12. Januar 2011

Eine Audienz bei Lord Filth

Interview geführt von

Cradle Of Filth haben mit "Darkly, Darkly, Venus Aversa" ein weiters Mal bewiesen, dass sie im Extrem-Metal immer noch eine Nummer sind. So aggressiv und schnell haben sich die Briten lange nicht mehr gezeigt. Auch das Thema "Lilith" - als sich durch die ganze Menschheitsgeschichte ziehende weibliche Versuchung - ist als Ansatzpunkt mehr als interessant.Gründe genug also, bei Giftzwerg Dani Filth mal nachzufragen, wie die Lage im Hause Cradle Of Filth ist. Schließlich gab es seit dem Vorgänger "Godspeed On The Devil's Thunder" bereits wieder personelle Veränderungen - und Dani kann sich seit kurzem einen waschechten Titel ans Revers heften.

Hallo, entschuldige, dass ich ein wenig später anrufe, aber das Interview gerade eben hat sich ein wenig in die Länge gezogen.

Kommt vor, kein Problem. Von wo rufst du an? Bist du auf Interviewtour oder daheim?

Im Moment bin ich daheim, aber es geht bald wieder in die nächste Runde der Interviewtour. Ich hab schon einige Städte hinter mir aber das ist schon ok so. Ich will mich nicht beschweren. Solange die Leute noch Interesse an Cradle Of Filth haben, bin ich jederzeit bereit, darüber zu reden.

Das aktuelle Album "Darkly Darkly Venus Aversa" ist gerade erst erschienen, aber ihr treibt euch anscheinend bereits wieder im Studio herum. Was ist da denn los?

Wir arbeiten momentan an unserem klassischen Album. Wir sind ja schon einige Zeit dabei, alte Songs von uns mit klassischen Instrumenten neu zu interpretieren. Davon sind mittlerweile etwa 60 Prozent fertig. Die Feinheiten müssen noch aufgenommen und bearbeitet werden. Wir arbeiten da sehr viel mit Chören und Streichern. Das ist ein riesiger Aufwand, das alles zu koordinieren und aufzunehmen. Wir werden dabei sowohl mit echten Streichern als auch mit den entsprechenden Effekten aus dem Computer arbeiten. Genauso, wie mit ein paar sehr strangen Gitarreneffekten und ähnlichem Kram. Das wird sehr düster und mystisch ausfallen. Hin und wieder gibt es auch ein paar männliche und weibliche Stimmen zu hören, die haben aber eher narrativen Charakter.

Wenn man sich die Entwicklung von Cradle Of Filth die letzten Jahre so anschaut, fällt auf, dass ihr relativ oft die Besetzung wechselt. Ist es denn so schwer, mit dir zu arbeiten?

Naja, so oft wechseln wir die Mitglieder nun auch nicht aus (lacht). Die meisten, die uns verlassen haben, taten dies, weil sie sich auf ihre eigenen Bands oder Karrieren konzentrieren wollten. Da gab es eigentlich nie böses Blut zwischen uns. Unsere Keyboarderin Caroline ist beispielsweise nur als Session-Musikerin dabei, weil sie noch zahlreiche andere Bands und Projekte hat. Wenn es bei ihr zeitlich klappt, wird sie uns auf Tour begleiten, aber sie ist bislang kein festes Mitglied. Cradle sind eine sehr aktive und vor allem auch tourfreudige Band. Da muss man sich schon sehr einbringen und dem Ganzen auch widmen.

Spielt es denn für Cradle überhaupt eine große Rolle, wer neben dir und vielleicht noch Paul und James in der Band ist?

Klar, Dave und Martin sind ebenfalls wichtig. Jeder, der bei Cradle war hat seinen Teil zum Sound der Band und dem jeweiligen Album beigetragen. Allerdings ist es schon so, dass es einen gewissen Kernsound, eine gewisse Kerneinstellung in der Band gibt, der sich alle Mitglieder in irgendeiner Art und Weise verbunden fühlen müssen. Sonst macht es wenig Sinn, bei Cradle Of Filth zu spielen. Die technischen Fähigkeiten sind natürlich die Grundvoraussetzung, aber es geht noch darüber hinaus. Engländer im Allgemeinen und besonders wir in der Band haben einen sehr speziellen Humor, und mit dem kann nun wirklich nicht jeder (lacht). Vor allem, wenn man so oft und lange miteinander auf Tour ist, dann ist die Persönlichkeit des jeweiligen Kollegen sehr wichtig. Musikalisch mag nicht ganz so wichtig sein, dass er zum Konzept beiträgt, aber das steht dann auch nochmal auf einem anderen Blatt.

