laut.de-Kritik

Verzweifelt, aber dennoch tröstend.

Review von

1982 hatte es Bruce Springsteen geschafft. Nach fünf Alben, tausenden Auftritten, zwei Managern und vielen Nächten mit knurrendem Magen auf harten Böden war sein Bankkonto endlich gefüllt und sein Name ein Synonym für ehrlichen, schweißtreibenden, mitreißenden Rock. "I saw rock and roll future and it's name is Bruce Springsteen" hatte der Journalist John Landau bereits 1974 geschrieben. Es dauerte jedoch noch einige Jahre, bis die Zukunft zur Gegenwart geworden war.

Springsteen war nun "a rich man in a poor man's shirt", wie er 1992 im Lied "Better Days" erkannte - und fiel in ein tiefes Loch. Mit unmenschlicher Kraft hatte er nicht nur sich und seine E Street Band aus der Armut gespielt, sondern auch seinen depressiven Vater beeindruckt. Ihr schwieriges Verhältnis war die Quelle vieler seiner Stücke gewesen. Als er seinen Eltern mitteilen konnte, sich ein schönes Haus zu suchen, Geld spiele keine Rolle, war der erste Teil von Springsteens Lebens vorbei.

Landau, mittlerweile sein Manager und engster Freund, hatte ihm Stapel an Büchern zugesteckt. Romane, Biographien, ein Sammelsurium aus amerikanischen und europäischen Autoren. Von Depressionen geplagt, setzte sich Springsteen oft in sein Auto uns besuchte die Orte seiner Kindheit. Einmal fuhr er ziellos von seiner Heimat New Jersey an die Westküste und wieder zurück. 10.000 Kilometer auf der Suche nach etwas, das ihm entging.

Die andere Seite Springsteens war der "Boss". Um den Laden am Laufen zu halten, mussten neue Lieder für eine neue Platte her. Statt wie gewohnt mit ein paar Ideen ins Studio zu gehen, zu jammen und mit ein paar neuen Ideen nach Hause zurückzukehren, entschied er sich für eine neue Vorgehensweise. "Ich besorgte ein kleines Teac-Vierspur-Kassettengerät und sagte mir: 'Ich nehme diese Songs alleine auf. Wenn sie gut klingen, bringe ich sie der Band bei'. Ich konnte singen und Gitarre spielen, dann hatte ich zwei Spuren, um etwas anderes zu machen, zum Beispiel eine Gitarre oder eine Harmonie hinzuzufügen. Es sollte nur ein Demo werden. Dann hatte ich einen kleinen Echoplex, durch den ich alles mischte, und das war's", erinnerte sich Springsteen später in einem Interview mit dem Rolling Stone.

Die Vorgehensweise war fruchtbar - am 3. Januar 1982 nahm er gleich 15 Stücke auf. Die Kassette von jenem Tag steckte in seiner Jackentasche, bis er im April die Band zusammentrommelte. Auch hier ging es flott zu, denn er hatte noch einige Stücke mehr vorbereitet. In drei Tagen war genügend Grundmaterial für zwei Alben im Kasten.

So sehr Springsteen seine Band auch liebte - ihre Interpretation des Materials vom 3. Januar überzeugte ihn nicht. Sollte er die Stücke im Studio noch mal alleine aufnehmen? Was dann geschah, ist vermutlich einzigartig: Er beschloss, die Kassette als Album herauszubringen. Technisch eine schwierige Sache, da die Aufnahmequalität bescheiden war, doch das ließ sich mit viel Mühe beheben.

Noch schwieriger dürfte es für Landau gewesen sein, Springsteens Label Columbia zu überzeugen: Statt auf dem Erfolg aufzubauen, den "The River" 1980 erzielt hatte, machte der Mann, der mit seinem Rock Hallen füllte, plötzlich auf Bob Dylan. Und das zu einer Zeit, als Folk völlig out war. Selbst Dylan war auf Gospel und Soul umgestiegen.

Im Opener, gleichzeitig der Titeltrack, steht ein junger Mann vor Gericht, der mit seiner Freundin zehn Menschen umgebracht hat. "Ich kann nicht sagen, dass es mir leid tut. Wenigstens hatten sie und ich für eine kleine Weile etwas Spaß", erklärt er. Um gleich darum zu bitten, dass seine Holde auf seinem Schoß sitzen möge, wenn er auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wird. Warum er es getan habe? "Nun, ich schätze, es gibt einfach eine gewisse Niedertracht in dieser Welt", so die letzte Zeile.

Es ist keine Gewaltverherrlichung. Springsteen lässt den Mörder so traurig klingen, dass man fast schon Mitleid mit ihm hat. Hier wandelt sich die unprofessionelle Aufnahme in eine Stärke um: Die Mundharmonika zu Beginn klingt wie ein Heulen, Springsteens leise Stimme lässt den reuelosen Mörder wie ein niedergeschlagenes Kind erscheinen. Den Aufnahmen haftet allgemein etwas Gespenstisches an, als kämen sie aus einer anderen Zeit. Oder aus dem Jenseits.

Auch in "Atlantic City" geht es um ein Pärchen. Dieses überlegt sich, ob es wegziehen oder in der heruntergewirtschafteten Stadt bleiben soll. Der Mann könnte doch als Gangster anheuern? "Alles stirbt, Baby, das ist eine Tatsache, aber vielleicht kommt alles, was stirbt, eines Tages wieder zurück" versucht er ihr, und sich, Mut zu machen.

Weitere prägende Figuren sind "Johnny 99", der betrunken und verzweifelt überwältigt wird, als er dem Bankangestellten, der ihn in den Ruin getrieben hat, mit einer Pistole droht. Ein umbarmherziger Richter verdonnert ihn dafür zu 98 + 1 Jahre Knast. Joe Roberts verfolgt in "Highway Patrolman" eines Nachts seinen nichtsnutzigen Bruder, nur um anzuhalten und zuzuschauen, wie er sich nach Kanada absetzt. Angehalten zu werden ist eh eine ganz schlechte Sache: In "State Trooper" klingt Springsteen so, als würde er ein verzweifeltes Gebet ausstoßen.

Mehrmals verarbeitet er die schwierige Beziehung zu seiner Familie. In der "Mansion On The Hill" ist es heimelig (eine Erinnerung an die Familie seiner Mutter), während in "My Father's House" mittlerweile Fremde wohnen. Das Gefühl der Armut, das ihn in der Kindheit begleitete, führt dazu, dass er sich niemals mehr "Used Cars" kaufen will.

Der rote Faden, der die Stücke zusammen hält, erschließt sich zum Schluss. Springsteen beobachtet einen Mann am Straßenrand, der einen Hund überfahren hat. Verwirrt stochert dieser mit einem Stock am Kadaver herum, als ob er weglaufen würde, wenn er nur lange genug herumstünde. "Das kam mir merkwürdig vor. Doch am Ende eines jeden harten Tages finden die Leute immer noch einen Grund zu glauben", so der zentrale Punkt von "Reason To Believe" - und des gesamten Albums.

Woran Springsteen glaubt? Allem voran an die heilende Kraft der Musik. An jenen Rock'n'Roll, dem er nicht nur in "Open All Night" huldigt, sondern an jedem Abend, an dem er auf der Bühne steht und sich auch jenseits der 70 bis zur Erschöpfung verausgabt. "Meine Probleme waren nicht so offensichtlich wie Drogen", erklärte Springsteen 2012 dem New Yorker. "Meine waren anders, sie waren leiser - genauso problematisch, aber leiser. Bei allen Künstlern gibt es aufgrund der persönlichen Geschichte und des Selbsthasses einen enormen Druck zur Selbstverleugnung, der auf der Bühne stattfindet. Es ist beides: eine enorme Selbstfindung und gleichzeitig eine Selbstaufgabe. In diesen Stunden ist man frei von sich selbst; alle Stimmen im Kopf sind weg. Einfach weg. Es gibt keinen Platz für sie. Es gibt nur eine Stimme, die Stimme, mit der du sprichst."

Stets dabei, wie in "Doktor Jekyll und Mister Hyde": der Boss. Der Vorsatz, kosteneffizient vorzugehen, ging voll auf. "Nebraska" kostete ihn genau 1.050 Dollar, meinte Springsteen, der Preis für das Aufnahmegerät. Verglichen mit anderen seiner Werke waren die Verkaufszahlen eher mau, dennoch erreichte es in den USA Platz drei und Platinumstatus. "Born In The USA", 1984 veröffentlicht und eines der erfolgreichsten Alben aller Zeiten, war sogar noch effizienter: Acht der zwölf Stücke waren in jener Drei-Tages-Session im April 1982 entstanden.

