laut.de-Kritik

Zeiten wie diese brauchen Rapper wie diesen.

Review von

Wie bleibt jemand, der seinen Rap-Einstand 1992 feierte, auch 2016 noch relevant? Wie bringt es Common immer wieder fertig, ein Album abzuliefern, dass mindestens vier Punkte wert ist? Woher nimmt er diesen Hunger, auch mit seinen 44 Lenzen auf dem Buckel noch Zuhörer zu finden, die seine Lyrics googeln? Ausruhen ist nicht, Stillstand ebenso wenig. In Zeiten wie diesen braucht es ein Sprachrohr, das Missstände beim Namen nennt. "An activist is active now."

In feinen Varianten umkreist Common die Themen rund um Rassismus in Amerika, moderne Formen der Sklaverei sowie den Umgang und die Probleme mit Minderheiten. Dabei ist er weise genug, nicht einfach nur auf die andere Seite einzudreschen, sondern sieht auch, was in seinen eigenen Reihen schief läuft. Er verstrickt dabei immer wieder Einflüsse aus Gedichten, der Bibel oder anderen religiösen Quellen, verbaut Referenzen zu Rap-Kollegen und spielt mit Worten. Dass er dabei auch den Hip Hop als Bewegung fest im Blick hat, versteht sich von selbst.

In "Home" sieht er sich, in Anspielung auf Moses, dazu berufen, sein Volk aus der Dunkelheit zu führen. Das mag pathetisch überspitzt klingen, ist es auch, aber bei solchen messerscharfen Lyrics sei ihm das vergeben. "Though this is from Heaven give 'em verses from hell / Those that fell off the path, bring 'em back to the math / Your staff will be your microphone / Your name is Common, you was born to fight the norm / Take house niggas outta darkness 'till they lights is on / I'mma put a hyphen on your name: rapper/actor/activist."

Der Titeltrack, getragen von wütend in die Tasten gehauenen Piano-Schlägen, macht mit einfachen, aber direkten Worten klar, worum es hier geht: "Here we go, here, here we go again / Trayvon'll never get to be an older man." Der taz erzählte er unlängst: "In der Geschichte der USA hat es im Umgang mit schwarzen Menschen immer wieder Ungerechtigkeiten und Unterdrückung gegeben. Auch heute sieht man, dass junge Menschen in den Straßen umgebracht werden, und fühlt dabei einen großen Schmerz."

Diesen Schmerz, der sich bald in kontrollierte Wut umwandelt, lässt Common freien Lauf. "You know, you know we from a family of fighters / Fought in your wars and our wars / You put a nigga in Star Wars, maybe you need two / And then, maybe then we'll believe you." Doch um nicht nur an den Pranger zu stellen, sondern auch um Motivation fürs Anpacken zu liefern, singt Stevie Wonder: "We are rewriting the black American story." Ein Track, der unter die Haut geht.

Lonnie Rashid Lynn Jr. hat nicht ausschließlich die Wut gepachtet. Es geht nämlich auch deutlich versöhnlicher, lieblicher, ja, gar harmonisch: "Bein' in love is never out of style", stellt er in "Lovestar" zufrieden fest. Die Größe, die der MC bei dem Song über seinen 2014 verstorbenen Vater zeigt, geht einem ans Herz. "Little Chicago Boy" beschreibt gefühlvoll einen unperfekten, aber geliebten Lonnie 'Pops' Lynn, der großen Einfluss auf das Leben seines Sohnes hatte. "Though I can't touch him, I can still feel him."

Zwar vordergründig versöhnlich, schlussendlich aber eben doch stark kritisierend, rappt er über "The Day Women Took Over". Er malt ein Bild, in dem Frauen alles Schlechte der Welt ausradieren, wir in Harmonie miteinander leben, Männer und Frauen gleichberechtigt sind, die Schönheit in all ihren Formen zum Sprießen kommt, "peace and unity the way it's meant to be", eben. Damit kontrastiert er überspitzt einen Ist-Zustand, der sich stark vom Soll-Zustand unterscheidet.

Um all seinem Können am Mic Raum zu schaffen, engagierte er für die Instrumentals Karriem Riggins, der den Großteil der Produktion stemmte. Der gelernte Jazz-Drummer achtet hervorragend auf die Gefühle und Themen der Lyrics und schafft Common so eine Grundlage, auf der er sich voll entfalten kann. Das können frisch klingende Boom Bap-Beats sein, ruhigere Gitarren-Klänge, Piano oder schwebende Drums. "Unfamiliar" gerät beinahe kitschig, während "Red Wine" dunkel und bedrückend wirkt. Die aus Samples und eingespielten Instrumenten bestehenden Beats wirken wie aus einem Guss und drängen sich nie auf.

Der Conscious-Rapper dagegen erfindet seinen tiefentspannten "hieroglyphicable prolifical flow" zwar nicht neu, zeigt aber in "Pyramids" eindrucksvoll, dass er auch mal ein paar Schellen Richtung aktueller Trends austeilen kann: "Every rap's a miracle, condition now critical / Can't lack lyrical, we need black generals." Der Refrain sampelt Ol' Dirty Bastard, und den ATCQ-MCs zollt er Respekt: "In theory, though, low end scenario / And sound boy burial drove me to classic material."

