laut.de-Kritik

Neffen, spart euch das Geld!

Review von

Halleluja! Die Onkelz haben die nächste Möglichkeit für sich entdeckt, den wahnwitzigen Veröffentlichungsrhythmus seit ihrem Comeback aufrechtzuerhalten. Das fünfte Livealbum in fünf Jahren war wohl selbst Deutschlands härtester Konkurrenz zu Helene Fischer zu viel des Guten. Wie praktisch, dass sich die zweite Rock-O-Rama-freie Platte der Band heuer zum 30. Mal jährt. Die erste, "Onkelz Wie Wir", hatten sie ja bereits 2004 neu eingespielt und zum 20. Jubiläum neu veröffentlicht.

Diesem Beispiel folgen Böhse Onkelz nun mit "Kneipenterroristen". Alles für die Fans, natürlich. Die stellen zweifellos das stärkste Kapital der Gruppe dar, halten weite Teile doch so fest zur Band, dass sie alles abnehmen, solange nur Onkelz drauf steht. Drängt man eine Gemeinschaft in die Ecke, rückt sie eben noch enger zusammen.

Die riesige (Business-)Maschine BO nutzt das Phänomen freilich auch geschickt. Medien werden nicht mehr oder nur in Ausnahmefällen bemustert und zu Konzerten zugelassen. Die Berichterstattung geht also nicht nur deshalb zurück, weil kaum einer mit der Truppe zu tun haben möchte.

"30 Jahre Kneipenterroristen" zahlt sich im Preis-Leistungs-Verhältnis wohl vor allem für Stephan Weidner, Kevin Russell, Gonzo Röhr und Pe Schorowsky aus. Songs wie "Freddy Krüger" neu zu lernen und einzuspielen, stellte das Quartett wohl vor keine allzu große Herausforderung. Sie spielen einfach den alten Stiefel runter, sind sich auch nicht zu schade, den geradezu unverschämt stumpfen Bierzeltschunkler "Ein Guter Freund" noch einmal einzuhacken. Eine Band mit Stadionerfahrung zu hören, wie sie auf Niveau einer frisch gegründeten Schlagerpunkband spielt, ist schon ein bisschen traurig.

Auch sonst verzichten die Onkelz – wohl bewusst – auf allzu offensichtliche spielerische Qualitätssteigerung. Gitarrist Gonzo bewies schon des Öfteren, dass er es eigentlich besser kann, nudelt hier aber stur die substanzlosen Soli (a.k.a. Fingerübungen) runter, die er vor drei Dekaden einmal zusammengepuzzlet hat. Bar jeder Dynamik knödelt er sich durch das bemüht doomige "Tanz Der Teufel", seine Leads so holprig, als lese er Noten vom Blatt ab, die er vorher noch nie gespielt hat.

Als versiertester der Truppe sticht, wenig verwunderlich, Stephan Weidner hervor. Ein paar Mal, unter anderem im Instrumental "28" und der Bandhymne "So Sind Wir", knallt sein Bass ziemlich tight durch die Produktion und sorgt für die besten, weil groovigsten Momente der Platte.

Auch Kevin Russell schlägt sich gut. Der Sänger gurgelt noch fieser als im Original, seine Stimme klingt voller, was natürlich auch an der Produktion liegt. Die killt die 1988-Version freilich schon aus technischen Gründen locker. Statt den Sound nur anzufetten, nutzen die Onkelz die Gelegenheit, um "Kneipenterroristen" insgesamt mehr gen Metal zu rücken. Die Slayer- und Maiden-Schlagseiten von "Lack + Leder" und "Freddy Krüger" sind unüberhörbar. Die über die Jahre auch in dieser Szene gewachsene Fanschar wirds freuen.

Aber selbst in der Produktion liefern die Onkelz keine so starken Argumente, wie man sie sich von einer Neuaufnahme wünscht. Mehrwert? Verbesserung oder wenigstens klare Unterschiede zum Original, was einen erneuten Kauf rechtfertigen würde? Fehlanzeige auf "30 Jahre Kneipenterroristen". Daran ändert erst recht die integrierte "Lügenmarsch"-EP nichts. Ich sage nur: "Ein feines Lächeln im Gesicht / Denn eine Hand spielt am Geschlecht" ("Könige Für Einen Tag").

