickt ihr immer Tracks an Freunde um sie nach ihrer Meinung zu fragen?

Phra: Klar, wir schicken manchmal nur 45 Sekunden Beatskizzen über iChat umher, um zu erfahren, ob sich damit weiterarbeiten lässt oder nicht.

Und wenn gutes Feedback kommt, nur dann arbeitet ihr weiter daran?

Phra: Ja, traurigerweise (lacht).

Das Album ist fertig. Was steht als nächstes bei den Crookers an?

Phra: Der Plan, ist viele Veröffentlichungen herauszubringen, weil wir eine ziemlich hektische Tour vor uns haben. Dann versuchen wir für andere Personen zu produzieren. Und unser Label hat uns gefragt, ein neues Album zu produzieren (lacht).

Ein neues! Schon?

Phra: Ja (lacht). Weißt du wir arbeiten ... sagen wir ... nicht wirklich langsam, aber wir brauchen einfach viel Zeit dafür. Das Label will einfach, dass wir die Arbeit für ein neues Album so früh wie möglich beginnen. Wir wollen nicht richtig, aber es wird witzig (lacht).

Was gefällt euch denn besser: Gigs zu spielen oder im Studio an den Reglern zu drehen?

Phra: Wenn wir Gigs spielen wären wir lieber im Studio und wenn wir im Studio sitzen würden wir lieber Gigs spielen.

Fair genug. Was war denn euer aufregendstes Jahr bisher? 2008 mit dem "Day N'Night"-Remix oder 2009 mit den Vorzügen des Fames. Was würdet ihr sagen?

Phra: Hmm. 2005, als uns musikalisch nichts wirklich beeindruckt hat, haben wir einfach angefangen, Sachen zu machen, die wir cool fanden und die es so nicht wirklich gab.

Also vor dem Fame?

Phra: Ja, in bestimmter Hinsicht, ja. Als wir merkten, wir können unseren eigenen Sound präsentieren und kommen damit durch: Das war wie ein gutes und großes Freiheitsgefühl im Magen.

Wir haben nie einen konkreten Plan von dem was wir machen


Der ganze Output Mailands bzw. Italiens mit Crookers, Bloody Beetroots oder Congorock war in den letzten Jahren intensiv. Ist denn die Clubszene dort auch so fortschrittlich wie der musikalische Output?

Phra: Nicht wirklich. Es gibt keine richtige Szene in Mailand. Die Beetroots sind nicht aus Mailand und Congorock ist ausgeflogen und wohnt inzwischen in Los Angelos. Mit den Clubs in Italien ist es so, dass sie immer drei Jahre voraus sind.

Hinterher?

Phra: ... äh, genau, mein Fehler. Hinterher!

Bot: Sie sind drei Schritte hinterher. Es ist schwer, in Mailand neue Sachen zu pushen. Es gibt so was wie eine Szene, weil außer uns gibt es ja auch noch Leute wie His Majesty Andre, der auch aus der Nähe von Mailand stammt. Es gibt ein paar um Mailand herum, aber ich denke, es ist eher ein Italien-Ding. Es gibt hier einige Produzenten, die vieles gemeinsam haben. Es ist auch so, dass alle miteinander befreundet sind und sich austauschen können. Das ist cool, weil ich denke, dass es das erste Mal ist, dass Leute außerhalb Italiens spüren hier geht was. Als wir angefangen haben und erste Erfolge hatten, glaubte uns niemand, dass wir aus Italien kommen. Und wir dachten so "Warum eigentlich"?

Ich hab gelesen, dass euch auch eure eigenen Landsleute auf englisch über Myspace konsultieren.

Bot: Genau, das ist das Ding. Man konnte sehen, dass sie aus Italien stammen aber uns auf englisch mailen. Warum haben wir diese Kultur, dass gute Musik nicht aus unserem Land kommen kann?

Gebt Albano und Romin Power die Schuld ...

Bot: (lacht) ... Felicita ... Phra: (singt im Hintergrund weiter)

Ist es inzwischen besser geworden und sie sprechen euch jetzt auf Italienisch an?