"Letter To The Free", der fulminante und vor Wut schnaubende Ausgang des Albums, zieht noch einmal alle Register. "We ain't seen as human beings with feelings / Will the U.S. ever be us? Lord willing!" Geschickt vermengt er das Thema Sklaverei mit biblischen Werten und zieht Inspirationen aus einem Gedicht des 19. Jahrhunderts: "Slavery's still alive, check Amendment 13 / Not whips and chains, eye subliminal / Instead of 'nigga' they use the word 'criminal' / Sweet land of liberty, incarcerated country / ... / Prison is a business, America's the company."

Common scheint in Rassismus, Ungerechtigkeit und den unsteten Zeiten neue Gegner gefunden zu haben, gegen die es sich lohnt, in den Kampf zu ziehen. Mit so klaren Aussagen bewegt er sich sehr nah am Zeitgeist, bleibt relevant, aktuell und damit unbedingt hörenswert. Wer fand in diesem Jahr schon so direkte Worte auf Albumlänge? Common kann wohl nicht anders, er führt Großes im Schilde: "We write our own story, black America again."

Trackliste

  1. 1. Joy And Peace feat. Bilal
  2. 2. Home feat. Bilal
  3. 3. Word From Moe Luv Interlude
  4. 4. Black America Again feat. Stevie Wonder
  5. 5. Love Star feat. Marsha Ambrosius & PJ
  6. 6. On A Whim Interlude
  7. 7. Red Wine feat. Syd & Elena
  8. 8. Pyramids
  9. 9. A Moment In the Sun Interlude
  10. 10. Unfamiliar feat. PJ
  11. 11. A Bigger Picture Called Free feat. Syd & Bilal
  12. 12. The Day Women Took Over feat. BJ the Chicago Kid
  13. 13. Rain feat. John Legend
  14. 14. Little Chicago Boy feat. Tasha Cobbs
  15. 15. Letter To the Free feat. Bilal

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LAUT.DE-PORTRÄT Common

Common. Unpassender hätte der Rapper aus Chicago seinen Namen nicht wählen können. Von "gewöhnlich" ist dieser Styler vor dem Herren Lichtjahre entfernt.

7 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Wie sehr diese Zeit einen Common braucht, spiegelt sich ebenfalls in der Kommentardichte wider.

    • Vor 3 Jahren

      Es ist halt auch eher ein "erwachsenes" Album. Ähnlich wie das Tribe Album, welches hier auch kaum jemanden interessiert hat. Aber Kommentar= gutes Album? Nicht wirklich, oder? Es ist nicht deutsch und es polarisiert nicht, da schreibt dann auch keiner ;)

      Ich find´s übrigens ganz nice, wenn auch noch nicht rundgenudelt für´s Fazit.

    • Vor 3 Jahren

      Habe nichts gegen Common. Finde nur nicht, dass das irgendwie zeitgemäß und unbedingt nötig war - schon gar nicht für Rap - dieses Album zu releasen.

      Über die Qualität des Albums will ich nichts gesagt haben. Ich halte es nur nicht für sonderlich "relevant". Und so wenig Kommentare, bei einem derartig bekannten Künstler, und dann auch noch in der hier am besten vertretendsten Sparte - das ist schon eher bezeichnend.

    • Vor 3 Jahren

      Du bist halt nicht schwarz! Das kann hier vllt Baude fühlen! FUBU, du weißt!

    • Vor 3 Jahren

      Haha. Glaube, Baude fühlt mehr beim Kacken als beim Hören eines Common Albums 2016. Aber vll. liege ich ja falsch und er wird mich des Schwertes der Rechtgläubigen tributzollend maßregeln. :D

    • Vor 3 Jahren

      Jetzt warte ich allerdings auf ein 21 Savage feature mit Gucci Mane, in dem Guwop brüllt, "FUBU back, FUBU back" und Savage flüstert hinterher, "MAGA, MAGA - stars 'n' Straps".

    • Vor 3 Jahren

      Guck, ich dachte das wird erst noch released, Danke für die Erinnerung. Geladen iz da, Meinung kommt bald.

  • Vor 3 Jahren

    Mag Common eigentlich. Aber seine letzten 3,4 Alben gingen voll an mir vorbei. "Be" und dessen Nachfolger mocht ich sehr.

  • Vor 3 Jahren

    nicht das ihr mich falsch versteht. ich bin da voll bei gg allin! violence now und kill the police und ich wäre der letzte, der um nen toten bullen weinen würde... aber ich gehe recht in der annahme, dass die die news, dass irgendwelche zugedröhnten gangbanger polizisten/sanitäter/feuerwehrleute abknallen ausschließlich propaganda von "breitbart" und fox news sind? Und die tatsache, dass irgendwie 50% insassen von amerikanischen hochsicherheitsgefängnissen schwarz und 40% latinos sind, ist ausschließlich dem institutionellen rassismus geschuldet, ja? :confused: