laut.de-Kritik

Ein Spagat zwischen Pferdekutsche und Harley Davidson.

Review von

"Family Tree". Ein Album, das sich tatsächlich auch inhaltlich der Familie widmet. Vielleicht lässt sich deshalb auch so trefflich darüber streiten, ob man es gut finden soll oder nicht. Man argumentiert gar mit sich selbst und ist von Song zu Song unentschlossener. Es kommt sogar vor, dass während einzelner Tracks innere Uneinigkeit über deren Qualität herrscht.

Wie immer zählt die Trackliste dreizehn Stücke. Black Stone Cherry halten also auch auf dem sechsten Album an dieser Tradition fest. Als Opener starten die Südstaaten-Rocker mit einer schlechten Angewohnheit, "Bad Habit". Dabei ist die gar nicht so ganz schlecht. Eine solide Bass-Line, ein paar rasanten Riffs und gerade genug Blues, um sich der Eingängigkeit des Biers beim Altherren-Rockertreff anzugleichen. Etwas unauffälliger ziehen noch "Burnin'" und "I Need A Woman" vorüber. Ein unbewusstes Kniewackeln lässt sich kaum vermeiden, aber außer einiger melodischen, immer wiederkehrenden Gitarrenparts hinterlassen die Songs so wenig Eindruck, dass es für keinen extra Rülpser, respektive Gedanken darüber genügt.

An anderer Stelle kommt man unweigerlich zu der Auffassung, die Band wolle sich auf Biegen und Brechen vom 'Nickelback-Image' distanzieren. Erbarmungslos ziehen sie die Südstaaten-Nummer mit den klischeehaftesten Mitteln durch. Das Trommelfell perforierende billige Saloon-Piano in "A New Kind Of Feeling" stellt sich hier als der unerträglichste Vertreter der Southern-Rock-Instrumentierung heraus. Dabei hat der Song noch richtig rotzig rockig begonnen, bis Sprechgesangs-Einlagen mit Hall-Funktion und rhythmisches Klatschen stören. Und warum klingt Chris, als würde Tom Jones Steven Tyler imitieren?

Das Schellentamburin, das danach "Carry Me On Down The Road" einläutet, dümpelt weiter in südliche Richtung. "I Need A Woman" und "Ain't Nobody" reihen sich in die Riege der entstellten Rocksongs ein. Am Schlimmsten trifft es "You Got The Blues". Allerlei Südstaaten-Klimmbimm karikieren den Song, der zunächst durchaus vielversprechend wie eine klassische Hardrock-Nummer beginnt. Was in den vorangegangenen Alben noch in angenehmen Dosen Anwendung fand, wird hier in einem Höchstmaß überstrapaziert.

Einigermaßen ratlos bleibt man nach dem abrupten Ende von "Dancin' In The Rain" zurück. Der einzige wirkliche Supergau findet aber schon vor der Hälfte des Albums statt. Melancholisch, von nur ein paar gezupften Saiten begleitet, singt Chris Robertson von seinem "Last Breath". Vor dem inneren Augen schreitet er andächtig zu seiner eigenen Beerdigung. Wie sich in den folgenden langatmigen Minuten herausstellt, war er aber wo anders hin unterwegs, handelt es sich hierbei nämlich um eine Ode an unzerbrechliche Familienbande. Und so schwillt der vermeintliche Trauermarsch im Mittelteil zu einer unerträglich kitschigen Hymne an. Zur Dramaturgie darf ein Gospel-Chor Chris' Echo und die Echos der eigenen Echos intonieren. Und weil es so schön war, recycelt "Ain't Nobody" das gleiche Muster noch einmal. Ab in den Restmüll damit! Da sind vor Jahren mit "Sometimes" oder "What My Father Said" schon bessere Balladen zustande gekommen, die nicht klingen, als wurden sie im Schein einer Duftkerze geschrieben. Immerhin: Bei dem Song endet der innere Diskurs um eine Bewertung mehr oder minder umgehend.

Neben Chor, Orgel, Kneipenpiano und Schingeling-Tamburin gabs wohl einen vermutlich antiquierten Stimmverzerrer for free dazu. Der transformiert bei "Southern Fried Friday Night" den Sprechgesang in ein Didgeridoo. Leider ein ziemlich ausgelutschter Effekt. Für "James Brown" rauscht die Stimme dann wie aus dem Telefonhörer. Immerhin kommen die Jungs bei dem Track nach einem " uhu u uhu u"ngemein bemüht nach Soul klingenden Start stilistisch wieder ins Gleichgewicht. Man glaubt fast, die Cherrys von vor zehn Jahren zu hören. Der titelgebende "Family Tree" wächst aus gleichermaßen erdigem Grund. Melodisch eingängige Vocals und Ben Wells grandiose Gitarrenparts rocken das Ding. Am Schluss geht die Gitarrenspur noch an die Orgel, die der Scheibe den letzten Ton verleiht.

Das Niveau der Aufnahmen ist zumindest technisch durchgängig absolut makellos. Die Unentschlossenheit über eine Wertung ändert sich allerdings auch nach dem gefühlt siebenunddrölfzigsten Hördurchgang nicht. Man befindet sich fast das ganze Album über im Spagat zwischen Pferdekutsche und Harley Davidson. So richtig bequem ist das nicht. Aber halt doch irgendwie cool. Zu cool. So cool wie Jean-Claude Van Damme halt.

Trackliste

  1. 1. Bad Habit
  2. 2. Burnin'
  3. 3. New Kinda Feelin'
  4. 4. Carry Me On Down The Road
  5. 5. My Last Breath
  6. 6. Southern Fried Friday Night
  7. 7. Dancin' In The Rain
  8. 8. Ain't Nobody
  9. 9. James Brown
  10. 10. You Got The Blues
  11. 11. I Need A Woman
  12. 12. Get Me Over You
  13. 13. Family Tree

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2 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    Wow, was für eine Rezi.

    Ein Band die vor Spielfreude und Inspiration nur so übersprudelt 2 Sterne zu vergeben zollt mir höchsten Respekt.
    Leider kann ich es nicht nachvollziehen ausser das Geschmäcker verschieden sind. Betrachtet man dies Genre Neutral sollten meiner Meinung nach mindestens 3-4 Sterne rausspringen. Ist man dem Genre zugeneigt wie ich kommen 4-5 Sterne raus.

  • Vor 2 Jahren

    Seh ich als wirklich grosser BSC Fan leider genauso. Das Album wird bedauerlicherweise mit jedem Mal hören schlechter.Der einzige Song, der mich wirklich überzeugt ist Family tree. Burning ist ok. Ansonsten ist jeder Song ein Cover vom vorherigen. Gospel, Soul, Funk, too much für mich. Keine einzige richtige Ballade. Ich sehne mich nach "Folklore and.." zurück.