Neffen, spart euch das Geld! Ihr kehrt letztlich doch wieder zur vertrauten Klassikerversion zurück, und sei es nur, um Textzeilen wie "Siehst du Wirte schwitzen, siehst du Gäste panisch flieh'n / Haben Kneipenterroristen nichts Gutes im Sinn / 'Kneipenvandalismus' steht auf unsrer Fahne / Kneipenterroristen kennen keine Gnade" aufs damalige Alter der Protagonisten schieben zu können.

Aus dem direkten Vergleich geht die Jubiläumsedition zwar als das qualitativ bessere Produkt hervor, jedoch mit so schwachen Argumenten, dass es nie am Status des Zeitdokuments kratzt. Kurzum: "30 Jahre Kneipenterroristen" ist in dieser Form einfach überflüssig. Möglicherweise lohnt sich die 99,95 Euro teure Box - aber an die tasteten sich unsere lästerlichen Finger bislang nicht heran.

Trackliste

  1. 1. Kneipenterroristen
  2. 2. Religion
  3. 3. Lack + Leder
  4. 4. So Sind Wir
  5. 5. Tanz Der Teufel
  6. 6. 28
  7. 7. Guten Tag
  8. 8. Nie Wieder
  9. 9. Freddy Krüger
  10. 10. Ein Guter Freund
  11. 11. Könige Für Einen Tag
  12. 12. Lügenmarsch

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24 Kommentare mit 107 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    Musik für Sancho und den dollb0hrer.

  • Vor 2 Monaten

    wo ist denn die stimme von russel fieser als im original?
    hört sich an, als sänge er neuerdings in nem verschissenen shanty-chor.
    rest der songs mal so, mal so - "kneipenterroristen" z.b. völlig verhunzt, "religion" oder "lack + leder" gefallen mir nen ticken besser, wobei ich das album halt auch wirklich lange nimmer komplett gehört habe.
    hätte da von den herren schon ein bissi mehr kreativität erwartet, zumal die produktion jetzt auch nicht so zwingend ist, aber eh egal, der kadavergehorsam der onkelzfans wird auch dieses werk in klingende münze verwandeln.
    unterm strich gebe ich dem original den vorzug, ansonsten rate ich zur "live in vienna", da ist (fast) alles an biergeschwängerter glückseeligkeit drauf, was man als begleitmusik fürn nen zünftigen komplettabsturz von den onkelz so braucht.
    1/5 ist natürlich trotzdem kompletter schwachsinn, aber von laut.de ist da dbzgl. auch nichts anderes zu erwarten.

    • Vor 2 Monaten

      "1/5 ist natürlich trotzdem kompletter schwachsinn"

      mein reden! wann kommt die möglichkeit, 0 punkte zu vergeben?

    • Vor 2 Monaten

      hab gehört, soll mit der nächsten von hauswolff rezi eingeführt werden.

    • Vor 2 Monaten

      für das gibts dann eh lautPlus, Bezahlartikel für unverbesserliche Selbstkasteier

    • Vor 2 Monaten

      lautPlus + DeinUpdate = die ultimate Unterhaltungsapp?

    • Vor 2 Monaten

      Mit exklusivem meuri ban

    • Vor 2 Monaten

      dHvW: :D @ von Hausswolff-Spitze, naise!

    • Vor 2 Monaten

      man muss das von ihr gebotene nicht mögen, aber im gegensatz zu den onkelz ist sie musikalisch relevant.
      Das waren die onkelz nie.

    • Vor 2 Monaten

      Ich wuerde mal ganz dreist behaupten, dass die Onkelz musikalisch wie auch “ideologisch” in Deutschland mehr Einfluss hatten als Anna von Hausswolff in Skandinavien und Uebersee. Oder kannst du mir jetzt spontan mindestens 10 Kuenstler nennen, die glasklar von von Hausswolff beeinflusst wurden?