Bot: Ja, jetzt weiß es jeder. Und sogar wenn wir jetzt in Italien spielen, haben wir eine große Crowd. Aber wir kommen hier immer ein bisschen später an, so ungefähr ein bis zwei Jahre. Das seltsame Ding ist, dass uns Leute hier für Shows wollten, als sie gemerkt haben, dass wir schon eine ganze Zeit außerhalb Italiens touren. Wenn sie sehen, dass du im Ausland erfolgreich bist, dann wollen sie dich plötzlich. Das ist wirklich blöd. Man sollte die eigenen Künstler des eigenen Landes unterstützen.

Support your local heroes.

Bot: Genau, aber traurigerweise ist es nicht so. Es passt aber ... am Ende ist es ja noch gut ausgegangen, wir können in Italien spielen und viele Leute kommen.

Was hörten denn die Italiener, dass kein Anklang für die Crookers herrschte?

Bot: Minimal war zu der Zeit ganz groß in Italien. Daher war unser Sound für das Ganze viel zu verschieden. Ich glaube auch Clubbetreiber und Promoter haben ihn nicht kapiert. Die sehen halt wenn man einen unbekannten DJ holt und auf den Flyer "direkt aus Berlin" schreibt, wird der Club voll sein. Aber wenn wir spielen und unsere merkwürdige Musik kommt, alle nur Minimal gewohnt sind, das hat einfach nicht gepasst. Jetzt sehen sie, dass die Dinge anders laufen und das ganze Minimal-Ding ... ich meine ich bin da nicht voll dagegen, aber es war einfach ein bisschen viel. Jetzt ist es in Italien wieder langsam vorbei und die Zeit für neuen Sound ist gekommen. Das ist gut, weil es jetzt mehr Variation in den Clubs im Gegensatz zu früher gibt. Früher immer nur dieselben DJs, die in den verschiedenen Clubs spielen.

Ja, bei Minimal passiert ja nicht gerade viel.

Bot: Ja, das ist es. Ich finde es ist ok, aber ein sechs Stunden Minimal Set ist in manchen Ohren auch nicht das Wahre.

Warum kann gute Musik nicht aus Italien kommen?


Euer Sound hat dafür viele Künstler inspiriert. Wer inspiriert euch denn?

Bot: Puh, viele Leute.

Phra: Sagen wir es so: Jay Dee, Madlib, Wu-Tang Clan , Beastie Boys, Iron Maiden, Guns N' Roses, Basement Jaxx ...

Bot: Iron Maiden nicht wirklich ...

Phra: Iron Maiden! Sepultura, Soulwax, Rage Against The Machine, Lil Wayne ...

Ein bisschen von allem.

Phra: Ja, sogar Pavarotti (singt wieder).

Wenn ihr im kommenden Jahr nun für andere Künstler produziert, habt ihr also auch kein Genre, dem ihr euch voll verschreibt?

Bot: Ja, wir wollen nicht in einem Stil steckenbleiben, das war auch das Ding bei dem Album. Es gibt uns einfach auch mehr Inspiration, wenn wir den Stil jederzeit wechseln können. Wenn man nur dasselbe Ding macht, glaube ich verliert man die Freshness. Machst du immer das, wonach dir ist und wo du Lust darauf hast, wirst du immer irgendwie Inspiration bekommen. Weil es immer neue gute Musik geben wird, von der man seine Ideen schöpfen kann. Wenn du immer dieselbe Art von Musik hörst und machst, wird einem wirklich langweilig und es ist schwierig, neue Ideen an den Tag zu legen oder etwas Originelles zu machen.

Also keine "Day N'Night"-Remixe in diesem Jahr?

Bot: (beide lachen) Nein! Heute fragen uns immer noch Leute, ob wir einen Remix machen können, der so klingt wie "Day N'Night". Die Antwort auf solche Fragen ist dann schon unter einer Sekunde entschlossen.

Würdet ihr den Track als Segen oder Fluch betrachten?

