laut.de-Kritik

Wölfische Dissonanzen im romantischen Schafspelz.

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"Leichte Kost ist das nicht. Aber wer seine Liebste mal mit etwas Anspruchsvollem beeindrucken möchte, sollte diese Scheibe auflegen, eine Pfeife anzünden und vorsichtig mit der Cashmere-Decke zum Kuscheln winken." Wenn sogar der Playboy zum Stelldichein mit Brad Mehldau lockt, sollten wir den Ruf nicht ungehört verhallen lassen.

Brad Mehldau hat sich in den vergangenen sieben Jahren einen festen Platz in der Hall Of Fame der Jazzpianisten erspielt. Zusammen mit seinen Tastenkollegen Esbjörn Svensson und Cornelius Claudio Kreusch verkörpert er eine junge Generation brillanter Instrumentalisten. Seine Vorliebe für klassisch-romantische Klaviermusik, seine ausladenden Improvisationen, sein Gespür für offene harmonische Voicings, seine brillante Technik und seine eigenwilligen Komposition kommen in seiner langjährigen Besetzung "The Art of The Trio" mit Bassist Larry Grenadier und Drummer Jorge Rossy hervorragend zur Geltung.

"Largo", die neunte Veröffentlichung in sieben Jahren, trägt den Namen eines Clubs in Los Angeles. Zusammen mit dem Singer/Songwriter Jon Brion (The Grays, Fiona Apple, David Byrne, Jellyfish) legt Brad ein Album vor, auf dem er zahlreiche Gastmusiker versammelt, um sich mit ihnen gemeinsam das Popularmusik-Universum etwas genauer anzuschauen. Trip Hop-Beats und Metalgrooves treffen auf klassisch-romantische Improvisationen.

Der Opener "When It Rains" präsentiert sich als Trip Hop - Pop - Ballade mit schöngeistlicher Jazz-Improvisation im Keith Jarrettschen Sinne, "You're Vibing Me" als klassischer Jazz mit nettem Klavier-hinterm-Vorhang-Solo-Sound. Auch "Dusty Mcnugget" bietet klassischen Trip Hop im Hip Jazz-Gewand mit extrem hohem Jazzfaktor.

"Dropjes" bezeichnet den Moment, an dem die Freundin ihrem playboylesenden Charmeur die Platte um die Ohren haut. Meine Popfreunde bezeichnen so etwas immer als Free Jazz, obwohl es (noch) gar keiner ist. "Paranoid Android" ist die neunminütige Radiohead-Adaption, in der er seine Fähigkeit, sich fremdes Material auf individuelle Weise zu eigen zu machen, eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Bei "Sabbath", mit verzerrtem Klavier und Metalgroove, wirft die Braut unseren Cashmere-bemantelten Intellektuellen aus der Wohnung. Experimentell ist es, aber schön? Dieses Attribut prägt schon eher die Klangwelt von "Dear Prudence", dem ersten Beatles-Cover, für mich der herausragende Titel auf "Largo".

"Free Willy" klingt, wie man es aufgrund des Titels vermutet. "Alvarado" erscheint im Bossa-Kostüm. Die Doppelnummer "Wave / Mother Nature's Son" huldigt noch einmal den Fab Four, bevor in "I Do", einer Ballade, eine seiner Stärken voll zur Geltung kommt: wölfische Dissonanzen im romantischen Schafspelz.

Leichte Kost ist "Largo" wahrlich nicht. Wer aber seine Liebste mit etwas Anspruchsvollem beeindrucken möchte und anschließend noch etwas kuscheln will, dem empfehle ich doch eher Norah Jones, Cassandra Wilson oder Dhafer Youssef.

Trackliste

  1. 1. When It Rains
  2. 2. You're Vibing Me
  3. 3. Dusty McNugget
  4. 4. Dropjes
  5. 5. Paranoid Android
  6. 6. Franklin Avenue
  7. 7. Sabbath
  8. 8. Dear Prudence
  9. 9. Free Willy
  10. 10. Alvarado
  11. 11. Wave/Mother Nature's Son
  12. 12. I Do

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