    • Vor 2 Monaten

      Onkelz haben massiv Bands beeinflusst, siehe Freiwild, Enkelz usw.

    • Vor 2 Monaten

      Einfluss ungleich Relevanz.

    • Vor 2 Monaten

      Relevant sind Artists, die was musikalisch Neues zu sagen haben, die musikalische Richtungen verknüpfen oder trennen, neue Stile etablieren oder bestehende erweitern.

      Onkelz haben sicherlich ne Menge semitalentierte Hobbymusiker dazu gebracht, ebenfalls langweilige und schon zigmal gehörte Gitarrenriffs zu minderwertigkeitskomplexbeladenen Lyrics widerzukäuen. Will ich nicht abstreiten.

    • Vor 2 Monaten

      Stimme ich jetzt nicht unbedingt mit ueber ein. Aber ist an sich auch egal.

      Queen hasse ich auch wie nix anderes.

    • Vor 2 Monaten

      Was geht eigentlich mit Fantasy Football? :D Ich habe bei Yahoo! mal wieder alle Moeglichkeiten ausgereizt, habe von Brady, Brees, Wilson und Watson bis Bell, Brown, Gurley und Johnson alles in meinen teams vereint, und krebse ausgerechnet in der Winners League ganz hinten irgendwo herum. m

    • Vor 2 Monaten

      Ich persönlich habe ziemlich h8 gegen die onkelz. Wenn es sich nicht vermeiden lässt, würde ich an denen auch kein gutes haar lassen. Aber neben KdF, die selbst von den onkelz beeinflusst wurden, sind sie halt eine der ersten doitschen RlAC bzw O!bands. Wenn man so will “proto street punk“
      Alle “bedeutenden“ RACer der 80ies und früh 90ies genau wie die early O!s haben den onkelz tribut zollen müssen. Was mir auch nicht passt, aber sie waren halt mit die ersten, die freddy Krüger, hooliganismus, “Kneipen terrorismus“, Straßengewalt usw besangen und haben halt leider auch einen gewissen sound geprägt. Ich hätte es auch lieber gehabt, wenn cotzbrocken, rabauken,body checks, daily Terror, OHL, der Fluch oder vorkriegsjugend ihren fairen Anteil am hak und fame der onkelz gehabt hätten aber leider :/ :damn:

    • Vor 2 Monaten

      Dieser Kommentar wurde vor 2 Monaten durch den Autor entfernt.

    • Vor 2 Monaten

      Dieser Kommentar wurde vor 2 Monaten durch den Autor entfernt.

    • Vor 2 Monaten

      Auf dieser Art kann man den Onkelz natürlich auch mal Respekt zollen....geht klar!
      Entscheidend war aber auch dass das damals absolut authentisch war!
      Zumindest bis Anfang der Neunziger als zum einen die Verkaufszahlen mächtig anzogen und die Herren gleichzeitig die 30 überschritten hatten.
      Jedoch die größten kreativen Leistungen wurden mit gesenkten Testesteron geschrieben (HL/schwarz weiß) auch die drei Platten unter Virgin waren klasse Rockalben!
      Erst danach (!) gingen alle Alben bis zur Trennung auf 1 und es wurde ein wenig austauschbar allerdings immer wieder gespickt mit kleinen Perlen die man sicher auch auf der lurchigsten Dorfkneipen Onkelz“Party“ nicht zu hören kriegt.
      Im Grunde bis 2004 eine beeindruckende Erfolgsgeschichte!
      Zu der Reunion habe ich aber ein eher zwiespältiges Verhältnis da gibt es berechtigte Kritikpunkte!
      Die Versuchung war eben doch zu groß...was soll’s da sind sie nicht die Ersten und werden nicht die Letzten sein!
      ....so ausführlich wollte ich zu dem Thema eigentlich gar nichts mehr schreiben kenne ja die Spielereien hier bei dem Thema zur Genüge aber Torques Kommentar hat mich da jetzt inspiriert!
      Dann bleibt mir nur noch zu sagen:

      “Meilenstein für das schwarze Album“!!!