laut.de-Kritik

Alles für eine Handvoll Likes.

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Ein paar Tage lang war es erheiternd zuzusehen, wie die selbst ernannten Gothic-Metal-Könige des Landes einen Facebook-Eklat inszenieren und sich dabei im Minutentakt tiefer in die Scheiße hineinreiten. Alles für eine Handvoll Likes. Dafür sind Crematory "... jetzt in aller Munde, auch bei denen, die das gar nicht so gerne möchten". Willkommen in einer Welt, in der ein Einstieg von neuen Mitgliedern mit "Weil auch er endlich erfolgreich mit der Musik sein möchte" kommentiert wird.

Mit "Wir verkaufen mittlerweile wesentlich mehr Downloads und Streams als CDs oder LPs und das ist auf Dauer der sichere Tod einer jeden Band" spricht Schlagzeuger/Bandleader/Facebook-Megaphon Markus Jülich tatsächlich eine verdammt unangenehme Tatsache an. Ja, der Markt hat sich in den vergangenen Jahren geändert, wissen wir alle. Selbst sein eigentlicher Lösungsansatz: "Fuck Downloads - Fuck Streamings! Copie kills Music! Buy or die! Der Kaufbefehl!" hat eine Berechtigung.

Aber "... auf die Musik haben Diskussionen ja keinen Einfluss, die bleibt wie sie ist, egal wie viel drüber geredet wird" ist halt doch die wahrste Band-Aussage, die während dieses Shitstörmchens fällt. Klar, "Snaredrum-Auswahl ist wichtig" und man hat sich auch "... wieder echt Mühe gegeben, da ein rundes Gesamtpaket abzuliefern!". Kann man problemlos unterschreiben. Die Produktion ist hochklassig, das Wechselspiel zwischen Growls von Felix Stass und Klargesang von Gitarrist Tosse Basler funktioniert, die Sounds aus der Dose sind zwar größtenteils modifizierte Stangenware, passen aber recht gut. "Das ist das Positive an der Sache!"

Man muss Crematory zugutehalten, dass sie gar nicht erst versuchen, sich zu verstellen. Hart und zart, kitschige Melodien und metallastige Riffs halten sich auch auf ihrer vierzehnten Platte die Waage – wer das bislang als Schlager- oder Kirmes-Metal abgetan hat, wird auch für "Oblivion" kaum andere Worte finden. Bekannte Genre-Versatzstücke werden miteinander kombiniert, richtig gute Songs kommen am Ende dabei allerdings nicht heraus.

Die Vorverkaufszahlen mittels Fanbeschimpfung anzukurbeln ist origineller und mutiger als jede einzelne Note von "Oblivion". "Harte Musik - harte Worte!" versprach beispielsweise Band-Megaphon Markus Jüllich. Ersetze "harte" durch "alberne", und man kommt der Wahrheit näher. Auch wenn "Oblivion" eines der besseren Alben der Bandgeschichte ist. "Die Wahrheit ist manchmal traurig".

"Aber weißt du was unmöglich ist? Einem Dummen zu erklären, dass er dumm ist, so dass er es dir glaubt". Versuchen wir es. Der eigentliche Gag an der Sache ist, dass "Oblivion" ein mediokres Album geworden ist, das den ganzen Ärger schlicht und ergreifend einfach nicht wert ist. Ohne das Tamtam drumherum wäre diese Platte vermutlich als Achtungserfolg durchgegangen, frei nach dem Motto: "Ist zwar nicht sonderlich originell, tut aber keinem weh".

So lacht mehr als die halbe Metal-Welt über die Rheinhessen, die ihren großen Worten und der in ihren Augen erfolgreichen Promo nun Taten folgen lassen sollten. Und wenn es nicht reicht, sind natürlich Kritiker, Hater, und die eigenen Fans schuld. "Produktionstechnische Gründe" in drei, zwei, eins ... Es gilt: "Calm down, Bro! Why so angry? It's nothing personal!".

Auch kritische Stimmen als "... Arschlöcher, die immer noch nichts verstanden haben und sich als Trolls hinter irgendwelchen Pseudonymen verstecken ..." abzutun, ist nicht der smarteste Move. Dass der GröMaz bei seinem Rundumschlag unter anderem illegale und legale Angebote durcheinander wirft, sich im Zuge dessen mit Lars Ulrich vergleicht (Stichwort: Napster) und sich mit "Crematory gehört zu den populärsten Bands Deutschlands und den anderen geht es noch beschissener, aber keiner macht die Schnauze auf ..." als Ritter der eigenen und guten Sache aufspielen möchte, ist genau so belustigend wie die Tatsache, dass die erste Auskopplung "Salvation" ausschließlich digital erscheint.

Sämtliche Zitate dieses Textes stammen übrigens von der Crematory-Facebook-Seite und wurden in ihrer Originalform belassen. Bis auf das nun folgende von Josef Hader: "Hätts't die Pappn g'holtn, hätt kaner g'merkt, dass'd deppat bist." Genau so schaut's aus.

Trackliste

  1. 1. Expectation
  2. 2. Salvation
  3. 3. Ghost Of The Past
  4. 4. Until The Dawn
  5. 5. Revenge Is Mine
  6. 6. Wrong Side
  7. 7. Stay With Me
  8. 8. For All Of Us
  9. 9. Immortal
  10. 10. Oblivion
  11. 11. Cemetary Stillness
  12. 12. Blessed
  13. 13. Demon Inside

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5 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 3 Monaten

    Hab's mir bei Spotify reingezogen, voll das Kirmes-Metal. Für mich bleibt "Caroline" der einzig erträgliche Song dieser Schlager-Metal-Band.

  • Vor 3 Monaten

    musikalisch auch ein ziemlicher abstieg im vergleich zur letzten platte. auf "antiserum" ist ihnen auch melodisch einfach mehr eingefallen.

    deren pr-strategie überzeugt mich hingegen total.
    die methode "mimitory" hat ja schon bei hubert kah super funktioniert. und wie das auf fb mit hochsympathischem identitäts-sebstfindungs-bildmaterial flankiert wurde, nötigt respekt ab. das ist so narrensicher gemacht, da staunt sogar sun-tzu.

    der erfolg von ehrlichkeit und ungebrochenheit - gepaart mit der streng-wortgewaltigen hand des erfahrenen bandleaders - gibt ihnen doch recht. was für ne bugwelle nationaler rock-giganten!

    denn immerhin:
    von 30.000 followern haben binnen 2 tagen sagenhafte 60 unbeugsame geister den original-thread in geboten effektiver solidarität geliked.

    beeindruckend.

    ps: "modifizierte stangenware" :D das ist ja immerhin was. die meisten angegothten acts hierzulande modifizieren ihre stangenware ja nicht einmal.

    pps: "tears of time" bleibt trotzdem groß!

    • Vor 3 Monaten

      "deren pr-strategie überzeugt mich hingegen total.
      die methode "mimitory" hat ja schon bei hubert kah super funktioniert. und wie das auf fb mit hochsympathischem identitäts-sebstfindungs-bildmaterial flankiert wurde, nötigt respekt ab. das ist so narrensicher gemacht, da staunt sogar sun-tzu."

      Aber gerade die Situation, die diesen PR-move nötig macht, ist ja Teil des vom Jülich angesprochenen Problems. PR mit dem Geschmack der Verzweiflung.

      "denn immerhin:
      von 30.000 followern haben binnen 2 tagen sagenhafte 60 unbeugsame geister den original-thread in geboten effektiver solidarität geliked.
      beeindruckend."

      Ja nun, sorry für die Haarspalterei...aber es soll auch Leute geben, die sich entsprechende Meinungen bilden, ohne sie durch fb-likes kundzutun. Der Punkt ist: Vielleicht hat er durchaus mehr als die 60 Fans erreicht.

    • Vor 3 Monaten

      Ob "tears of time" wirklich groß ist, ist streitbar. Hat aber auf jeden Fall nen gewissen kauzigen Charm, wenn man sich das heute mal wieder anhört.

    • Vor 3 Monaten

      @schwinger: das grundproblem steht auf einem anderen blatt. da gebe ich dir recht. grubndsätzlich hätte ich da auch vielverständnis für profimusiker und bin ja auch fan der methode "ware gegen bares".

      aber wenn man das verfolgt hat, zeigte sich rasch, dass wenig argumentation am start war und sehr viel unterirdische publikumsbeschimpfung. so richtig unterste schublade mit beleidigungen an jene, die doch als fans grundsätzlich auf der seite der band stünden & schimpftiraden prolliger sorte, die hinterher als "ehlichkeit " verkauft wurden..

      genau deshalb hat er auch so wenig unterstützung erhalten. hubert kah hat sich damit vor 2 jahren auch ins aus manövriert. friendly fire als taktik zum verbündete einsammeln ist halt ne eher suizidale strategie.

  • Vor 3 Monaten

    Die gibts noch? Um Gottes Willen.

  • Vor 3 Monaten

    Verstehe gar nicht, warum der Typ so abgelacht wird. Klar, die Worte mögen nicht durchweg fair gewesen sein, aber den Frust dahinter verstehe ich vollkommen.
    Wenn du Unmengen an Knete in deine Musik investierst und es sich unterhalb des Existenzminimums auszahlt, und das alles auch aufgrund der Konsumentenmentalität, kann man denselben Konsumenten auch gerne mal die Meinung geigen. Was immer Aufmerksamkeit für dieses leidige Problem generiert, ist willkommen.

    Hat alles freilich wenig mit der Mitelmäßigkeit des musikalischen Vortrags zu tun.

  • Vor 3 Monaten

    Ich komme auf das Video nicht klar. Was sind das für Dancemoves des Sängers? Und warum hat er die Haare so schön? Vom Keyboarder, der wahrscheinlich eher Reggae-Vorstellungen von Musik hat, ganz zu schweigen.