laut.de-Kritik

One Trick Pony mit Kehlkopfüberschlag.

Review von

Die gute Nachricht: Es gibt sogar einen glaubwürdigen Song gegen Ende, "How Did You Get Here". Den Duffy oder Alessia Cara wohl auch mit mehr Herzblut sängen. Aber bei Celine Dion geht es gar nicht darum, dass eine Songwriterin sich mitteilen würde. Es geht ums Schauspiel, um eine Aushängeschild-Figur, die von einer Welt der Zweisamkeit und Einsamkeit singt, in der edle Parfums, teure Taschen, Schuhe und Schmuck das Non-Plus-Ultra sind. Hier stehen nicht Menschen im Mittelpunkt, sondern das Materielle, Macht, Symbolik, Status, stark und schwach, perfekt und unperfekt.

Auf "Courage" geht es nicht um Gefühle für jemanden, sondern darum, was eine Frau meint in einem Mann auslösen zu können. Diese Frau ist natürlich eine unabhängige Frau von Welt, die Liebhaber zu wechseln als Gesellschaftsspiel wie Mensch-ärgere-dich-nicht spielt. Willkommen also im Setting der kanadischen Kehlkopf-Salto-Springerin.

Waren wir Balladen wie Sand am Meer von ihr gewohnt, scheint ihr das Label-Management einen heißen Tipp gegeben zu haben. "Pssst, Celine: Dance-Pop ist der heiße Scheiß"! Macht sie. Auch wenn es davon noch mehr Überflussware gibt als von ihren Herzschmerz-Balladen, biegt die Mainstream-Künstlerin brav in den aktuell angesagten Sound ein. In den austauschbaren Dance-Pop, der seit ungefähr 2013 Europas UKW-Wellen in 24-Stunden-Haft genommen hat, reiht sich auch dieses Album ein.

Celine möchte wohl wieder ins Radio. Ihr Problem wird sein, dass sie damit nicht auffallen wird. Shazamt man sie nicht extra, man käme nicht darauf, wen man hört; es könnte vom Sound her auch Ellie Goulding sein oder Taylor Swift oder wer weiß wer. Nur die Stimmlage ist anders.

Die Texte handeln durch die Bank vom Ego einer Frau und davon, wie sie einen Mann manipulieren kann. Die Musik umfasst etwas schnellere Midtempo-Songs, mittlere Midtempo-Songs und etwas langsamere Midtempo-Songs. Die Gesangsbrocken, die Frau Dion abwirft, klingen wie aus dem Ei gepellt, aber auch völlig sterilisiert. Wo Auto-Tuning sonst schief getroffene Töne gerade biegen soll, biegt es sie hier weiter in die Schieflage, um Celine Dions emanzipatorischen Symbol-Kehlkopfkieks rundum auszuformen.

Celine Dion konnte nicht wissen, dass ihr in Deutschland bereits Matthias Reim und Tim Bendzko im Kampf um die Pole Position für die grottigsten Lyrik-Wiederholungen auf den vorhersehbarsten Musik-Arrangements zuvorkommt. Es wird eng auf dem Weg zum schlechtesten Album des Jahres.

Doch "Courage" hieße ja nicht so, ginge es nicht um Mut. Ab und an wagt die Dion ein paar soulige Einsprengsel, wodurch das Album fast schon Charakter zeigt, etwa in "How Did You Get Here" und "Perfect Goodbye". Den Durchritt in den völligen Ausverkauf überdeckt das One Trick Pony Celine dadurch, dass die Lieder scheinbar alle ganz gut sind und man formal nichts an ihnen aussetzen kann. Das Album ist solide produziert. Der Sound klingt zwar sehr digital durchberechnet, aber immerhin so professionell, wie man das von einer internationalen Künstlerin ihrer Größenordnung erwarten kann.

Überhaupt hört sich alles so an, wie man es erwarten kann. Die Sängerin interpretiert all diese mittelschnellen Songs mit demselben gespielt intimen Timbre und demselben ich-muss-innehalten-weil-ich-mich-selbst-finde-Pathos wie ihr Balladen-Geschmirgel. Sie gibt den Leuten genau das, worauf der "Nur für dich! Die besten Hits"-Radio-Mainstream, den man beim Zahnarzt, beim Friseur und im Taxi hören muss, ihre Fans schon konditioniert hat. Aber Electro-Pop und Liebesgedusel könnte man ja auch viel authentischer machen. Dann wäre es zwar immer noch so vorhersehbar wie bei Carly Rae Jepsen, aber zumindest 'echt' und mitteilsam, nicht so penetrant aufgesetzt wie hier bei Celine.

Vielleicht sollte Celine Dion etwas Substantielles covern, Musik eines anderen Genres, mit Ecken und Kanten. Es könnte dazu führen, dass man sich nach dem nächsten Album an wenigstens einen Song oder Moment erinnert. An "Courage" bleibt nach dem Anhören eine so genaue Erinnerung haften, wie an Wasser, das aus dem Wasserhahn kommt. Die Musik fungiert als neutraler, anwesender Geräuschstrom im Rahmen von Marketing-Gesetzmäßigkeiten. Die wie mit dem Taschenrechner vorkalkulierten Gefühlsausbrüche sind absolute Notfallmusik, wenn man etwa in einem Zug ein lautes Telefonat eines Mitreisenden übertünchen will. Kopfhörer rein, Celine an.

Trackliste

  1. 1. Flying On My Own
  2. 2. Lovers Never Die
  3. 3. Falling In Love Again
  4. 4. Lying Down
  5. 5. Courage
  6. 6. Imperfections
  7. 7. Change My Mind
  8. 8. Say Yes
  9. 9. Nobody's Watching
  10. 10. The Chase
  11. 11. For The Lover That I Lost
  12. 12. Baby
  13. 13. I Will Be Stronger
  14. 14. How Did You Get Here
  15. 15. Look At Us Now

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