"Je später der Abend, desto mehr Monster kriechen aus den Ecken"

Anfang nächsten Jahres seid ihr direkt in den Staaten auf Tour. Allerdings mit einem recht seltsamen Line-Up aus euch, Nachtmystium, Turisas und Daniel Lioneye. Wie passt das denn zusammen?

Ich persönliche halte das für eine ziemlich coole Zusammenstellung. Das letzte Daniel Lioneye-Album ist ziemlich abgefahren, und Nachtmystium passen doch ganz gut zu uns. Dass Turisas einen etwas anderen Sound machen, finde ich nicht schlimm. Ein wenig Abwechslung zwischen den Bands kann doch nicht schaden. Vor allem in den USA scheint das ganz normal zu sein. Wir haben da schon mit Bands gespielt, die eher in die Richtung Faster Pussycats gehen, und es hat trotzdem irgendwie funktioniert. Das hat dann meistens eher soft angefangen und je später der Abend wurde, desto härter wurden die Bands und desto mehr Monster krochen aus ihren Ecken (lacht).

Lass uns ein wenig über das neue Album reden. Darauf geht es sowohl in Sachen Tempo, als auch in Sachen Härte richtig los. Wolltet ihr damit den Fans oder euch selber beweisen, dass ihr die harten Black Metal-Nummern immer noch drauf habt?

Nein, eigentlich gar nicht. Die ersten vier Songs standen bereits, ehe ich mir auch nur Gedanken darüber machte, das Thema Lilith zu bearbeiten, oder dass einer auch nur mal laut ausgesprochen hätte, dass wir wieder brutale Riffs schreiben sollten. Als das Thema feststand, kam der Rest schnell wie von allein. Wo kommt sie her? Wo taucht sie zum ersten Mal auf und was macht sie so interessant, dass sie in unterschiedlichen, historischen und vor allem religiösen Kontexten auftaucht. Bei Cradle Of Filth ist Lilith bereits in mehreren unterschiedlichen Zusammenhängen aufgetaucht. Dieses Mal wollte ich mich den verschiedenen Inkarnationen von Lilith stärker widmen. Viele davon verlangen einfach nach einer härteren, aggressiveren Ausrichtung. Manch einer mag denken, dass die weibliche Hauptperson, die sicherlich einen starken Gothic-Touch hat, auch nach einer entsprechenden, musikalischen Ausrichtung verlangt, aber für uns traf eben das genaue Gegenteil zu und wir haben somit ein paar unserer härtesten Songs auf dem Album.

Wo findest du eigentlich die ganzen Informationen über Lilith? In einem anderen Interview hast du wohl mal gesagt, dass sie in irgendeiner Art und Weise in nahezu allen bekannten Religionen auftaucht.

Naja, es ist nicht explizit Lilith, die da auftaucht, doch du hast in den meisten Religionen einen weiblichen Gegenpol, der starke Ähnlichkeit mit der biblischen Lilith hat. Da lassen sich eigentlich immer irgendwelche Parallelen finden. Ich habe Lilith somit als eine Art Spirit oder Dämon konzipiert, der immer wieder in die Welt tritt und bei entscheidenden Situationen auftaucht und versucht, Kontrolle über die Menschheit zu bekommen. Ich habe weitgehend historisch-reale Hintergründe für meine Geschichten in den einzelnen Songs ausgesucht und sie dann in den Kontext mit Lilith gesetzt. Egal ob das jetzt bei den Templern spielt, im Nazi-Deutschland, im alten Ägypten oder der griechischen Mythologie.

Das klingt für mich nach einer sehr interessanten Story, die mit Sicherheit auch als Roman sehr gut funktionieren würde.

Da gebe ich dir voll und ganz recht. Ich denke, das ließe sich auch filmtechnisch sehr gut umsetzen. Ich habe mir schon in der Vergangenheit öfters Gedanken darüber gemacht, ob ich die ein oder andere Geschichte nicht ein wenig mehr ausschmücken und in Buchform veröffentlichten sollte. Mal sehen, was sich da vielleicht noch machen lässt. Die Special Edition von "Darkly, Darkly, Venus Aversa" bietet in der Richtung ja schon ein wenig.

