laut.de-Kritik

Abseitiger Humor und unkonventionelle Themen.

Review von

"Hallo, wir sind Blond, Musik ist unser Leben / Das ist unser Album, wir haben uns Mühe gegeben." So eröffnen Blond ihr Debütalbum. Nach Mühe klingt "Martini Sprite" nun gar nicht, und das im besten Sinne. Vielmehr nach viel Spaß und einer Band, die einfach richtig Bock darauf hat, Musik zu machen. Beim Hören von "Martini Sprite" fühlt man sich immer wieder mitgerissen, verspürt oft grinsend den unbedingten Drang nach Bewegung.

Vor vier Jahren erschien ihre erste EP "Blond", seitdem sind Nina (Gesang und Gitarre) und Lotta Kummer (Gesang und Schlagzeug) und Johann Bonitz (alles, das Saiten oder Tasten hat) eigentlich konstant unterwegs. Die ausgiebige Tourerfahrung der Band manifestiert sich auf dem Album verschiedentlich: Songs wie "Las Vegas Glamour", "Thorsten", "Hit" oder "Sanifair Millionär" beleuchten Musiker-Dasein und Reisealltag aus verschiedenen Perspektiven, aber immer mit viel Humor und einer Lastwagenladung Charme.

Für "Martini Sprite" hat sich die Band aus Chemnitz ihrer Muttersprache zugewandt, das kommt dem Album sehr zugute. Textlich wie musikalisch ist die Platte vielseitig, erfrischend und nie verkrampft, auch wenn es um gesellschaftlich relevante Themen geht. Zum Beispiel "Es Könnte Grad Nicht Schöner Sein": Der Song handelt von Menstruationsbeschwerden. Auf ein fast schon schnulziges Intro folgen ein harter Gitarrenlauf und Zeilen wie: "Zieh' dir unsern gottverdammten Zyklus rein / Oh, nein, in diese Gang kommen keine Typen rein / Vier Stunden Fahrt mit Schmerzen im Flixbus / Glaub' mir, die Periode ist kein Luxus." Und am Ende die zuckersüß gesungene Auflösung "Ist alles aber halb so schlimm / weil ich immerhin nicht schwanger bin."

Abseitiger Humor, unkonventionelle Themen, verpackt in unterhaltsame Arrangements: Die großen Qualitäten von Blond sorgen dafür, dass über die gesamte Spielzeit niemals Langeweile aufkommt. Eine weitere große Stärke liegt in ihrer schambefreiten Attitüde. Sie selbst sagen von sich, ihnen sei nichts peinlich. Das merkt man, die drei machen einfach, worauf sie gerade Lust haben, ganz egal wie andere das nun finden.

Diese Einstellung ist sicher lobenswert, kann aber auch nach hinten losgehen, so zum Beispiel auf "Sanifair Millionär": Hier legt Nina die E-Gitarre aus der Hand, stattdessen gibt es einen oldschooligen Beat mit West Coast-Vibes, der etwa SSIO sehr gut zu Gesicht stehen würde. Leider verhunzen Lines das Instrumental, für die sich die Massiven Töne schon Mitte der Neunziger geniert hätten. Kostprobe: "Was Brot und Wein, Tankgutschein! Wie kann man nur so verdammt heilig sein?" Der verklemmte Rezensent schämt sich da schon ein bisschen fremd. Trotzdem der beste Raptrack aus der Familie Kummer.

Der Song bleibt auch der einzige Ausrutscher, wenn man es überhaupt so nennen will. "Thorsten" zum Beispiel geht mit hartem Gitarrensound standesgemäß nach vorne, und stellt aufs Cleverste sexistische Vollidioten bloß. "Hit" ist genau das: ein absoluter Hit, mit verdammt coolem Vortrag.

"Match" preist in Zeiten von Onlinedatingportalen das Alleinsein und bleibt dabei eingängig und funky. "Kälberregen", eine vor Fantasie sprühende Fundgrube für Hobbypsychoanalytiker, strahlt wie das ganze Album eine authentische und unangestrengte Coolness aus.

Der beste Song des Albums ist aber ohne jede Frage "Sie". Mit "Sie" ist die Angst gemeint, die Frauen auf dem nächtlichen Heimweg verfolgt, eine Angst, für die man nichts kann und die man nicht haben müssen sollte. Eine Angst, über die man ungern redet, und vor allem eine Angst, über die es bisher noch keinen deutschen Popsong gab, vor allem nicht so einen guten.

Die nervöse Gitarre simuliert die Anspannung im Dunklen, wenn man nicht weiß, wer hinter einem geht, und macht das Gefühl Männern ein Stück weit präsenter. Einigen Frauen könnten eindringliche und ehrliche Zeilen wie "Ach, nein, ist schon okay, wenn ich allein nach Hause geh'" und "Ich fahr' eine weitere Station, wenn jemand aussteigt wo ich wohn'" aus der Seele sprechen.

Am Ende bricht sich noch einmal der Quatsch Bahn: Im "Outro" verabschiedet die Band sich herrlich komisch, selbst Sängerin Nina muss lachen bei "Wenn's euch nicht gefallen hat ist das auch gar nicht schlimm, denn vielleicht bekommen wirs beim nächsten Mal ja besser hin". Dazu lässt Johann an der Gitarre Klänge los, die an Jimi Hendrix denken lassen.

Wie gesagt, merkt man Blond die Konzerterfahrung an: "Martini Sprite" wird auf der Bühne zu hundert Prozent zünden, soviel Spaß und Begeisterung wie aus der Musik sprüht. Blond untermauern mit ihrem Debüt ihren Status als eine der coolsten Bands Deutschlands.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Autogen
  3. 3. Nah Bei Dir
  4. 4. Es Könnte Grad Nicht Schöner Sein
  5. 5. Las Vegas Glamour
  6. 6. Thorsten
  7. 7. Match
  8. 8. Sie
  9. 9. Kälberregen
  10. 10. Hit
  11. 11. Sanifair Millionär
  12. 12. Outro

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