Bot: Es ist eigentlich vielmehr ein Segen, nur manchmal ein Fluch, aber am Ende vom Tag definitiv ein Segen.

Wer wollte den Remix denn machen? Ihr selbst oder hat Kid Cudi angefragt?

Bot: Wir fragten ihn. Das Label/Management dafür hatte kein gutes Gefühl bei der Sache und den Track auch nicht mit auf das Vinyl genommen, nur als Free-Download auf dem Blog angeboten. Mit dem Track war alles etwas strange. Wir haben ihn am Anfang häufig gespielt, obwohl er so vokallastig ist und wir zu jener Zeit eher andere Sachen gespielt haben. Die Geschichte des Tracks ist wirklich lange und sonderbar. Er wurde sehr langsam, aber konstant auf den Blogs immer erfolgreicher. Dann kam er an den Punkt, an dem große Labels ihn veröffentlichen wollten. Für uns war es einfach nur ein Gratis-Remix, daher haben wir kein Geld oder irgendetwas für ihn erhalten.

Ihr habt rein gar nichts für den Remix bekommen?

Beide: Nein.

Oh nein!

Beide: (lachen) Ja!

Neeein?!

Bot: (lacht) Sonst hätte ich heute ein Boot.

Phra: Ich wohl auch (lacht).

Die verkaufen sogar Klingeltöne davon.

Bot: Ja, f*#k it (lacht).

Das wäre dann schon ein goldenes Boot.

Bot: Ja, in Großbritannien hat es sich über 100.000 Mal verkauft. Die haben uns auch nicht einmal diese Goldene Platte davon gegeben.

Phra: Wir haben die Goldene Platte, die die jetzt haben, nicht bekommen.

Und der Remix war ja erfolgreicher als die Originalversion.

Bot: Ja, zu der Zeit haben wir einfach nichts unterschrieben, also pfff.

Wer war denn dieses Label?

Bot: Ich glaube, die wurden nämlich auch verarscht. Am Anfang war es Fool's Gold, und ich glaube, sie haben die Lizenz des Tracks für nur wenig Geld verkauft. Wer wirklich Geld gemacht hat, ist Kid Cudi und das große Label, das die Lizenz erworben hat. Mit Fool's Gold und A-Trak war immer alles cool mit uns.

Das erste Mal, dass die breitere Masse auf der Welt von euch gehört hat, war wohl mit dem "Salmon Dance"-Remix für die Chemical Brothers, schätze ich. Wie kam das denn zustande?

Phra: Das war wirklich witzig. Es war eine Zeit, in der wir so viele Remixe wie möglich machen wollten. Unser Manager war früher der Tour-irgendwas ...

Bot: Promoter, Booker ...

Phra: ... von den Chemical Brothers. Als die beiden in Italien spielten, hat er sie am Ende des Abends gefragt. Er hat zu Tom einfach nur gemeint "Könnt ihr den Crookers einige Parts eurer Songs schicken, sie sind gut und würden gerne einen Remix machen". Tom meinte das wäre cool, er habe von uns gehört und stimmte sofort zu. Unser Manager und wir waren sehr aufgeregt und glücklich, dass das geklappt hat (lacht).

Wow

Phra: Wow, genau, das ist er.

Geich entlasse ich euch in euren verdienten Tag. Eine letzte Frage noch zu Fußball. Italien verteidigt den WM-Titel.

Bot: Die WM ist mir sehr wichtig, was unter dem Jahr in den Ligen passiert etc. das ist mir voll egal.
Phra: Mir auch.

Was passiert denn diesen Sommer?

Bot: Dieses Jahr, was ist da? Ich weiß nicht mal was los ist.

Na, WM

Bot: Oh, also wenn wir verlieren bin ich soooo traurig
(Phra lacht)

Vielleicht reicht es bis dahin für ein Boot? Zum Aufmuntern?!

Bot: Ja, ich will ein Boot! (lacht)

Viel Glück dafür! Auch vielen Dank für eure Zeit und das Interview

Beide: Kein Problem. Ciao!

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