"Die Vampir-Faszination kommt immer wieder hoch"

Es gab in Deutschland mal eine ziemlich gute Romanheft-Serie ("Vampira") , in der die biblische Lilith als die Mutter aller Vampire dargestellt wurde.

Hm, das ist ein sehr interessanter und auch schlüssiger Ansatz. Klingt wirklich nach einem Thema, mit dem sich sehr gut arbeiten lässt. Soweit ich weiß, war das in der Comic-Serie "Vampirella" auch der Plot, oder zumindest so ähnlich.

Das Comic war auch nicht schlecht, da hab ich auch noch irgendwo ein paar von rumfahren. Aber wenn man sich den Vampir-Hype mit "Twilight" und dem ganzen Kram anschaut, hat man doch eigentlich schon genug.

Ich versuche mich von dem ganzen Zeug auch so fern wie möglich zu halten. Das ist einfach nicht die Art Vampir, wie ich sie kenne und mir vorstelle. Das ist irgendwie nicht meine Welt, mit diesem ganzen Teenie- und Beziehungskram. Ich bin eher Fan von den Sachen wie "Blade" und "Underworld". Das trifft meine Vorstellung von modernen Vampiren eher. Momentan sind die meisten Vampire, die man im Fernsehen oder Kino zu sehen bekommt eigentlich nur Teenager, die Blut saugen und bleich aussehen. Also nichts, was mich wirklich beeindrucken würde oder auch nur ansatzweise eine düstere Atmosphäre ausübt. Aber die Faszination für Vampire kommt immer wieder hoch, das sieht man sowohl in Büchern, als auch in Filmen. Das einzige, was mich wundert, ist dass in "Harry Potter" noch kein Vampir aufgetaucht ist (lacht).

Wenn wir gerade von düstere Atmosphäre sprechen: Wie seid ihr denn zu dem Coverartwork gekommen? Auch das ist düster und atmosphärisch, doch eure Lilith hat beinahe ein Puppengesicht.

Das stimmt schon, aber ich liebe dieses Cover über alle Maßen. Vor allem, weil viele Teile der Story auch im Coverartwork schon eingebunden sind und Hinweise geben. Vor allem in der Special Edition ist das echt ein kleines Meisterwerk und setzt die Tradition unserer Artworks von daher nahtlos fort. In der Special Edition gibt es in Inneren des Booklets nochmal eine Abhandlung des Covers, es lohnt sich also wirklich, wenn man sich die Special Edition zulegt, weil da jede Menge Bonus Material dabei ist.

Ich habe mich ein wenig an Tim Burton und seine "Corpse Bride" erinnert gefühlt.

Ja, das kann ich verstehen. Es geht auch ein wenig in diese Richtung. Ich finde das Aussehen von Lilith auch schon von daher sehr gut getroffen, als dass sie innerhalb der jeweiligen Texte sehr unterschiedliche Gesichter zeigt. Das Puppengesicht ist sehr wandelbar und kann jeden Moment in jegliche emotionale Richtung umschlagen. Das gefällt mir sehr gut. Auch das restliche Ambiente, das diesen viktorianischen Flair und Stil hat. Ich liebe das Cover wirklich!

Was hat es eigentlich mit der Meldung auf sich, dass du ein englischer Lord geworden bist?

Naja, das stimmt wohl (lacht). In Grafschaft Suffolk in England, wo ich lebe, kann man immer wieder Personen vorschlagen, denen der Titel Lord verliehen werden soll und irgendwie hab ich es da wohl auf Platz eins geschafft. Frag mich nicht wie und warum, meine Idee war das jedenfalls nicht (lacht). Sobald man auf einer bestimmten Homepage als Suffolk Icon gewählt wird, darf man sich als Lord bezeichnen.

Ok, Lord Filth, dann würde ich mich noch über einen Buchtipp freuen für unsere Leser.

Darf ich da auch mein eigenes Buch empfehlen? Das wäre dann "The Gospel Of Filth", das ich zusammen mit Gavin Baddeley geschrieben habe. Das ist so etwas wie ein modernes Grimoire und nicht einfach nur ein Buch über eine bestimmte Band. Auch wenn die Albumtitel als Kapitel verwendet wurden. Es ist ein sehr interessantes Buch, in dem wir auf die Geschichte des Gothic, des Satanismus und diverser anderer, dunkler Dinge eingehen. Es deckt ein sehr breites Feld ab und sollte für unsere Fans auf jeden Fall interessant sein. Zumal es auch Anfang 2011 in deutscher Fassung auf dem Markt kommen wird.

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