Kaum zu glauben, dass die Alben aus der selben Zeit stammen. Der Über-Hit "Born In The USA" gehörte zu jenen 15 Stücken vom 3. Januar, aus denen die zehn für "Nebraska" ausgewählt wurden. Zwar gilt es vielen als zweite US-Hymne, doch ist es in Wirklichkeit genau das Gegenteil, die Klage eines Veteranen aus dem Vietnam-Krieg, der sich von der Politik im Stich gelassen fühlt. Ein Missverständnis, über das Springsteen nach wie vor den Kopf schüttelt. Aber nicht zu stark, schließlich hat es ihn zum Multimillionär gemacht.

Die Demoversion von "Born In The USA" erschien 1998 auf der Zusammenstellung "Tracks". Die restlichen vier Stücke vom 3. Januar ("Downbound Train", "Pink Cadillac", "Child Bride" und "Losin' Kind") sind im Original nie erschienen, zumindest nicht offiziell. Was auch fehlt, sind die Aufnahmen von "Electric Nebraska", die Songs des Albums mit der Band. Das 40. Jubiläum 2022 wäre eine gute Gelegenheit für eine Deluxe-Ausgabe gewesen, doch ist lediglich eine Sammler-Vinyl-Ausgabe mit den bekannten Stücken erschienen.

Manager Landau hat erklärt, dass die Band-Versionen nie herauskommen sollten. Vermutlich hat er Recht - in seiner Schnörkellosigkeit ist "Nebraska" ein Album für die Ewigkeit, verzweifelt, aber dennoch tröstend. So hat Aoife O'Donovan im Mai 2020 während des ersten Corona-Lockdowns das gesamte Album live und an einem Tag in ihrer Wohnung eingespielt. Den Stream hat sie auf Bandcamp veröffentlicht. Lohnenswert.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Nebraska
  2. 2. Atlantic City
  3. 3. Mansion On The Hill
  4. 4. Johnny 99
  5. 5. Highway Patrolman
  6. 6. State Trooper
  7. 7. Used Cars
  8. 8. Open All Night
  9. 9. My Father's House
  10. 10. Reason To Believe

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6 Kommentare

  • Vor einem Monat

    Für mich das beste Springsteen Album. Der gleichnamige Song ist atmosphärisch einfach unschlagbar

  • Vor einem Monat

    Es gibt so Künstler da bin ich eher so stiller Beobachter, finde manches gut, und manchmal ist es auch ein ganzes Album welches in meinem Regal und auch gerne mal im Player landet. Springsteen und "Nebraska" ist ein perfektes Beispiel dafür.

  • Vor einem Monat

    Ich bin jetzt mal so faul/eitel und recycle mein Geschreibsel hierzu aus aus eurem Alben-Ranking vom letzten Jahr, wesentlich gescheiter würde es - der schnieken Review zum Trotz - heuer meinerseits auch nicht werden:

    So ein bisschen das Gegenstück zu "The River", finde ich. Stilistisch sicher interessanter, weil in Form (Solo+Akkustik) und Inhalt (düster-melancholische Geschichtensammlung) tatsächlich sowas wie ein Bruch zu den vorherigen Veröffentlichungen. Noch jenseits der Darkness On The Edge Of Town (oder so ähnlich). Seine Stimme hat zu diesem Ansatz auf jeden Fall auch sehr gut gepasst und die Texte sind auf keinen Fall schlechter als davor. Trotzdem geht die Scheibe für mich nicht hunderprozentig auf.

    So sehr ich die Entscheidung, es bei den ursprünglichen Demos zu belassen, künstlerisch konsequent und nachvollziehbar finde - auf einigen Songs fehlt mir einfach musikalisch was, das mich auch mal auf Replay drücken ließe. Vor allem aber bin ich offenbar doch einfach Fan seiner klassischen Glücksritter-Kiste mit Aufbruch, Tonight und allem Drum und Dran. Mein Lieblingstitel hierauf ist witzigerweise dann auch wieder der, der diesem abgehangenen Prinzip am nächsten kommt, nämlich Atlantic City.

    P.S.: Im Künstlerprfil ist die Rezi noch nicht eingebettet, vll. könnt ihr das ja noch nachholen :)

  • Vor einem Monat

    Dieser Kommentar wurde vor einem Monat durch den Autor entfernt.

  • Vor einem Monat

    Ehrlich gesagt ist das die einzige Platte, die ich des Öfteren vom Boss mal wieder herausziehe. Hat einfach eine unbeschreibliche Melancholie, das Ding.